Die heilige Stadt der Juden

Die übertriebene Kritik an der Anerkennung Jerusalems als Israels Hauptstadt ist juristisch und rational nicht erklärbar.

«Wer Jerusalem von Israel trennen will, will das jüdische Volk enthaupten.» Der ehemalige israelische Premierminister Yitzhak Schamir findet deutliche Worte.

«Wer Jerusalem von Israel trennen will, will das jüdische Volk enthaupten.» Der ehemalige israelische Premierminister Yitzhak Schamir findet deutliche Worte. Bild: Keystone

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Die Juden haben Gott erfunden. Das Urteil, ob es sich hierbei um einen tragischen Fehler oder einen epochalen Geniestreich handelt, steht noch aus. Erst die jüdische Erfindung des Monotheismus machte Jerusalem zur «Heiligen Stadt» und formte zwischen ihr und dem jüdischen Volk einen immerwährenden, unauflöslichen und unbestreitbaren Bund. Etwa tausend Jahre später meldeten die Christen religiösen Eigenbedarf an, und nach weiteren sechshundert Jahren wollten auch die Muslime ein Stück vom Kuchen. Christen und Muslime gründeten eigene Religionen, für deren Ausgestaltung sie sich ausgiebig beim Judentum bedienten. Trotzdem gelang sowohl dem Christentum als auch dem Islam das Kabinettstück, ihren Religionsschriften eine explizit antijüdische Prägung zu verleihen.

Jerusalem wurde rund fünfzig Mal erobert, dem Erdboden gleichgemacht und wieder aufgebaut. Doch ausser den Juden hat kein anderes Volk oder anderer Staat Jerusalem jemals als Hauptstadt betrachtet. Juden beten gen Jerusalem, erwähnen den Namen ständig im Gebet, beschliessen das Passah-Fest mit dem Wunsch «Nächstes Jahr in Jerusalem» und erinnern sich der Stadt im Tischgebet am Ende jeder Mahlzeit. Die Zerstörung des Tempels in Jerusalem ist von immenser Bedeutung für das jüdische Bewusstsein. In jeder Synagoge findet sich an einer Ostwand ein unverputzter Stein, der an den entweihten Tempel erinnert. Auch das Glas, das während der jüdischen Hochzeitszeremonie zertreten wird, symbolisiert die Erinnerung an den Verlust des Tempels. Am Ende jeder Hochzeit wird traditionell der Psalmspruch gerufen «Wenn ich Deiner vergesse, Jerusalem …».

Geschichte in einem Wort

Jerusalem ist die einzige Stadt mit einer jüdischen Mehrheit der Bewohner während des gesamten letzten Jahrhunderts. Sogar der Duden bestätigt: Jerusalem, Hauptstadt von Israel. Der langjährige Bürgermeister Jerusalems, Teddy Kollek, eine der Galionsfiguren der Versöhnungsbemühungen zwischen Juden und Arabern, sagt: «Wenn man die jüdische Geschichte in einem einzigem Wort zusammenfassen wollte, so lautete dieses Wort: Jerusalem.»

Einiges dürftiger sieht es mit dem muslimischen Anspruch auf Jerusalem aus. Muslime beten gen Mekka nicht Jerusalem, die Stadt wird in muslimischen Gebeten nicht erwähnt und ist mit keinem irdischen Ereignis im Leben des Propheten Mohammed verbunden. Jerusalem war nie Hauptstadt eines autonomen muslimischen Staates und wurde nie ein kulturelles oder wissenschaftliches Zentrum.

Ein Vergleich macht diesen Punkt besonders deutlich: Jerusalem taucht in der jüdischen Bibel 699 Mal auf und Zion (das oft als Synonym für Jerusalem verwendet wird) 154 Mal, insgesamt 853 Mal. Das Neue Testament erwähnt Jerusalem immerhin 154 Mal, Zion 7 Mal. Im Gegensatz dazu werden Jerusalem und Zion im Koran so oft erwähnt wie im hinduistischen «Bhagavad-Gita» oder dem taoistischen «Tao-Te Ching»: gar nicht.

Trumps Ohrfeige

Ohne die drei Jahrtausende währende Geschichte des jüdischen Volkes, die historisch, religiös, kulturell, traditionell und rechtlich mit Jerusalem verwoben ist, wäre die Stadt vom gleichen Schicksal ereilt worden, das anderen untergegangenen Zivilisationen und Völkern beschieden war, und der Name Jerusalem wäre schon vor Äonen im Dämmerschatten der Geschichte versunken. Wer die historische Verbindung der Juden zu ihrer ewigen und unteilbaren Hauptstadt Jerusalem leugnet und Israel das Recht verweigert, das jeder Nation dieser Erde zusteht, nämlich die eigene Hauptstadt selbst zu bestimmen, wünscht sich die fremdbestimmten Duldungsjuden von einst zurück und spricht den heutigen Juden eine selbstbestimmte Existenz ab. Der ehemalige israelische Premierminister Yitzhak Schamir hat gesagt: «Wer Jerusalem von Israel trennen will, will das jüdische Volk enthaupten.»

Donald Trump verpasste mit der Einhaltung seines Wahlversprechens und der Umsetzung des 1995 vom Kongress beschlossenen Gesetzes, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen und die amerikanische Botschaft dorthin zu verlegen, seinen Vorgängern Bill Clinton, George W. Bush und Barack Hussein Obama eine moralische Ohrfeige. Sowohl Clinton («Jerusalem ist noch immer die Hauptstadt Israels und muss ungeteilt bleiben»), Bush («Sobald ich im Amt bin, werde ich die amerikanische Botschaft in die Stadt verlegen, die Israel als seine Hauptstadt gewählt hat») wie auch Obama («Jerusalem wird die Hauptstadt Israels bleiben, und sie muss ungeteilt bleiben») gaben im Wahlkampf dasselbe Versprechen ab, machten aber nachträglich vor den Drohungen der arabischen Staaten den Kotau, die seit Jahrzehnten alle Länder einschüchtern, die ihre Botschaften nach Israel verlegen wollen.

Hätte Helmut Kohl sich vorschreiben lassen, dass nach der Wiedervereinigung Chemnitz die neue Hauptstadt Deutschlands wird? Wie würde Trump-Kritiker Emmanuel Macron reagieren, wenn die von arabischen Diktatoren und radikalislamischen Theokraten infiltrierte UNO alle Nationen gängeln würde, ihre Botschaften nicht in Paris zu eröffnen?

In erster Linie aber ist Trumps Anerkennung von Jerusalem als Israels Hauptstadt eine unmissverständliche, kategorische und längst überfällige Absage an die Palästinenser und ihre Strategie, durch Androhung und Ausübung von Gewalt gegen Zivilisten politische Entscheidungen zu erzwingen und so direkte Verhandlungen mit Israel zu umgehen. Dieser Schritt war umso nötiger, da die Palästinenser, die am 22. Juli 1968 mit der Entführung eines Linienflugzeugs der israelischen El Al durch die der PLO angegliederte «Volksfront zur Befreiung Palästinas» (PFLP) die Geschichte des muslimischen Terrors in Europa einläuteten, für jahrzehntelangen Terror in Form von Selbstmordattentaten, der Ermordung von jüdischen Sportlern an der Olympiade 1972, Flugzeugentführungen und anhaltendem Raketenbeschuss von Israel mit politischen Erfolgen, internationaler Anerkennung und finanzieller Unterstützung der «Weltgemeinschaft» belohnt werden.

Für die UNO, die EU, den Papst, die Türkei, die Obama einst als «grosse muslimische Demokratie» lobte, aber auch für die Schweiz und den Rest der «World Leaders», die Trumps Entscheidung einhellig verurteilen, ist es offensichtlich akzeptabel, dass wegen blosser Worte Menschen, die zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort sind, auf offener Strasse erstochen, überfahren, gesteinigt oder erschossen werden. Dass in Schweden eine Synagoge mit Brandbomben angegriffen und in Holland ein jüdisches Restaurant unter «Allahu Akbar»-Rufen demoliert wird und dass in Deutschland, dem Land, das den Holocaust an den europäischen Juden verübt hat, pro-palästinensische Demonstranten vor dem Brandenburger Tor in Berlin Israelflaggen verbrennen und «Tod Israel» skandieren. Amerika unter Trump lässt sich von Fatah/PLO und den Terroristen der Hamas nicht länger auf der Nase herumtanzen.

Jerusalem war selbst unter der Herrschaft der Briten, Osmanen, Kreuzfahrern, Römern, Persern und anderen Eroberern immer eine vereinte Stadt. Ein sogenanntes arabisches «Ost-Jerusalem» gab es 19 Jahre lang, nachdem die Jordanier im Angriffskrieg gegen Israel von 1948 einen Teil von Jerusalem besetzten und völkerrechtswidrig annektierten. König Hussein erklärte jedoch nicht Jerusalem, sondern Amman zur jordanischen Hauptstadt. Während der nahezu zwanzigjährigen illegalen jordanischen Okkupation besuchte von allen arabischen Regenten lediglich der marokkanische König einmal die Heilige Stadt.

Unter der jordanischen Herrschaft war es Juden verboten, an der Klagemauer zu beten, dem heiligsten Ort des Judentums. Es wurde ihnen der Zugang zum Friedhof auf dem Ölberg verweigert, seit mehr als 2500 Jahren eine jüdische Begräbnisstätte – ein klarer Bruch des Waffenstillstandsabkommens von 1949. Juden durften keine Kurse in der 1925 gegründeten Hebrew University auf dem Skopusberg besuchen, in deren erstem Vorstand Albert Einstein, Sigmund Freud, Martin Buber und Chaim Weizmann, der erste israelische Staatspräsident, vertreten waren.

Juden wurden im Hadassah-Spital nicht behandelt, das seit 1918 sowohl Juden als auch Araber medizinisch versorgte. Juden hatten keinen Zutritt zum Jüdischen Viertel von Jerusalem, wo ihre Vorfahren über Tausende von Jahren Häuser und Synagogen gebaut hatten. Die Araber zerstörten jüdische Stätten, Synagogen, Schulen und Friedhöfe, deren Grabsteine sie schändeten, indem sie damit Strassen und Latrinen bauten. Der jordanische Kommandant Abdullah el Tell brachte die arabische Prämisse auf den Punkt: «Zum ersten Mal seit 1000 Jahren verbleibt kein einziger Jude im Jüdischen Viertel. Kein einziges Gebäude bleibt intakt. Das macht eine Rückkehr der Juden unmöglich.»

In den Jahren zwischen 1948 und 1967, als Israel im Sechstagekrieg Jerusalem zurückeroberte und wiedervereinte, hat die UNO nicht eine Resolution verabschiedet, um die völkerrechtswidrige jordanische Besatzung, die Apartheidsgesetze, die Ost-Jerusalem «judenrein» machten, den Bruch des Waffenstillstandsabkommens oder die kulturelle Verwüstung durch die Araber zu verurteilen. Kein Wunder schenkt Israel den antiisraelischen UNO-Resolutionen, die von Staaten eingebracht werden, die Israels Existenzrecht ablehnen, keine grössere Beachtung. Auch die Souveränität über einen Teil von Jerusalem wieder aus der Hand zu geben, ist für die Israelis wenig verlockend. Heute von einem arabischen «Ost-Jerusalem» zu sprechen, ist so absurd, wie das ehemalige Ost-Berlin heute noch als kommunistisch zu bezeichnen, weil es einst zur DDR gehörte.

Mittel zum Zweck

Während der Zeit, in der Jordanien den Ostteil Jerusalems besetzt gehalten hat, wurde von niemandem ein palästinensischer Staat gefordert. Das ist nicht weiter erstaunlich, denn bis dahin wurden vornehmlich die im britischen Mandatsgebiet ansässigen Juden als Palästinenser wahrgenommen. Die 1932 gegründete jüdische Tageszeitung firmierte als Palestine Post (heute Jerusalem Post), die israelische Bank Leumi nannte sich Anglo-Palestine Bank und das Israel Philharmonic Orchestra, ins Leben gerufen 1936 von deutschen Juden, die aus Nazideutschland geflohen waren, hiess Palestine Symphony Orchestra.

Die Spieler des 1911 gegründeten jüdischen Fussballvereins Maccabi Jerusalem Footballclub tragen in dem Match «Australia versus Palestine» von 1939 Trikots mit hebräischem Logo. Am 5. Mai 1947 besiegte das «Palestine Hapoel Soccer Team» im Yankee Stadium die «American Soccer League All-Stars». Die jüdischen Torschützen Itzhak Fried und Herbert Meitner sowie der 18-jährige Torhüter Jacob Chodorov «liefen für die Palästinenser auf», wie die New York Times damals schrieb. Im französischen Wörterbuch Larousse aus dem Jahr 1939 ist die palästinensische Flagge abgebildet: ein gelber Davidstern auf blau-weissem Grund.

Von den Palästinensern als muslimisches Volk mit Alleinstellungsanspruch nahm die Welt erstmals in der überarbeiteten PLO-Charta von 1968 Notiz, nachdem Yassir Arafat nach den kontinuierlichen militärischen Niederlagen der muslimischen Übermacht erkannte, dass nur diese taktische Namensgebung die Muslime dem in den Verfassungen von Fatah/PLO und Hamas nach wie vor festgeschriebenen Ziel der Vernichtung Israels näherbringen konnte.

Zuheir Mohsen, hochrangiger PLO-Funktionär in einem Interview mit der holländischen Zeitung Trouw von 1977: «Ein palästinensisches Volk gibt es nicht. Die Schaffung eines palästinensischen Staates ist ein Mittel zur Fortsetzung unseres Kampfes gegen Israel und für die arabische Einheit. Es gibt keinen Unterschied zwischen Jordaniern und Palästinensern, Syrern und Libanesen. Wir alle gehören zum arabischen Volk. Nur aus politischen und taktischen Gründen sprechen wir von der Existenz einer palästinensischen Identität, da es im nationalen Interesse der Araber liegt, eine separate Existenz der Palästinenser dem Zionismus gegenüberzustellen. Aus taktischen Gründen kann Jordanien, das ein Staat mit festen Grenzen ist, keinen Anspruch auf Haifa und Jaffa erheben. Dagegen kann ich als Palästinenser sehr wohl Haifa, Jaffa, Beerscheba und Jerusalem fordern. Doch sobald unsere Rechte auf das gesamte Palästina wieder hergestellt sind, dürfen wir die Vereinigung Jordaniens mit Palästina keinen Augenblick mehr verzögern.»

Mit Geld und Mitgefühl überhäuft

Mit brachialer Gewalt bombten sich die Helden des muslimischen Palästinas ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. Statt einer Uniform trugen sie Bombengürtel, statt gegen Soldaten zu kämpfen, rissen sie Hotelgäste, Schulkinder, eine Braut, einen Arzt und ähnlich gefährliche Gegner in Stücke und verletzten Hunderte. Seitdem werden die Palästinenser von sämtlichen relevanten Gremien der westlichen Staaten mit Geld und Mitgefühl überhäuft.

Von allen Staaten, die im letzten Jahrhundert gegründet wurden, ist keiner rechtlich so legitimiert wie Israel. Anwälte waren die Hebammen bei Israels Geburt beziehungsweise Wiedergeburt, denn ein unabhängiger jüdischer Staat existierte bereits zwei Mal in der Region: 1000–586 und 538–63 vor Christus. Die Balfour-Deklaration (1917), die San-Remo-Konferenz (1920), das Völkerbundmandat für Palästina (1922), das anglo-amerikanische Abkommen zu Palästina (1924) und der UNO-Teilungsplan (1947) waren die legalen Schritte, die zur Staatsgründung (1948) und zu Israels Aufnahme in die UNO (1949) führten.

Trotzdem wird ständig über Israels Existenzrecht debattiert. Aber wie steht es eigentlich mit dem Existenzrecht des Fürstentums Liechtenstein? Warum wird nicht über das Existenzrecht von Frankreich, Deutschland oder der Schweiz gestritten? Weil es genau einen Staat auf der Welt gibt, der nicht existieren darf: Israel. Die hysterische Kakofonie der Kritik an Amerikas Anerkennung von Jerusalem als Israels Hauptstadt kann weder juristisch noch rational erklärt werden. Diese weltweite Verurteilung Israels hat einen einzigen Grund: Antisemitismus. Sollten Sie eine bessere Erklärung haben, weshalb der einzige Staat der Welt, dem das Existenzrecht abgesprochen wird, ausgerechnet die Heimstätte des jüdischen Volkes ist: Bitte melden Sie sich bei mir. (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.12.2017, 07:23 Uhr

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