Die heimliche Macht

Wie Iran mit uralten politischen Mitteln einen schiitischen Gürtel zwischen Mittelmeer und Afghanistan errichtet.

Aussenpolitische Naivität. Irakische Kämpfer auf einer Basis in Biyara nahe der Grenze zu Iran, die nach eigenen Angaben Unterstützung aus Iran erhalten.

Aussenpolitische Naivität. Irakische Kämpfer auf einer Basis in Biyara nahe der Grenze zu Iran, die nach eigenen Angaben Unterstützung aus Iran erhalten. Bild: Keystone

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Iran hat es mit tatkräftiger Unterstützung seiner Lobby in der deutschen Exportindustrie geschafft, sich ein positives Image einer gemässigten islamischen Demokratie zu erschleichen. So werden nicht nur in der deutschen Politik, sondern auch in den deutschen Medien die Fake-Parlamentswahlen ernst genommen und den iranischen Verlautbarungen von Frieden und Dialog mit dem Westen Glauben geschenkt. Hierbei wird das Abkommen zwischen den westlichen Staaten und Iran vom vergangenen Jahr als Paradebeispiel für den guten Willen Irans präsentiert. Nichts davon trifft zu.

Das Atomabkommen fusst auf zwei Säulen. Die erste ist die Einstellung der Uran-Anreicherung durch Iran in den kommenden zehn Jahren und somit die Einstellung der Produktion atomwaffenfähigen Urans. Was nach zehn Jahren passiert, überliessen der damalige amerikanische Präsident Barack Obama und seine europäischen Verbündeten der ungewissen Zukunft. Die zweite Säule steht für «die klare Erwartung, dass Teheran mit dem Atomabkommen einen Schritt in Richtung Reintegration in die Staatenwelt als verantwortungsvoller Partner vollziehen wolle», wie die NZZ kürzlich schrieb. In diesem Artikel werde ich zeigen, dass Iran exakt gegenteilig zu dieser Erwartung handelt.

Zu diesem Abkommen gibt es eine Parallelität des Einsatzes von iranischen «Assassinen» in Irak und Afghanistan, gerichtet gegen den Westen. Das ist verbunden mit einer Taqiyya-Politik zur Täuschung der EU. Bei den USA versucht man es nicht, weil die Feindschaft so tief verwurzelt ist, dass die offenen Karten keine Täuschung zulassen. Alle Demonstranten der vergangenen Wochen in Iran trugen Banner mit dem Worten «Tod Amerikas». Wozu dann falsches Bekunden guten Willens?

Lügen ist erlaubt

Zunächst muss ich für islamunkundige Leser erklären, was mit den Begriffen Assassinen und Taqiyya gemeint ist. Beide Begriffe sind islamisch-schiitischen Ursprungs. Nach dem islamischen Schisma in Sunna und Schia im Jahre 661 wurden Schiiten verfolgt; sie gingen daraufhin in den Untergrund, um der sunnitischen Verfolgung zu entkommen. Das schiitische religiöse Dogma der Taqiyya erlaubt Schiiten, sich in der Öffentlichkeit zu verstellen und dabei zu lügen, um ihr Leben zu schützen. Im Verlauf der Jahrhunderte hat sich dieses Dogma jedoch verselbstständigt; so wird es auch dann angewandt, wenn keine unmittelbare Lebensgefahr besteht. Taqiyya ist heute als Täuschung ein Bestandteil der iranischen Aussenpolitik.

Die Assassinen waren eine mittelalterliche schiitische Sekte, deren Angehörige Haschisch konsumierten. Im Arabischen nennt man sie Haschaschin, woraus sich das Wort Assassin entwickelte. Assassinen werden in der Regel von einer dritten Partei als Meuchelmörder und Spione instrumentell eingesetzt. Sie sind ihrem Auftraggeber gegenüber loyal und gefügig. Zunächst spionieren sie im traditionellen Sinne dadurch, dass sie versuchen, ihr Zielobjekt durch Vertrauenserwerb zu infiltrieren und dann auf dieser Basis zielstrebig zu handeln. In der Regel ermorden Assassinen ihre Opfer, wenn sie ihr Ziel erreicht haben und es nichts mehr auszuspionieren gibt. Dies geschieht rituell mit einem Dolch. Das ist aber kein zwingender Abschluss.

Ein Beispiel hierfür ist der iranische Einsatz eines Briten mit schiitisch-iranischen Wurzeln namens Daniel James, der als Übersetzter von General Sir David Richards in Afghanistan arbeitete. Er konnte alle Isaf-Pläne einsehen und an Iran weitergeben, bis er enttarnt wurde. General David Richards hat den iranischen Assassinen-Spion überlebt.

Ein Manichäismus von der bösen westlichen Welt

Ehe ich zu den Details komme, möchte ich dem möglichen Einwand begegnen, es sei orientalistisch und islamophob, schiitische Muslime als Assassinen und Lügner im Dienste Irans darzustellen. Meine Antwort ist diese: Bis zum Erscheinen von Edward Saids Buch «Orientalism» im Jahr 1979 war es in den westlichen Islam-Studien möglich, frei – wenngleich leider vorurteilsbeladen – über den Islam zu forschen. Said verunglimpfte die gesamte westliche Islam-Forschung mit dem Vorwurf des «Orientalismus».

Das Buch Saids hatte die Wirkung einer Bombe, wie es der französische Islamologe Maxime Rodinson formulierte, mit dem Resultat, dass ein Manichäismus von der bösen westlichen Welt und ihrer muslimischen Opfern entstand. Dies wurde bis zum Vorwurf der Islamophobie gesteigert. Jeder, der sich kritisch über den Islam äussert, riskiert, der Islamophobie bezichtigt zu werden. Ich bin muslimischer Aufklärer und Wissenschaftler und nehme mir die Freiheit, ohne die durch die Orientalismus-Debatte erzwungene Selbstzensur zu schreiben.

Nach der Islamischen Revolution unter Khomeini 1979 hat Iran systematisch versucht, seine islamische Revolution nicht als schiitisch zu beschränken, sondern als universell gelten zu lassen, auch für die gesamte Welt des Islam. Das wurde sehr intensiv bis Mitte der 1980er-Jahre verfolgt, jedoch ohne Erfolg. Zwar begeisterten sich sunnitische Muslime für die erste reale Revolution in der Welt des Islam, und sie übernahmen zunächst ihren Universalismus. Aber schnell mussten sie die dahinter sich verbergende schiitische Strategie der Taqiyya erkennen und sie wandten sich ab.

Das Ergebnis war zweifach: Einmal wurde Iran zunehmend isoliert, und dann war das Export-Model Irans total gescheitert. Diese Isolation Irans dauerte bis zum Irak-Krieg 2003, als eine Wende eintrat. Der Hauptnutzniesser des Sturzes des sunnitischen irakischen Diktators Saddam Hussein war der schiitische Iran. Das erklärte Ziel der USA im Irak-Krieg war Demokratisierung im Nahen Osten. Unter George W. Bush war dies ernst gemeint, aber die Naivität der Planung und das Fehlen eines «Post-Saddam-Szenarios» haben genau zum Gegenteil geführt.

Statt Demokratisierung hat es eine heute fortgeschrittene Schiitisierung des Nahen Ostens unter iranischer Führung gegeben. Im Jahr des Irak-Kriegs 2003 habe ich in der Basler Zeitung den Artikel «Können die USA eine schiitische Diktatur im Irak verhindern?» geschrieben. Die Analyse von damals hat sich bewahrheitet und gilt bis heute. Nämlich: «Eine Demokratisierung des Irak erfordert das Ende der arabisch-sunnitischen Vorherrschaft. Aber eine schiitische Mehrheitsregierung (…) in Umkehrung der Verhältnisse sollte nicht angestrebt werden. (…) Ein islamisch-schiitisch dominierter Staat im Irak nach iranischem Modell ist bereits im Entstehen. (…) Die USA sind auf diese Situation nicht vorbereitet.» Eben deshalb konnte Iran die Situation nutzen und hat heute die totale Kontrolle über den Irak.

Die irakische Armee besteht heute aus schiitischen Soldaten und Offizieren, die während der Regierungszeit Saddam Husseins im Exil in Iran ausgebildet wurden und ab Mitte 2003 in den Irak – trotz amerikanischer Präsenz – hineingeschleust worden sind. Die New York Times berichtet im Juli 2017 auf der Titelseite: Im Irak «arbeiten von Iran gesponserte Milizen intensiv an der Errichtung eines Korridors, um Menschen und Waffen an die richtigen Stellen in Syrien und im Libanon zu transportieren. (...) Iran hat seine Mission nie aus des Augen verloren: den Irak so gründlich zu dominieren, dass Iran niemals mehr von ihm militärisch bedroht werden kann, und das Land als Korridor von Teheran bis zum Mittelmeer zu nutzen.» Im Irak ist der Iran total präsent durch eigene Milizen, zum Beispiel Kataib Hizbollah – schiitisch-iranische Milizen, die in Iran ausgebildet worden sind, zu denen die Assassinen als Spione bzw. Meuchelmörder kommen.

Krieg ohne Ende

Im Stillen betreibt Iran dieselbe Politik in Afghanistan, um den Westen – besonders die USA – in dem inzwischen längsten Krieg (16 Jahre), den die USA führen, zum Scheitern zu bringen. Amerikanische Generäle benutzen bereits den Begriff «endless war» (Krieg ohne Ende). Iraner machen – sich darüber belustigend – kein Geheimnis daraus, dass sie Amerika noch weitere 16 Jahre dort halten werden.

Die iranische Hegemonialpolitik in Afghanistan ist Teil einer umfassenden Strategie; sie ist jedoch nicht so leicht wie im – demografisch – schiitisch dominierten Irak (Schiiten machen 60 Prozent der irakischen Bevölkerung aus), denn in Afghanistan gibt es nur die schiitische Minderheit der Hazara. Die Mehrheit der afghanischen Stämme ist sunnitisch. Iran hat deshalb seine Afghanistan-Politik an die lokalen Verhältnisse angepasst und arbeitet sehr eng mit den sunnitischen Taliban zusammen. Beide sind sich darin einig, dass die USA scheitern sollen.

Dem früheren amerikanischen Präsidenten Obama wurde aussenpolitische Naivität unterstellt, aber so naiv war er nicht, denn während die USA mit den Iranern unter seiner Präsidentschaft das Atomabkommen aushandelten, gab Obama den Befehl, den obersten Befehlshaber der Taliban, Mullah Mansur, mittels Drohneneinsatz zu ermorden. Mansur kam gerade von seinem zweiten Iran-Besuch, wo er sogar vom obersten schiitischen Führer, Ali Khamenei, empfangen wurde. Er hatte gerade mit der iranischen Führung einen Iran-Taliban-Pakt gegen die USA geschlossen.

Das geschieht alles, wie Experten betonen, «still in verdeckten Aktionen». Anders als Sunniten, die sehr laut in die Rhetorik-Fanfare blasen, macht der schiitische Iran Politik im Stillen und verkauft sich täuschend an den Westen als Dialogpartner. Die iranischen Assassinen werden hier nicht nur gegen die pro-westliche afghanische Regierung, sondern auch gegen die eigenen Verbündeten eingesetzt, sodass die Taliban Grund bekommen, sich zu fürchten und Angst davor zu haben, es sich mit den Iranern zu vermasseln. Die New York Times schrieb im August 2017: «Iran hat heimlich Attentäter (assassins) entsandt, Spione ausgebildet und Polizei und Verwaltung unterwandert, vor allem in den westlichen Provinzen, sagen afghanische Offizielle.»

Westliche Politiker machen alles falsch

Aussenpolitik ist ein modernes Phänomen. Können mittelalterliche Praktiken in eine moderne Aussenpolitik eingebaut werden? Der Oxford-Gelehrte für Internationale Beziehungen Hedley Bull hat den Begriff «new medievalism» entwickelt, unabhängig von Iran, um zu zeigen, dass sich mittelalterliche Phänomene in der Gegenwart wiederholen können. Die Rückkehr der Assassinen in moderner Form ist ein Beispiel hierfür. Die «Concise Encyclopedia of Islam» beschreibt im Einzelnen, wie schiitische Assassinen hinterhältig und bösartig ihre Gegner infiltrieren und ausspähen: «Wenn sie das Vertrauen erschlichen haben, töten sie.»

Das Traurigste beim Studium der europäischen und amerikanischen Aussenpolitik im Nahen Osten ist, dass westliche Politiker und Militärs dies nicht verstehen und alles falsch machen. Dagegen haben die Iraner zu ihren eigenen Gunsten bisher alles richtig gemacht. Iran ist es gelungen, eine Geopolitik des schiitischen Gürtels in antiwestlicher und antisunnitischer Absicht durchzusetzen. Im New-York Times-Artikel von Juli 2017 steht der kluge und richtige Satz: «Die Wurzeln des Schismas zwischen Sunniten und Schiiten reichen fast 1004 Jahre zurück (…), aber heutzutage geht es ebenso sehr um Geopolitik wie um Religion, ausgedrückt durch verschiedene Staaten, die Rivalen sind.» Ist das ein Ausdruck der Islamophobie, so offen über diese Gegebenheiten zu sprechen? Der bis zur Bildung einer neuen Regierung amtierende deutsche Aussenminister Sigmar Gabriel ist in seiner Naivität so weit gegangen, die iranische Position im Atomabkommen gegen die USA zu verteidigen. Sein Rivale, der amerikanische Präsident Donald Trump, gibt Tweets von sich, die nur beweisen, dass er keine kompetenten Nahost-Berater hat. Beide werden irregeführt, Iran ist der lachende Dritte.

Wie ein Trottel irregeführt

Der Nahe Osten sieht heute so aus: Iran ist die wichtigste Regionalmacht und wird tatkräftig und auf allen Ebenen von Russland unterstützt. Iran bietet sogar sein Territorium für russische Flugzeuge an, die Syrien bombardieren. Iran ist das Zentrum, Irak und Syrien sind Stellvertreter Irans; und die schiitische, von Iran finanzierte Hizbollah agiert überall, sie entsendet ihre Killer-Schwadronen in fast alle Gegenden des Nahen Osten. Sunnitische Islamisten wie Hamas und die AKP in der Türkei fügen sich der iranischen Hegemonialpolitik.

In Afghanistan wird der Westen wie ein Trottel irregeführt. Iranische Assassinen und Spione lauern ihren Feinden auf und töten sie. Die von den USA mit vielen Milliarden Dollar finanzierte afghanische Regierung kontrolliert höchstens ein Drittel des eigenen Territoriums, die Taliban beherrschen etwa 60 Prozent. Ziehen aus diesem Krieg dort noch mehr amerikanische Truppen ab (unter Obama waren noch 100'000 Mann, unter Trump sind es gerade einmal 8400 Mann), triumphiert Iran.

Die Strategie der Taliban und ihres Verbündeten Iran zielt darauf ab, dass die amerikanischen Truppen irgendwann abziehen, um den Krieg zu beenden. Es entsteht dann ein Vakuum, und was dann passiert, brauche ich nicht mehr auszuführen. Ein Plädoyer für Friedensgespräche mit den Taliban ist lächerlich. Der Westen begreift nicht, was dort vor sich geht.

Bassam Tibi (73), geboren in Damaskus, ist emeritierter Professor für Internationale Beziehungen in Göttingen. Er schreibt für die Basler Zeitung regelmässig über die islamische Welt und Fragen der Integration. (Basler Zeitung)

Erstellt: 05.10.2017, 09:32 Uhr

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