Tödliche Hetzjagd auf Christen in Ägypten

Die Lage der koptischen Minderheit in Ägypten wird immer dramatischer: Mindestens fünf Menschen wurden seit der Absetzung von Präsident Mursi getötet, weil sie Christen waren.

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Die Flucht war filmreif: Emile Nasim und sein Neffe kletterten aufs Dach ihres Hauses in einem südägyptischen Dorf – und rannten um ihr Leben. Mit dem Mut der Verzweiflung sprangen sie von Hausdach zu Hausdach, um dem aufgebrachten Mob zu entkommen. Doch irgendwann gingen ihnen die Dächer aus und sie mussten runter auf die Strasse. Nasim wurde von mehreren Dutzend Männern erwischt und mit Äxten, Keulen und Ästen zu Tode geprügelt. Der Neffe entkam schwer verletzt.

Der Grund für den Lynchmord: Nasim war Kopte, Angehöriger einer christlichen Minderheit in Ägypten. Etwa jeder zehnte Ägypter zählt zu den koptischen Christen, einer orthodoxen Religionsgemeinschaft, die sich in der Tradition des Evangelisten Markus sieht. Derzeit leben sie extrem gefährlich in Ägypten.

Der Mord an Nasim fand zwei Tage nach der Absetzung des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi statt und war Teil eines Pogroms im Dorf Nagaa Hassan am Westufer des Nils unweit der Grossstadt Luxor. Dutzende von Häusern wurden in Brand gesetzt und drei weitere Christen wurden getötet. Nasim war der bekannteste von ihnen: Immer wieder hatte der 41-Jährige öffentlich zum Sturz von Mursi aufgerufen.

Christen als Sündenböcke

Auslöser der Hatz auf Kopten war ein Leichenfund im Morgengrauen: Ein muslimischer Bewohner von Nagaa Hassan war getötet worden, und für den Mob konnte es nur die verhassten Christen gewesen sein. Rund 30 Häuser und Geschäfte von Kopten wurden gestürmt, deren Fenster zerschmissen und die Gebäude teilweise in Brand gesetzt. Menschen, die das verhindern wollten, spielten mit ihrem Leben. Die meisten Christen flüchteten sich in ihre Kirche.

Nasim aber hatte keine Chance: Der Geschäftsmann galt als wichtigster Gegner Mursis in seinem Dorf. Vorsichtshalber hatten er und seine Frau sich bei Verwandten versteckt, aber diese Information war bereits an die islamischen Fundamentalisten durchgesickert. Sie umstellten das Haus seiner Verwandten und zündeten es an, um die Familie auszuräuchern. Die Polizei tauchte zwar auf, war dem Mob jedoch zahlenmässig hoffnungslos unterlegen. Die Polizisten handelten immerhin aus, Frauen und Kinder aus dem Haus evakuieren zu dürfen.

Nasim und seine männlichen Verwandten versuchten den naheliegenden Trick, sich mit Frauenkleidern in den Schutz der Polizei zu begeben, wurden aber von den Polizisten zurückgewiesen. Offenbar fürchteten die Sicherheitskräfte, dass die wütende Menschenmenge die Volte durchschauen würde. Nachdem die Polizei mit den Frauen und Kindern abgezogen war, stürmten die bärtigen Männer das Haus. Zwei Cousins von Nasim und ein Nachbar schafften es nicht einmal aufs Dach: Sie wurden noch im Haus zu Tode geprügelt und erstochen.

«Emile liess sich nicht den Mund verbieten»

Nasims Freunde sagen, er habe monatelang Unterschriften für die Absetzung Mursis gesammelt. Nasim war Mitglied der Tamarod-Gruppe, einer überwiegend von Jugendlichen organisierten Oppositionsbewegung, deren Name für Rebellion steht. Nasims bester Freund Emile Nasir sagt: «Emile war praktisch der örtliche Tamarod-Anführer und liess sich von den Fundamentalisten nicht den Mund verbieten». Nasim habe bereits Wochen vor dem Pogrom per SMS Morddrohungen erhalten.

In anderen Gegenden Ägyptens gab es ähnliche Vorfälle. So wurde auf der von Islamisten dominierten Sinai-Halbinsel ein koptischer Priester auf einem Wochenmarkt aus einem vorbeifahrenden Auto heraus niedergeschossen. Insgesamt kam es in der Woche nach Mursis Absetzung in sechs der 27 ägyptischen Provinzen zu Gewalttätigkeiten gegen Kopten.

Kopten fordern Mitspracherecht

Bis zum Sturz des langjährigen Präsidenten Hosni Mubarak vor gut zwei Jahren hielten sich die Kopten aus der Politik in aller Regel heraus. Lediglich die Kirchenführung traute sich, vorsichtig ihr Anliegen vorzubringen. Aber seit Mubarak nicht mehr im Amt ist, fordern immer mehr Kopten ein Mitspracherecht an den Geschicken des Landes. «Die Christen sind aus dem Schutz ihrer klerikalen Roben hervorgekommen und werden niemals wieder darunter zurückschlüpfen», beurteilt Ezzat Ibrahim aus der mittelägyptischen Provinz Minja die neue Lust der Kopten auf Politik. In Minja gibt es mit rund 35 Prozent überdurchschnittlich viele Christen.

In der dortigen Koptenhochburg Dalaga gebe es eine ähnliche Hetzjagd auf Christen, nur ohne Tote, erzählt Anwohner Buschrah Ischaron. Die Meute habe in Abwandlung des muslimischen Glaubensbekenntnisses gerufen: «Es gibt keinen Gott ausser Allah und die Christen sind seine Feinde».

Die Kairoer Koptin Marina Sakaria sagt, dass ihre Eltern ihr die Auswanderung ans Herz gelegt hätten. «Ich denke nicht daran», sagt die 21-Jährige aber. «Die Christen verkriechen sich immer noch in den Kirchen, weil sie Angst haben», klagt sie. «Mit so einer Haltung werden wir weiter diskriminiert und finden niemals unseren Platz im politischen Leben.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.07.2013, 21:01 Uhr

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