Der alte Mann und das Urteil der Geschichte

Vom Hoffnungsträger zum Problemfall, vom Präsidentenpalast auf die Anklagebank: Morgen beginnt der Prozess gegen Hosni Mubarak. Die Wut im Volk ist gross – am Ende könnte ein Todesurteil stehen.

«Er ist ein Mörder»: Das ägyptische Volk hat sein Urteil über den gestürztrn Machthaber bereits gefällt (Bild vom 11. Dezember 2010).

«Er ist ein Mörder»: Das ägyptische Volk hat sein Urteil über den gestürztrn Machthaber bereits gefällt (Bild vom 11. Dezember 2010). Bild: Reuters

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«Er ist ein Mörder», sagt Alaa Chaled über Hosni Mubarak. «Und wer getötet hat, muss getötet werden.» Bei den Protesten, die zum Sturz des ägyptischen Staatschef am 11. Februar führten, starb Chaleds Zwillingsbruder. Eines von rund 850 Todesopfern beim Aufstand der Ägypter gegen den Mann, der sein Land 30 Jahre lang mit eiserner Hand regierte.

Ab morgen muss sich Mubarak nun vor Gericht verantworten, wegen Korruption, Amtsmissbrauchs und wegen der blutigen Gewalt gegen die Demonstranten. Sollte er wegen Mordes schuldig gesprochen werden, droht im die Todesstrafe. Nicht nur Alaa Chaled fordert die Höchststrafe für Mubarak, auch viele weitere Angehörige der Opfer des brutalen Vorgehens von Mubaraks Sicherheitskräften wünschen sich ein solches Urteil. «Wir sind nicht sicher, ob er vor Gericht erscheinen wird», sagt Said Sidan, dessen Cousin bei den Protesten starb. «Aber wenn es nicht geschieht, dann sorgen wir selbst dafür, dass er zur Rechenschaft gezogen wird. Und wir sind nicht unparteiisch.»

Prozess im improvisierten Gerichtssaal

Nicht nur Mubarak soll ab morgen vor Gericht stehen. Auch seine Söhne Gamal, der einst die Nachfolge seines Vaters angestrebt hatte, und Alaa, ein wohlhabender Geschäftsmann, müssen sich vor dem Strafgericht in der Hauptstadt Kairo verantworten. Sie waren Mitte April festgenommen worden und befinden sich im Gefängnis von Tora südlich von Kairo in Haft. Wie auch ihr Vater sollen sie sich in dessen Amtszeit auf Kosten der Bevölkerung bereichert haben. Das Vermögen der Familie wurde eingefroren; wie viel es genau ist, ist unbekannt.

Angeklagt sind ausserdem Ex-Innenminister Habib al-Adli, sechs Mitarbeiter aus dessen Ministerium und der Geschäftsmann Hussein Salem, der enge Beziehungen zu Mubarak pflegte. Der Auftakt des Prozesses wird aus Sicherheitsgründen in der Polizeiakademie in Kairo stattfinden. Zuvor war erwogen worden, das Verfahren in der Investitions- und Handelsbehörde auf dem internationalen Messegelände in Kairo abzuhalten.

Vom Hoffnungsträger zum Problemfall

Fast drei Jahrzehnte war Mubarak an der Macht. Die Präsidentschaft hatte er nach der Ermordung Anwar al Sadats 1981 aus einer Krise heraus übernommen. Für viele seiner Landsleute war er ein Symbol für Stabilität. Doch der ehemalige Kampfpilot und Luftwaffenchef wurde für sein Volk zum eigentlichen Problem.

Mubarak unternahm zaghafte Schritte hin zu demokratischen Reformen, zog sich dann aber wieder auf das autoritäre System zurück, das gepaart mit Armut und Korruption die Menschen auf die Strasse trieb. Und dass er offenbar seinen Sohn Gamal als Nachfolger heranzog, nahm vielen Ägyptern jede Hoffnung, dass sich etwas ändern könnte.

In seinen frühen Jahren als Präsident war Mubarak durchaus willkommen. Er erntete Lob dafür, dass er Ägypten nicht in die Hände islamistischer Extremisten fallen liess, und war in all den Krisen im Nahen Osten ein treuer Verbündeter des Westens. Sein ernsthaftes, vorsichtiges Image gab vielen Ägyptern Sicherheit – auch manchen von denen, die in den Strassen nach seinem Sturz riefen.

Immer im Schatten von Sadat und Nasser

Seine politische Glaubwürdigkeit schien dennoch irreparabel beschädigt. Diese Angreifbarkeit begann, zumindest rückblickend, schon vor Jahrzehnten. Mubarak hat nicht das Charisma seiner zwei legendären Vorgänger - des Friedensstifters Anwar al Sadat und des Nationalisten Nasser - und stand immer in deren Schatten.

Zudem musste er sich mit den Problemen herumschlagen, mit denen sich die ganze arabische Welt in neuerer Zeit plagt: wirtschaftliche Stagnation, blühende Korruption, der Nahost-Konflikt und die Bekämpfung des radikalen Islamismus auf Kosten bürgerlicher Freiheiten. «Es ist ein sehr harter Job», sagte Mubarak einmal in einem Interview. «Vom Aufwachen bis zum Einschlafen nichts als Ärger.»

Mit der Demokratie wurde er nie richtig warm

Im Lauf der Jahre wurde Mubarak unnahbarer, seine Auftritte in der Öffentlichkeit sorgfältig inszeniert; sein autoritärer Stil passte immer weniger in die neue, nach Offenheit strebende Zeit. Der Unmut über sein Regime wuchs vor allem in den letzten Jahren, als neue Pressefreiheiten das brutale Vorgehen der Polizei aufdeckten und von einer Reihe von Wirtschaftsreformen nur die Wenigsten etwas hatten.

2005 versuchte Mubarak es mit demokratischen Reformen und liess Gegenkandidaten zur Präsidentschaftswahl zu, machte aber, als die Opposition Erfolge hatte, eine radikale Kehrtwende und liess seinen Gegenspieler Ajman Nur und führende Vertreter der Muslimbruderschaft ins Gefängnis werfen.

Ein alter, kranker Mann

Seit seinem Sturz am 11. Februar hat sich Mubarak nicht mehr öffentlich gezeigt. Zunächst hielt er sich in seiner Residenz in Scharm el Scheich am Roten Meer auf, im April wurde er mit Herzproblemen in das Krankenhaus des Badeorts gebracht, wo er unter Arrest steht. Über den Gesundheitszustand des 83-Jährigen gibt es seitdem widersprüchliche Berichte. Laut seinem Anwalt leidet Mubarak an Magenkrebs, offiziell bestätigt ist das nicht. Angaben des Anwalts vom Juli, Mubarak befinde sich im Koma, wurden von der Krankenhausleitung und dem Gesundheitsministerium zurückgewiesen.

Laut dem Ministerium ist sein Zustand stabil genug für eine Überführung zum Prozess nach Kairo, aus dem Krankenhaus hiess es dagegen, dass der Ex-Staatschef jegliche Nahrungsaufnahme verweigere und schwach und «depressiv» sei. Fest steht jedenfalls: Mubarak, der einstige Pharao, ist ein alter und kranker Mann. Vielleicht auch deswegen haben viele Ägypter kein sonderlich grosses Interesse an dem Prozess.

«Er soll zur Rechenschaft gezogen werden und dann muss aber Schluss sein», sagt Sabrin Abi, die auf dem Tahrir-Platz, der das Zentrum der Proteste gegen Mubarak war, gegrillten Mais verkauft. «Wir wollen zu unserem normalen Leben zurückkehren.» Und Chaled Bu Ali, der auf dem Platz weiter gegen die Missstände in seinem Land protestiert, will viel lieber über die Zukunft reden als über die Vergangenheit. «Der Prozess ist nicht die Lösung, es gibt wichtigere Dinge. Etwa eine neue Verfassung, oder das Parlament wählen.» (ami/AFP/dapd)

Erstellt: 02.08.2011, 20:12 Uhr

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Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat einen fairen Prozess für den gestürzten ägyptischen Staatschef Husni Mubarak gefordert. Das Verfahren sei eine «historische Möglichkeit» für das Land, einen früheren Machthaber und seinen Führungszirkel für die unter ihrer Herrschaft begangenen Verbrechen zu belangen, sagte Malcolm Smart, Amnesty-Direktor für Afrika und den Nahen Osten. Dazu müsse das Verfahren aber «transparent und fair» ablaufen.

Die ägyptische Regierung hat derweil einem Medienbericht zufolge die Verlegung Mubaraks aus einer Klinik im Badeort Scharm el Scheich am Roten Meer in die Hauptstadt Kairo angeordnet. Die Entscheidung, den 83-Jährigen in einem Militärflugzeug nach Kairo zu bringen, habe das Innenministerium am Vortag gefällt, berichtete die ägyptische Tageszeitung «Al Masri al Youm» heute unter Berufung auf Ressortchef Mansur el Issawi.

Bis zuletzt war unklar, ob Mubarak unter Verweis auf seinen Gesundheitszustand dem gegen ihn angestrengten Prozess fernbleiben könnte. Der ehemalige Machthaber hat sich seit seinem Sturz im Februar nicht mehr in der Öffentlichkeit gezeigt. (ami/afp)

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