Hauptstadt Jerusalem? Ein Weihnachtsmärchen

Israel und der Rest der Welt haben kein nachvollziehbares Recht, Gross-Jerusalem zur Hauptstadt Israels zu küren. Eine Replik auf David Klein.

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Einmal mehr hat mein Musikerkollege David Klein uns BaZ-Leser mit einem seiner verbalen Schlagzeugsolos hellwach gerüttelt (BaZ vom 13. Dezember). Schon öfter hätte man dem tapferen Blechtrommler auf seine vom Justizdepartment in der Vergangenheit bereits schon einmal auf rassistische Äusserungen hin abgeklopften Texte sorgfältig antworten mögen.

Diesmal nun lädt Autor David Klein seine Leser explizit zur Stellungnahme ein – so will ich mich denn entschlossen «outen»: Lieber David Klein, wie viele meiner jüdischen Freunde finde ich, dass Israel und der Rest der Welt kein nachvollziehbares Recht haben, Gross-Jerusalem zur Hauptstadt Israels zu küren. Für einen solchen Coup, der einen zukünftigen Regierungssitz Palästinas im Ostteil der Stadt kategorisch ausschliessen würde, gibt es in meinen Augen keine andere plausible Begründung als die hundsgewöhnlicher Machtpolitik – das weltoffene und säkulare Tel Aviv wäre immerhin ein völlig ausreichender Ersatz für das politische Tagesgeschäft.

Um nicht sofort zum Antisemiten gestempelt zu werden, informiere ich dich gern, dass ich als erster nicht jüdischer deutscher Musikstudent vier wunderbare Jahre in Israel verlebt habe, regelmässig die alten Freunde und Freundinnen besuche und den Alltag des Nahen Ostens ein wenig zu kennen glaube. Den Jom-Kippur-Krieg 1973 nächtelang im Luftschutzbunker verbracht, zwei Terroranschläge aus nächster Nähe miterlebt, gewohnt bei einer Hauswirtin, die 57 Angehörige in Auschwitz verloren hat; mehrere Flüchtlingslager von innen gesehen; mit meinem Trio «Avodah» (hebräisch für «heilige Arbeit») 25 Jahre lang unter anderem mit jüdischer Musik durch Europa gereist, mit arabischen Musikern in Syrien und Jordanien getourt, vor drei Wochen von Konzerten in Beirut zurück.

Falsche Argumente

Trotz meiner langen Liebesbeziehung zur jüdischen Kultur und jüdischen Menschen stelle ich fest, dass auch dein neuer Artikel dermassen mit Halbwahrheiten, populistischen Vereinfachungen und wehleidiger Rhetorik gespickt ist, dass man ihm fast nur mit grimmigem Humor begegnen kann. Die unfreiwillige (?) Komik deines Textes beginnt gleich in den ersten Sätzen, wo du wie ein fünfter Marx-Brother berichtest, die Juden hätten den Monotheismus «erfunden», die Christen dann nach 1000 Jahren «Eigenbedarf angemeldet» und die Muslime sich weitere 600 Jahre später «ein Stück vom (Monotheismus-)Kuchen abgeschnitten», wobei sich Christ und Muselmann «ausgiebig beim Judentum bedient» hätten. Kabarettistisch zusammengefasst: Da Jerusalem durch seine umwälzende Erfindung, genannt Gott, so glänzend reüssiert und als «Heilige Stadt» von der jüdischen Seele unabtrennbar ist, hat Israel als Inhaber des Patents auf Monotheismus eigentlich ein Recht auf Jerusalem, das Filetstück der Region.

Abgesehen davon, dass die zionistischen Architekten des modernen Israel säkulare, oft explizit antireligiöse Menschen waren, abgesehen davon, dass es dir durch deine locker parlierende, im Grunde modern agnostische Diktion eigentlich nicht ansteht, Krokodilstränen über die genuinen religiösen Sehnsüchte eines geprüften Volkes zu vergiessen, abgesehen davon ist fast jedes deiner Argumente in meinen Augen falsch.

1. Der Monotheismus ist keine «Erfindung» und kein «… epochaler Geniestreich oder tragischer Fehler» der Juden, sondern – wenn schon – eine Erfindung des «Reform»-Pharaos Echnaton oder meinetwegen des persischen Religionsgründers Zoroaster. Mehr oder weniger originär an der hebräischen Version ist vielleicht das Bild eines eifersüchtigen, strafenden, rächenden Gottes, der einen exklusiven Bund mit exklusiven Menschen geschlossen hat. Ob es sich da einfach um eine legitime Bewusstseinsstufe in der menschlichen Evolution handelt oder ob das Alte Testament tatsächlich in Teilen ein Klima latenter Grausamkeit und Gewaltbereitschaft widerspiegelt, wie manche jüdische Historiker finden, darüber lässt sich bei einem Glas Wein diskutieren. Einigen können wir uns vielleicht darauf, dass weder Moslems noch Kreuzritter den Begriff «Heiliger Krieg» erfunden haben, sondern laut Altem Testament Gott Jahwe selber, der durch den Mund seiner Propheten wiederholt zum Kampf gegen alle Ungläubigen auffordert. Originalton Gott: «Rufet es aus unter den Heiden! Bereitet euch zum heiligen Krieg! Lasst herzukommen und heraufziehen alle Kriegsleute!» (Joel 4,9). Oder: «Ziehe in den Kampf und schlage Amalek …schone es nicht, sondern töte Männer und Frauen, Kinder und Säuglinge» (1. Samuel, 15,3), etc., etc.

2. Der nach dir «explizite» Antisemitismus in Evangelium und Koran ist als gefährlicher Sprengsatz für spätere Jahrhunderte tatsächlich skandalös. Trotzdem handelt es sich nicht um ein «Kabinettstück» der christlich/muslimischen Gründerzeit, wie du findest, sondern um einen ziemlich banalen psychologischen Vorgang. Als problematisches Beiprodukt der «Erfindung» Monotheismus mit dessen logischer Tendenz zu Ausgrenzung, Rassismus und theologisch untermauertem Erwähltheitsanspruch diente das Verbreiten antijüdischer Stimmungen in den judenchristlichen Gemeinden damals meines Erachtens vor allem dazu, sich entschlossen von der gemeinsamen religiösen Tradition abzuwenden, sich eingrenzend/ausgrenzend neu zu positionieren und die verinnerlichten orthodoxen Normen zugunsten der neuen Glaubenssätze auch in sich selbst zu bekämpfen.

Das Evangelium mit seinen vielen negativen Aussagen über das Judentum wurde bekanntlich von Juden lange nach dem Tod Jesu aufgeschrieben. So wurden dem Rabbi Jesus wohl zum Teil auch aus strategischen Gründen antijüdische Parolen in den Mund gelegt, um nach aussen und innen ein wirkungsvolleres Feindbild zu haben. Selbst die antisemitischen Auslassungen des vom Torah-Lehrer Saulus zum Apostel Paulus Mutierten waren wohl eher ein Versuch, mit pädagogischer Keule die religiös pubertierenden Christengemeinden im Sinne des «Wir Besseren und die anderen» auf Kurs zu halten. Viele «gute» 1968er haben ja auch seinerzeit «Schweinestaat» skandiert, um sich hörbar vom konservativen «bösen» System abzusetzen. Natürlich findet man keine antichristlichen Äusserungen im Alten Testament, schlicht weil es zur Zeit seiner Entstehung noch keine Christen gab. Aber wenn ich nachlese, mit welcher Radikalität das alte Israel seine (polytheistischen) Feinde auszurotten verspricht, sehe ich keinen prinzipiellen Unterschied zu anderen Religionen mit nur einem lieben Gott.

3. Ein menschliches Wohngebiet wird nicht automatisch dadurch zur «Heiligen Stadt», dass hier angeblich der eine und einzige Gott erfunden wurde. Auch das tibetanische Lhasa mit seinem polytheistischen Pantheon oder Rom mit seinen unheiligen Göttern, die sich gelegentlich wie Fellini-Schauspieler benehmen, galten für ihre Bewohner als heiliger Mittelpunkt des Kosmos.

4. Jerusalem wurde 70 n. Chr. durch Kriegswirren zerstört, präziser: als Resultat des fehlgeschlagenen Aufstands ihrer Bewohner gegen eine grausame Besatzungsmacht. Selbst wenn man sich generationenlang nach der verlorenen Heimat sehnt und sie innig in seine Gebete und Anrufungen einbezieht, berechtigt das nicht unbedingt zur robusten Grossmachtpolitik, wenn diese Sehnsucht nach fast 2000 Jahren endlich gestillt ist.

Wie «Likes» auf Facebook

Das Gegenteil wäre stimmiger: Dass niemand mehr von der Erde seiner Vorfahren vertrieben und durch religiöse Siedler ersetzt wird; dass keine Häuser grosser Familien als Kollektivstrafe für den Widerstand Einzelner gesprengt werden; dass Steinwürfe von Kindern und Jugendlichen nicht notwendigerweise mit Gewehrkugeln beantwortet werden. Wäre es wirklich sinnvoll, wenn im Jahre 3947 die Nachfahren von Sudetendeutschen Anspruch auf Teile von Tschechien erhöben, die Sioux-Indianer auf saftige Stücke des Wilden Westens mit seinen Büffelherden? Sorry, nicht ernst gemeint, man möchte ja nicht auf eine Diskussionsebene geraten, wo à la David Klein Werbung mit der Erwähnungshäufigkeit des Namens Jerusalem betrieben wird ähnlich wie mit «Likes» auf Facebook.

Wenn schon die Macht der Mehrheit demonstriert werden soll, dann schlage ich im Namen des brüchigen Weltfriedens vor, dass man die alten religiösen Urkunden nach Worten wie Furcht, Unterwerfung, Vergeltung, Strafe etc. durchforstet und demjenigen Volk den Sicherheitsschlüssel zum Haus Jerusalem anvertraut, in dessen heiligen Büchern solch kriegstreibende Begriffe am wenigsten vorkommen.

Noch besser wäre es, überhaupt kategorisch jede religiöse Rechtfertigung für territoriale Besitzansprüche wegen ihrer Nähe zu Rassismus, Ausgrenzung und Gewalt zum völkerrechtlichen No-Go zu erklären. Ich erinnere mich mit Wärme an meinen israelischen Violinprofessor, der 1975 als militanter Pazifist eine öffentliche Versammlung in Tel Aviv bei laufender TV-Kamera mit dem Vorschlag beglückte, man solle einfach einen internationalen Kochwettbewerb im Nahen Osten ausschreiben, und demjenigen die Stadt Jerusalem schenken, der den besten Shish Kebab (gegrillte Fleischspiesschen) herstellt.

Ohnehin: Wenn laut David Klein die Erfindung des Monotheismus entweder «Geniestreich oder bedauerlicher Fehler» war, warum nicht mit der endgültigen Krönung zur Hauptstadt ein bisschen warten, bis die Frage der realen Existenz Gottes definitiv geklärt ist? Auf jeden Fall finde ich deine Information, auch der deutsche Duden definiere Jerusalem als Hauptstadt Israels, nicht sehr hilfreich. Soll das heissen, dass das Problem Jerusalem im Prinzip gelöst ist, wenn man sozusagen das Menü der voreilig gedruckten Speisekarte anpasst? Und deine Belehrung, dass man zu englischen Mandatszeiten unter «Palästinenser» vor allem eingewanderte Juden verstand: Ändert ein ausgewechseltes Etikettenschild wirklich etwas an der Situation, um die es hier geht? Wie immer, zumindest meine israelischen Freunde (gut verdienende Durchschnittsfamilie, politisch zwischen Mitte und Halbrechts) fürchten den Moment, in dem die Botschaften und Konsulate plötzlich Beine bekommen und von Tel Aviv nach Jerusalem zügeln. Schon jetzt finden diese Bekannten Jerusalem immer unlebbarer – ihrer drastischen Beschreibung nach ist der derzeitige innere Zustand der Heiligen Stadt ein problematischer Hotspot aus dinosaurierhafter Frömmigkeit, erzkonservativer Gesinnung und hektischer Bautätigkeit.

5. Wer wie David Klein unermüdlich mit rhetorischer Wucht auf die Grausamkeit des arabischen Terrorismus hinweist, muss sich behutsam daran erinnern lassen, dass sich Israel seinen unabhängigen Staat zum Teil durchaus pragmatisch herbeigebombt hat, etwa durch die Terrorgruppe um Menachem Begin, den späteren Ministerpräsidenten und Friedensnobelpreisträger. Erinnert sei an das Attentat auf das Jerusalemer King-David-Hotel (91 Tote) und das Massaker im arabischen Dorf Deir Jassin (zwischen 100 und 240 Tote, die meisten davon Zivilisten). Originalton Präsident Begin: «Das Massaker von Deir Jassin war nicht allein gerechtfertigt, sondern ohne den Sieg von Deir Jassin hätte es niemals einen Staat Israel gegeben!» Bei diesen zionistischen Pionieren des Terrors handelte es sich allerdings nicht wie bei den bösen Moslems um gedemütigte und frustrierte Wutbürger oder dumpf fanatisierte Kriminelle, sondern um gebildete wache Menschen ohne Sprengstoffgürtel. Sie wussten, was sie taten.

6. Wenn unser aller Donald Trump, den amerikanische Psychiater ungestraft als irrlichternden Narzissus bezeichnen, eine gewisse Ungeduld zeigt, die amerikanische Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, ist das verständlich – immerhin hat er es nach einem Jahr Amtszeit trotz aller Bemühungen immer noch nicht geschafft, den Dritten Weltkrieg anzuzetteln. Vielleicht kann Trumps Hausarzt seinen Patienten aber doch noch zu einer Ritalin-Therapie überreden, bevor Mr. President unwiderrufliche Facts schafft. Dass Trump laut David Klein seinem Vorgänger Obama für sein pazifistisches Zögern nun «moralische Ohrfeigen verpasst», lässt sich allerdings schwerlich vorstellen, da Trump das Wort Moral gar nicht erst im Repertoire hat.

Strategische Aussagen

Lieber David Klein, selbst du wirst der hochkomplexen Problematik des Nahen Ostens um keinen Fingerbreit näherkommen, auch nicht mit brachialer Wortgewalt. Alles Wichtige ist längst gesagt, zum Teil von klugen und engagierten Menschen, die sich ein Leben lang mit dem Thema beschäftigt haben. Da reicht es nicht aus, wenn ein Basler Trommler die Situation Jerusalems mit Chemnitz und diejenige Ostjerusalems mit Ostberlin vergleicht; wenn er darauf hinweist, dass im 20. Jahrhundert Juden die grösste Bevölkerungsgruppe in Palästina darstellten (und die 1900 Jahre vorher?); wenn er dem wenig informierten Leser in geballter Ladung strategische Aussagen notorischer Israel-Gegner zumutet.

Ich gebe gern zu, dass auch mich manche deiner Informationen und Argumente nachdenklich stimmen. Allerdings lässt mich deren manipulativer und militanter Ton gleichzeitig darum bangen, dass der Hass, mit dem der Musiker David Klein dem Hass so leidenschaftlich entgegentritt, am Ende auf den Heiligen Krieger David Klein zurückfallen könnte. Spielen nicht beim intellektuellen Diskurs dieselben psychologischen Gesetze wie im Kinderzimmer, bei der Orchesterprobe oder in der Weltpolitik?

Volker Biesenbender (*1950) ist Geiger und Buchautor. Er studierte an der Yehudi Menuhin School in London und in Tel Aviv und dozierte unter anderem an der Zürcher Hochschule der Künste. Er lebt in Basel. (Basler Zeitung)

Erstellt: 04.01.2018, 15:20 Uhr

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