Kampfplatz des Nahen Ostens

Nach Trumps Rede zu Jerusalem: Eine kurze Geschichte der heiligsten Stadt der Welt.

Mehr als 1000 Jahre lang war Jerusalem ausschliesslich jüdisch, 400 Jahre war die Stadt christlich und 1300 Jahre lang islamisch.

Mehr als 1000 Jahre lang war Jerusalem ausschliesslich jüdisch, 400 Jahre war die Stadt christlich und 1300 Jahre lang islamisch. Bild: Keystone

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In seiner mehrtausendjährigen Geschichte hat Jerusalem viele Höhen und Tiefen durchlaufen. Manchmal war es ein unbedeutendes Kaff irgendwo in den judäischen Bergen. Dann war es wieder begehrtes Heiligtum, das Reichtum, Fromme und Heere anlockte. Die Stadt wurde wiederholt zerstört und wieder aufgebaut, stand im Zentrum der Faszination oder blieb unbeachtet.

Mehr als 1000 Jahre lang war Jerusalem ausschliesslich jüdisch, 400 Jahre war die Stadt christlich und 1300 Jahre lang islamisch. Und keine der drei Religionen errang die Herrschaft in der «Stadt des Friedens» mit friedlichen Mitteln.

Derzeit geht es wieder um Krieg oder Frieden. Aktueller Anlass ist die Absicht von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen und später die Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen. Das hat vor allem symbolische Bedeutung. Dass das trotzdem weltweit auf heftige Kritik stösst – in Europa und im Mittleren Osten – zeigt eindrücklich, wie konfliktträchtig diese Stadt ist – und wie viel Sprengkraft nach wie vor in ihr steckt.

Jerusalem, schreibt der britische Historiker Simon Sebag Montefiore, sei der Kampfplatz des Nahen Ostens, «das Schlachtfeld des westlichen Säkularismus gegen islamischen Fundamentalismus, ganz zu schweigen vom Kampf zwischen Israel und Palästina.» Wer in Europa lebt, kann es sich vielleicht kaum vorstellen, dass das im Jerusalem des 21. Jahrhunderts Realität ist: Die Zahl der fundamentalistischen Endzeitgläubigen unter Christen, Juden und Muslimen nimmt zu. Jerusalems apokalyptische und politische Rolle, so Montefiore, werde immer stärker befrachtet.

Stadt der Sehnsucht und Ehrfurcht

Das war schon vor Trump und seinem Jerusalem-Entscheid der Fall. Was Jordaniens König Abdullah indessen vor sieben Jahren sagte, klingt heute so, als hätte das gestrige Diktum des Weissen Hauses intuitiv vorausgesehen. Jerusalem, warnte Abdullah, sei ein Pulverfass, das jederzeit hochgehen könne und fügte hinzu: «Alle Wege in unserem Teil der Welt, alle Konflikte führen nach Jerusalem.» Ohne Frieden in dieser komplexen und komplizierten Stadt gebe es deshalb kaum Aussichten auf harmonische Zeiten in der Region

Aus diesem Grunde, sagte der Monarch an die Adresse der USA, müsse der Präsident der USA die verschiedenen Seiten selbst in den ungünstigsten Momenten zusammenbringen.

Ex-Immobilienhändler Trump tut nun genau das Gegenteil: Er spaltet. Auch wenn ihm die komplexe Nahostproblematik vielleicht noch nicht ganz vertraut ist, wäre schon viel gewonnen, wenn er wenigstens Grundsätze aus seinem früheren Leben beherzigen würde: Wer Konzessionen macht, fordert eine Gegenleistung.

An Modellen, wie der Versöhnungs-Deal aussehen könnte, mangelt es in der Tat nicht. Während des 20. Jahrhunderts wurden mehr als 40 Pläne für Jerusalem ausgearbeitet. Alle sind gescheitert. Oft fehlte den Palästinensern der politische Wille, auf israelische Angebote einzugehen. So haben drei israelische Regierungschefs den Palästinensern vorgeschlagen, Jerusalem mit ihnen zu teilen, Altstadt inklusive. Doch weder PLO-Chef Yassir Arafat noch sein Nachfolger Mahmoud Abbas brachten den Mut zum Kompromiss auf. Stattdessen bestanden sie auf der Politik «Alles oder nichts» – und verloren.

Zur Faszination und Komplexität dieser Stadt gehört, dass in ihrer Altstadt auf einem Quadratmeter die drei wichtigsten Weltreligionen ihren Anspruch auf Präsenz durchsetzen. Für orthodoxe Juden ist Jerusalem seit jeher Stadt der Sehnsucht und der Ehrfurcht. Sie beten in der Richtung von Jerusalem, wo einst der Zweite Tempel stand. So wichtig ist die Stadt im Judentum, dass sie im Alten Testament 587 Mal erwähnt wird. In unmittelbarer Nähe des Tempelbergs steht die Kirche, in deren Zentrum Christen am Grab Jesu beten. Und an der Stelle, wo einst das jüdische Heiligtum stand, bauten Moslems den Felsendom um den Stein herum, von dem aus Prophet Mohammed seine nächtliche Reise angetreten haben soll.

Den Osmanen entrissen

In die Neuzeit katapultiert wurde Jerusalem vor genau hundert Jahren. Im Dezember 1917 entriss der britische General Edmund Allenby die Stadt den Osmanen, die sie seit 1517 kontrolliert hatten. Die Briten, sagt Historiker Yehoshua Ben-Arieh von der Hebräischen Universität, etablierten Jerusalem wieder als Hauptstadt – erstmals seit den Zeiten des Zweiten Tempels vor 2000 Jahren. Damit begann erneut der Aufstieg der Stadt, die seither immer wieder im Zentrum von Konflikten steht.

Aus heutiger Sicht erstaunlich ist das überraschende Desinteresse der ersten Zionisten an der Heiligen Stadt. Sie machten einen grossen Bogen um Jerusalem. Die Stadt war ihnen zu religiös. Mit ihren orthodoxen Juden erinnerte sie die Altstadt Jerusalems an das Leben im osteuropäischen Schtetl der Diaspora, von dem sie sich befreien wollten. Zudem hatten die Zionisten, die einen säkularen, liberalen Staat anstrebten, den Eindruck, dass ihnen die Heiligen Stätten des Islam und des Christentums die Durchführung ihrer Pläne erschweren würden. Die jüdischen Einwanderer begeisterten sich mehr für die erste hebräische Stadt am Mittelmeer, die 1909 gegründet worden war: Tel Aviv.

Auch Theodor Herzl, der in Basel den politischen Zionismus gründete, war von Jerusalem gar nicht angetan. Als er vor der Klagemauer stand, stellten sich bei ihm Gefühle der Abneigung ein: «Wie viel Aberglauben und Fanatismus von allen Seiten,» notierte er sich bei seinem Besuch in Jerusalem. Herzl sah den Zionismus als areligiöse Bewegung.

Spätestens 1967 änderte sich der Stellenwert der Religion. Im Laufe des Sechs-Tage-Kriegs eroberten israelische Truppen damals die Altstadt und damit die Klagemauer, die ab 1948 von Jordanien besetzt waren. Bilder von Soldaten, die an der Klagemauer beten, zu der Juden erstmals Zugang hatten, sind seither Teil des nationalen Mythos. In der Folge stieg Jerusalems symbolische und auch religiöse Bedeutung.

1980 verabschiedete die Knesset ein Gesetz, die das vereinigte Jerusalem in seiner Ganzheit zur Hauptstadt Israels erklärte.

Simon Sebag Montefiroe: Jerusalem. Die Biographie. S. Fischer Verlag, 2011. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.12.2017, 07:51 Uhr

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