Islamische Welt streitet über Verhältnis zu Israel

Die Türkei, Katar und Iran setzen sich als Beschützer der Palästinenser in Szene – Saudiarabien hält sich zurück.

«Befreit Palästina.» In Ankara protestieren zahlreiche Menschen gegen das gewaltsame Vorgehen Israels.

«Befreit Palästina.» In Ankara protestieren zahlreiche Menschen gegen das gewaltsame Vorgehen Israels. Bild: Keystone

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Nachdem vorgestern über 60 Palästinenser bei Protesten gegen Israel ums Leben gekommen sind, hat in der islamischen Welt ein Konkurrenzkampf um die Hauptrolle als Kritiker des jüdischen Staats und Beschützer der Palästinenser begonnen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan machte mit scharfen rhetorischen Attacken gegen den «Terrorstaat» Israel und der Forderung nach einer Dringlichkeitssitzung der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) auf sich aufmerksam. Die Türkei rief zudem ihre Botschafter aus den USA und Israel zurück und forderte den israelischen Botschafter in Ankara zur Ausreise auf.

Für Erdogan bietet das Entsetzen der Türken über die Gewalt in Gaza die Gelegenheit, sich wenige Woche vor den vorgezogenen Neuwahlen im Juni als inoffizieller Sprecher der islamischen Welt zu präsentieren und seinen bisher recht schleppenden Wahlkampf in Fahrt zu bringen. In Istanbul gingen noch am Montagabend mehrere Tausend Menschen auf die Strasse, um gegen Israel zu protestieren.

Erdogan bezeichnete das israelische Vorgehen in Gaza als «Völkermord», liess zum Gedenken an die palästinensischen Opfer eine dreitägige Staatstrauer in der Türkei ausrufen und kündigte für Freitag eine Grosskundgebung gegen Israel am Bosporus an. Der türkische Regierungssprecher Bekir Bozdag sagte mit Blick auf die Gewalt wegen der Eröffnung der neuen US-Botschaft in Jerusalem, auch die Amerikaner hätten «Blut an den Händen».

Verbündet im Kampf gegen Iran

Erdogans offene Kritik an Israel und den USA steht im scharfen Gegensatz zur amtlichen Reaktion Saudi-Arabiens, das zwar die Gewalt in Gaza verdammte, die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem aber nicht einmal erwähnte. Die saudische Führung sucht den Beistand der USA im Kampf gegen den regionalen Rivalen Iran. Die israelischen Angriffe auf iranische Militärstellungen in Syrien vergangene Woche waren vom saudischen Partner Bahrain beklatscht worden.

Das kleine Golf-Emirat Katar hingegen, das mit Saudiarabien seit einem Jahr im Streit liegt, fährt eine härtere Linie und kritisiert die «brutale Mordmaschine» der Israelis. Während die Türkei vor allem rhetorisch und politisch das Rampenlicht sucht, öffnet das reiche Katar die Geldbörse. Das Emirat hat in den vergangenen Jahren mehrere Hundert Millionen Dollar in den Wiederaufbau des Gazastreifens gesteckt, ein Engagement, das von seinen regionalen Gegnern nicht gerne gesehen wird.

Auch Iran bringt sich erneut als grosser Bruder der Palästinenser ins Spiel. Anders als viele arabische Staaten geht Teheran seit Jahren hart mit Israel ins Gericht – ein Grund für das Ansehen der Iraner bei vielen Menschen in der Region. Nach den Todesschüssen von Gaza verdammte die Regierung in Teheran ausdrücklich die «arabischen Kollaborateure» von USA und Israel. Die in Gaza regierende radikal-islamische Hamas wird von Iran finanziell unterstützt. Hamas-Funktionäre erfreuen sich zudem guter Kontakte zur türkischen Regierung.

Saudiarabien in der Zwickmühle

Die Eskalation der Gewalt in Gaza bringt Saudiarabien und seine Verbündeten wie die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) in eine schwierige Lage. Sie sehen Iran als Hauptfeind und wären bereit, die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit mit Israel bei diesem Thema auszuloten. Aber das ist nicht einfach.

Zwar bemüht sich der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman diskret um engere Kontakte zu Israel, doch er muss auf die öffentliche Meinung im eigenen Land achten, in dem der jüdische Staat generell als Feind betrachtet wird. Riad hofft auf Zugeständnisse der Israelis etwa in der Siedlungsfrage, um eine Annäherung an Israel rechtfertigen zu können.

Der Friedensplan von US-Präsident Donald Trump sieht nach unbestätigten Berichten vor, dass Israel vier Bezirke in Ostjerusalem den Palästinensern überlässt. Doch Israel hat solche Kompromisse bisher abgelehnt. Nach dem blutigen Tag in Gaza stehen die Chancen dafür noch schlechter als vorher. (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.05.2018, 09:41 Uhr

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