Zwei Schlauchboote gesunken – 170 tote Migranten befürchtet

Vor Libyen und Marokko haben sich zwei grosse Tragödien ereignet. An Bord waren offenbar auch Kinder.

Vor der libyschen Küste kentern immer wieder Schlauchboote, wie dieses im März 2018. Foto: Reuters/Hani Amara/Archiv

Vor der libyschen Küste kentern immer wieder Schlauchboote, wie dieses im März 2018. Foto: Reuters/Hani Amara/Archiv

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Beim Untergang zweier Schlauchboote im Mittelmeer sind vermutlich mehr als 170 Menschen ertrunken. 53 Menschen starben bei einem Bootsunglück zwischen Marokko und Spanien, wie das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR am Samstag mitteilte. Weitere 117 Migranten galten vor der libyschen Küste als vermisst, wo am Freitag ein Schlauchboot in Seenot geraten war.

Beim Unglück vor Libyen waren nach Angaben von drei geborgenen Überlebenden insgesamt 120 Menschen an Bord. Das teilte der Sprecher der Internationalen Organisation für Migration (IOM), Flavio Di Giacomo, am Samstag auf Twitter mit. Die drei hatte die italienische Marine am Freitag vor der libyschen Küste gerettet und mit Unterkühlung in ein Spital auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa gebracht. Sie seien traumatisiert und stünden unter Schock, erklärte die IOM. Sie gaben an, etwa drei Stunden im Meer getrieben zu sein, bevor sie gerettet wurden.

«Sie haben uns gesagt, dass auf dem Schlauchboot, das in Libyen Donnerstagnacht abgelegt hat, 120 Personen waren», sagte Di Giacomo der Nachrichtenagentur Adnkronos. Gemäss dem IOM-Bericht bestätigte einer der Überlebenden diese Angaben unabhängig von den zwei anderen. Unter den 117 Vermissten seien auch zehn Frauen und zwei Kinder, eines davon erst zwei Monate alt. An Bord seien demnach vor allem Westafrikaner und etwa 40 Sudanesen gewesen. «Nach zehn bis elf Stunden Fahrt begann dem Boot die Luft auszugehen, und es fing an zu sinken. Die Menschen sind ins Meer gefallen und ertrunken», so der IOM-Sprecher weiter.

Zunächst hatte die italienische Marine von einer sehr viel geringeren Anzahl Personen gesprochen. Ein italienisches Militärflugzeug habe ein «Schlauchboot mit 20 Menschen an Bord gesichtet», sagte Admiral Fabio Agostini in einem auf Twitter verbreiteten Fernsehinterview. Das Boot sei am Freitag rund 90 Kilometer nordöstlich der libyschen Hauptstadt Tripolis in Seenot geraten.

Dabei habe sich bereits ein Rettungsboot der libyschen Küstenwache auf dem Weg zur Unglücksstelle befunden, sagte deren Sprecher Ajub Kasim. Unterwegs habe das Boot der Küstenwache jedoch eine Panne gehabt.

Seit die populistische Regierung in Italien die Häfen des Landes für Migranten weitgehend geschlossen hat, kommen dort immer weniger Migranten an, die zumeist in Libyen ablegen. Italien und die EU unterstützen die libysche Küstenwache darin, die Menschen wieder in das Bürgerkriegsland zurück zu bringen. Allerdings sind die Schlepper nun über andere Routen ausgewichen, vor allem in Richtung Spanien.

Auf dieser Route soll es nun im Alborán-Meer zwischen Marokko und Spanien 53 Tote geben, wie das UNHCR unter Berufung auf eine Hilfsorganisation mitteilte. Ein Überlebender habe das in Marokko angegeben, nachdem er 24 Stunden auf dem Meer getrieben und von einem Fischerboot gerettet worden war. Die Angaben zu beiden Unglücken könnten unabhängig nicht geprüft werden, so UNHCR.

Papst Franziskus betete am Sonntag für die Toten. «Sie suchten eine Zukunft, Opfer vielleicht von Menschenhändlern. Beten wir für sie und für die, die verantwortlich sind.»

Europa uneinig

Europa streitet seit Jahren über eine gleichmässigere Verteilung von Bootsmigranten. Ein grosser Teil reist bislang nach Deutschland. 2017 registrierte Deutschland laut Eurostat 198'000 Asylbewerber, was 31 Prozent aller Erstantragsteller in der EU ausmachte.

«Ohne sichere und legale Wege für Menschen, die Sicherheit in Europa suchen (...), bleibt das Mittelmeer ein Friedhof», twitterte die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Seit Beginn des Jahres sind laut IOM im Mittelmeer nun rund 200 Menschen gestorben. Laut IOM überquerten in den ersten 16 Tagen des Jahres bereits 4216 Migranten das Mittelmeer – knapp doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum.

Italiens rechter Innenminister Matteo Salvini sieht die Schuld für die Toten auch bei den privaten Hilfsorganisationen, die Migranten aus dem Meer bergen. «Solange Europas Häfen offen bleiben, solange jemand den Schleppern hilft, machen die Schlepper leider weiter Geschäfte und töten weiter», erklärte er. Allerdings sind derzeit kaum mehr NGOs auf dem Meer aktiv.

Tagelang auf Meer blockiert

Denn seit letztem Sommer wurden mehrere Rettungsschiffe mit Migranten tagelang auf dem Meer blockiert. Darunter waren zuletzt zwei Schiffe der deutschen Hilfsorganisationen Sea-Watch und Sea-Eye, die erst nach wochenlangem Gezerre die Migranten an Malta abgeben durften, wo sie dann auf andere Länder verteilt werden sollten.

Sea-Watch nahm jetzt erneut an anderer Stelle im Mittelmeer Migranten auf. Die Berliner NGO erklärte, dass sie 47 Menschen aus Seenot gerettet habe. Die Menschen von einem Schlauchboot seien nun sicher und versorgt. Wohin die «Sea-Watch 3» fahren kann, ist allerdings unklar.

Sea-Watch-Sprecher Ruben Neugebauer sagte, man warte nun auf Anweisungen. Salvini erklärte umgehend, nach Italien dürften sie nicht. Sie sollten nach Berlin oder Hamburg fahren. Die nächste Hängepartie zeichnet sich somit ab.

(mac/anf/sda)

Erstellt: 20.01.2019, 13:05 Uhr

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