Der lange Schatten Leopolds II.

Belgien tut sich schwer mit seinem Erbe als Kolonialmacht. Das zeigt sich auch im königlichen Afrika-Museum, das nach langer Renovation wieder eröffnet wird.

Ein Affenskelett aus dem Kongo liegt gut verpackt im Keller des königlichen Museums für Zentralafrika, das an die belgische Kolonialzeit erinnern soll. Foto: Getty Images

Ein Affenskelett aus dem Kongo liegt gut verpackt im Keller des königlichen Museums für Zentralafrika, das an die belgische Kolonialzeit erinnern soll. Foto: Getty Images

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Es ist eine ganz besondere Baustelle vor den Toren Brüssels, auf der letzte Arbeiten abgeschlossen, die Gerüste entfernt und die Scheiben poliert werden. Europas letztes grosses Kolonialmuseum öffnet am 9. Dezember nach fünf Jahren Renovation neu die Tore. Und die Frage wird sein, ob Belgien knapp 60 Jahre nach der Unabhängigkeit des Kongo den kritischen Blick auf seine Rolle als Kolonialmacht endlich schafft.

Guido Gryseels ist der Mann, auf dem nun die Erwartungen ruhen. Der Belgier ist seit 2001 Direktor des königlichen Museums für Zentralafrika, einst erbaut im Auftrag von König Leopold II. In seinem Büro am Ende der 15 Kilometer langen Prachtstrasse, die vom Stadtzentrum hinaus zum palastähnlichen Gebäude führt, kann Gryseels über einen weitläufigen Park mit Weihern sehen. Das Problem sei nicht gewesen, die technischen Installationen auf den neusten Stand zu bringen, antwortet er auf die Frage, ob es gelingen würde, den Geist von König Leopold II. aus den alten Gemäuern zu vertreiben.

Der einzige König mit einer Privatkolonie

Es gab durchaus Stimmen, die dafür plädierten, das Haus einfach zu schliessen. Oder ein neues Museum neben das alte zu stellen. Denn das Museum war nie nur Ausstellungsort, sondern auch ­Symbol für Belgiens blutige Kolonial­geschichte. König Leopold II. war der einzige Herrscher mit einer Privatkolonie – dem Kongo, immerhin 80 Mal grösser als Belgien. Um die Weiher im Park von Tervuren liess Leopold noch vor der Jahrhundertwende im Stil der damals populären Völkerschauen drei afrikanische Dörfer aufbauen.

Es war als Werbung gedacht, denn seine Unternehmung weit von der Heimat entfernt lief anfänglich nicht so gut, begleitet zudem von negativen Schlagzeilen über Massaker, Vergewaltigungen und Hände, die «arbeitsunwilligen» Kongolesen abgehackt wurden. Leopold wollte, dass der belgische Staat die Kolonie übernimmt. 267 Kongolesen waren für die Ausstellung extra aus der Heimat importiert worden.

Sieben von ihnen starben an der ungewohnten Kälte und sind in namenlosen Gräbern in einer Ecke des Friedhofs von Tervuren bestattet. Über eine Million Besucher oder ein Drittel der damaligen Bevölkerung kam, um «die Wilden aus Afrika» anzuschauen. 1908 übernahm Belgien dann die Kolonie, und König Leopold liess aus den Erträgen seiner Kautschukplantagen das Museum in Tervuren bauen.

Direktor Guido Gryseels und Leopold II., Gründer des Museums. Fotos: PD

Eigentlich hätte Guido Gryseels eine Art Königsmord begehen müssen. Der Geist des Erbauers steckt überall. Beim Rundgang durch das ­Museum zeigt der Direktor, in blauem Anzug und Krawatte mit Elefanten­mustern, immer wieder auf ein doppeltes L, eines an den Rücken des anderen gelehnt. Die Signatur prangt an 48 Stellen im Haus. Es würde nichts bringen zu verleugnen, dass Leopold der Gründer des Museums gewesen ist. Dennoch soll der Blick jetzt kritisch sein. Das neue ­Narrativ sei eindeutig, meint Gryseels. Der Kolonialismus sei ein amoralisches System gewesen, gegründet auf Gewalt, Rassismus und dem Export der Profite ins Mutterland.

Das ist ein hoher Anspruch, ein zu hoher vielleicht. Als Guido Gryseels das Museum 2001 übernahm, war die Dauerausstellung seit 1953 nicht verändert worden, stammte also noch aus der Zeit vor der Unabhängigkeit des Kongo. Das Museum hat bis zuletzt das Afrikabild von Generationen von belgischen Schulkindern geprägt, die dort lernten, dass die Kongolesen ohne eigene Kultur und Geschichte in Grashütten lebten, mit Lendenschurz bekleidet Tiere jagten.

Immerhin ist der Eingang zum Museum nicht mehr in der grossen Halle mit dem Kuppeldach, wo noch immer die grosse Statue mit den Gesichtszügen Leopolds grüsst: «Belgien, wie es die Zivilisation in den Kongo bringt», wird darunter in goldenen Buchstaben verkündet. Bisher war das alles unkommentiert und unwidersprochen. Eine moderne Holzskulptur soll nun den überfälligen Kontrapunkt schaffen. ­Direktor Gryseels hat sie bei einem afrikanischen Künstler in Auftrag gegeben. Noch steht der übergrosse Kopf ­allerdings am Boden und wartet auf das Podest, um mit König Leopold II. auf Augenhöhe zu sein.

An der Wand steht kein Wort von den bis zu zehn Millionen Kongolesen, die den Gräueltaten unter dem Regime von Leopold II. zum Opfer gefallen sind.

Der Zugang zum Museum erfolgt jetzt über einen gläsernen Kubus etwas abseits, das einzige neue Gebäude auf dem Gelände, mit Restaurant und Shop. Über einen Tunnel und eine unterirdische Galerie gelangt man an den Kellergewölben vorbei ins Museum. Unten im Keller lagert alles, was oben nun wirklich nicht mehr gezeigt werden kann. Hinter einer Glasscheibe ist ein gutes Dutzend Skulpturen in schwarzem Marmor, Darstellungen von den «wilden ­Afrikanern» mit kraushaarigen Köpfen, mal kniend, mal bedrohlich mit Speer in der Hand oder mit Leopardenfell maskiert. Auch die zwei mumifizierten Kongolesen und der Schädel eines afrikanischen Königs werden in den Gewölben aufbewahrt.

Oben in den Räumen werden wenige Wochen vor der Eröffnung in den frisch renovierten Vitrinen und Aus­lagen wieder die Schmetterlinge, die seltenen Mineralien, die afrikanischen Skulpturen, Trommeln und Masken ausgelegt. 15000 Objekte haben die Kolonialherren einst nach Tervuren gebracht und katalogisiert. Auch der ausgestopfte Elefant, die Giraffe und das Nilpferd sind wieder an ihrem Platz. Auf den ersten Blick hat sich nicht viel verändert. An einer Wand im Museum, neu aufgefrischt die Namen der 1600 Belgier die während der Kolonialzeit im Kongo umgekommen sind. Aber kein Wort von den fünf bis zehn Millionen Kongolesen, die den Gräueltaten unter dem Regime von Leopold II. zum Opfer gefallen sind.

Ex-Kolonialisten warnen vor «Manipulation» der Geschichte

Jetzt, da es auf die Wiedereröffnung des Museums zugeht, findet sich Guido Gryseels zwischen den Fronten. Die offiziellen Beziehungen zwischen Belgien und der ehemaligen Kolonie Kongo sind seit Jahren schlecht. Der Direktor hat sich von ausgewählten Exponenten der kongolesischen Diaspora beraten lassen, die jetzt einen eigenen Raum im Museum gestaltet darf. In einem Saal soll neu die Geschichte der Kolonisation aufgearbeitet, in einem anderen soll es um den Kongo von heute gehen. Doch nicht alle wollen da mitmachen. Mireille­Thseusi Robert ist Mitgründerin von Bamko, einer Organisation, die lautstark für die Restitution der Masken und anderer Kultobjekte kämpft: «Ich muss Eintritt bezahlen, um Objekte anzuschauen, die meinem Volk gehören», schimpft die Aktivistin. Der Grossteil der 75 Millionen Euro für die Renovation seien in die Mauern und die Infrastruktur gegangen. Noch immer werde im Museum die Geschichte der Sieger erzählt. Der Museumsdirektor benutze die Diaspora nur, um das Image des Museums aufzubessern.

Druck kommt auch von den ehemaligen Kolonialisten, die davon warnen, im renovierten Museum die Geschichte zu «manipulieren». Der Direktor sei der «gemeinsamen Geschichte Belgiens und des Kongo» gegenüber feindselig gestimmt, klagt Paul Vannès, Präsident des Vereins Mémoire du Congo. Alle zwei Wochen treffen sich die Kongo-Veteranen in Tervuren auf dem Gelände des Museums im kleinen Kreis und können sich da richtig in Rage reden. Leopold II. werde schlecht gemacht, obwohl die Kolonisation durch die Belgier vergleichsweise human gewesen sei.

Nein, die Belgier hätten den Kongo nicht geplündert, für die Ausstellungsobjekte im Museum sei bezahlt worden. Besonders empört ist man über die Forderung der kongolesischen Diaspora, die Skulptur von König Leopold II. in der ehemaligen Eingangshalle quasi zu stürzen und mit dem Gesicht auf den Boden hinzulegen. Weshalb denn Brüssel überhaupt Hauptstadt Europas sei? Das sei doch nur, weil der Kongo Belgien zur Grösse verholfen habe. Die alten Kolonialisten wollen sich nicht für ihre Vergangenheit schämen müssen, hätten sich mehr Dankbarkeit erwünscht. Die Geschichte von den abgehackten Händen sei «Fake News», sagt Paul Vannès. Missetaten von Individuen dürften nicht generalisiert werden.

Belgier haben eine emotionale Beziehung zum Kongo

Guido Gryseels hat offenbar eine unmögliche Aufgabe übernommen. Die kritische Auseinandersetzung habe in Belgien sehr spät eingesetzt, sagt er selber. Der Leiter des Afrika-Museums soll eine Diskussion anstossen, der sich das Land bisher verweigert hat. Aber vielleicht sollte Gryseels auch nicht zu viel Staub aufwirbeln. Sonst hätte die Regierung damals nicht einen Verwalter und Agronomen, sondern vielleicht einen Historiker oder erfahrenen Museumsmann für den Job ausgesucht.

Auch in den Schulen hängt es immer noch vom Lehrer ab, ob überhaupt und in welcher Form über die Kolonialzeit gesprochen wird. Fast jeder hat Eltern oder Grosseltern, die einst in der Kolonie als Ingenieure, Ärzte oder Missionare tätig waren. Wenn Guido Gryseels bei Freunden oder Bekannten eingeladen ist, kommt regelmässig der Gastgeber zwischen Hauptspeise und Dessert mit einer Skulptur oder einer Maske aus dem Familienfundus und will wissen, ob das Objekt vielleicht wertvoll ist. Viele Belgier, sagt Guido Gryseels, hätten eben eine emotionale Beziehung zum Kongo.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 02.11.2018, 21:29 Uhr

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