Wenn der Krieg das Fest der Freude zerstört

Rund 1,8 Millionen Christen leben in Syrien. Mitten im Krieg ist für sie Weihnachten kein besinnliches Fest. Zu gross sind Armut und die Angst vor einer Machtübernahme durch die Islamisten.

Während des Krieges beschädigt: Turm des Liebfrauenklosters in Saidnaya im Süden von Syrien. (Archivbild)

Während des Krieges beschädigt: Turm des Liebfrauenklosters in Saidnaya im Süden von Syrien. (Archivbild) Bild: AFP

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Früher lockte der aufwändige Weihnachtsschmuck in den Schaufenstern von Kasaa, einem christlich geprägten Viertel in Damaskus, Christen wie Muslime in Scharen an. Dieses Jahr ist in den Strassen keine Weihnachtsdekoration zu sehen. Nach monatelangen Kämpfen zwischen der Armee von Syriens Machthaber Bashar al-Assad und aufständischen Truppen mit mehr als 44'000 Toten ist den rund 1,8 Millionen Christen im Land nicht nach Feiern zu Mute. Sie trauern um getötete Angehörige, aus Angst vor der Gewalt auf den Strassen wollen sie nicht in die Messe gehen, für Geschenke haben sie kein Geld.

«Ich habe überhaupt keinen Grund zu feiern», sagt Georges, der wie viele Gesprächspartner in Syrien seinen Nachnamen lieber für sich behält. Gerade an einem so wichtigen Feiertag wie Weihnachten wird dem 38-jährigen Buchhalter aus Damaskus schmerzhaft bewusst, wie sehr er seine Familie vermisst. «Wie soll ich feiern, jetzt, wo viele meiner Verwandten geflohen sind und wir geliebte Menschen verloren haben?»

Angst vor islamistischer Macht

Die Ingenieurin Nadine hofft, das nächste Weihnachtsfest in Sicherheit zu feiern. Nachdem sie sich lange gegen die Flucht ins Exil gesträubt hatte, stellte sie einen Antrag für ein Visum für die USA, wo bereits ihre Mutter und andere Verwandten leben. «Ich sehe keine Lösung des Konflikts», sagt Nadine. Wie sie entscheiden sich viele syrische Christen zur Flucht.

Die in der Heimat Gebliebenen begehen Weihnachten in aller Stille. Viele Christen beteten eher zu Hause als in die Christmesse zu gehen, sagt das Oberhaupt der arabischen protestantischen Kirche in Aleppo, Ibrahim Nassir. Allerdings blieben die Christen nicht daheim, weil sie fürchteten, wegen ihres Glaubens ins Visier zu geraten, sondern wegen der allgemeinen Unsicherheit im Land.

In dem seit gut 21 Monaten wütenden Konflikt haben viele syrische Christen versucht, neutral zu bleiben. Andere schlugen sich auf die Seite von Assad, aus Angst, dass im Falle seines Sturzes Islamisten die Oberhand gewinnen. Den Christen steht deutlich vor Augen, dass im benachbarten Irak nach dem Sturz von Machthaber Saddam Hussein 2003 ihre Glaubensbrüder zur Zielscheibe von Anschlägen und Drohungen wurden.

Kaum Geld, um die Familie zu ernähren

Am Samstag drohten syrische Aufständische in einem online veröffentlichten Video, das die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte verbreitete, den Bewohnern der christlichen Orte Mharda und al-Skilbija mit Angriffen, wenn sie sich nicht gegen Assads Truppen erheben. Die Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OCI) verurteilte die Drohungen und warnte vor einem Abgleiten des Konflikts «ins Konfessionelle». Die in Damaskus lebende Christin Mariam etwa hat Angst, dass Assads Gegner sie zwingen, «einen Schleier zu tragen, nicht mehr zu arbeiten und zu Hause zu bleiben».

Doch nicht nur die politische Zukunft ihres Landes macht den syrischen Christen Sorgen. Ihnen fehlt es am Notwendigsten zum Überleben. Laut Staatsmedien hat die Inflation die Kaufkraft der Syrer um ein Drittel verringert, die internationalen Wirtschaftssanktionen hätten bei Gebrauchsgütern zu einem Preisanstieg von bis zu 65 Prozent geführt. An Weihnachtseinkäufe ist für die meisten Christen, die etwa fünf Prozent der syrischen Bevölkerung ausmachen, also nicht zu denken.

«Ich konnte den Kindern keine Geschenke und Spielsachen kaufen», sagt Bassem, ein Christ aus Damaskus. Schon 2011 habe der Konflikt das Weihnachtsfest überschattet. «Vergangenes Jahr haben wir klein gefeiert. Dieses Jahr habe ich nicht einmal genug Geld, meine Familie zu ernähren», klagt Bassem.

Auch Rand Sabbagh lässt Weihnachten ausfallen. Ihr Lebensgefährte, der christliche Filmemacher und Aktivist Bassel Schehade, war im Mai getötet worden. Das Gedenken an die Geburt des Heilands am Weihnachtsfest tritt laut Sabbagh angesichts von schätzungsweise mehr als 44'000 Toten in dem syrischen Konflikt in den Hintergrund. «Fast jede Familie hat jemanden verloren», sagt sie. «Wir haben uns nie vorgestellt, dem Tod so nahe zu kommen.» (kpn/AFP)

Erstellt: 23.12.2012, 19:28 Uhr

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