Die nächsten Flüchtlinge

Sollten die Kurden an ihren Unabhängigkeitsplänen festhalten, bahnt sich ein gewaltiger Unfriedensprozess an. Inklusive neuer Flüchtlingswelle.

Brutale Konsequenzen: Falls die Kurden tatsächlich glauben, dass sie sich vom irakischen Staat verabschieden können, täuschen sie sich gewaltig.

Brutale Konsequenzen: Falls die Kurden tatsächlich glauben, dass sie sich vom irakischen Staat verabschieden können, täuschen sie sich gewaltig. Bild: Keystone

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Auch wenn die Kurden die Frage, ob sie selbstständig sein wollen, am Montag mit einem deutlichen Mehr bejaht haben: Falls sie glauben, dass sie sich damit vom irakischen Staat verabschieden können, täuschen sie sich gewaltig. Die Widerstände in der Region gegen den Möchtegern-Staat sind massiv. Alle Nachbarn wollen die Gründung Kurdistans verhindern, auch mit martialischen Mitteln. Sollten die Kurden trotzdem an ihren Plänen festhalten, bahnt sich ein neuer Unfriedensprozess an, der die Region noch stärker destabilisiert. Der Unabhängigkeitskampf der irakischen Kurden wird einen zusätzlichen Krisenherd entstehen lassen, mit Spannungen und Gewaltexzessen. Eine neue Flüchtlingswelle wird die tragische Folge sein.

Abhängigkeit von einer Drittmacht

Die Unabhängigkeit ist im Fall Kurdistan ein Risiko, das die Region derzeit nicht verkraften kann. Kurdistan wäre ein weiterer Versagerstaat in der Region. Die lokale Autonomie-Regierung nennt sich zwar demokratisch, aber im Grunde genommen ist sie eine Autokratie. Kurdenführer Masoud Barzani und seine Partei verstehen sich als Eigentümer des irakischen Kurdistans. Wenn sie ihre Interessen gefährdet sehen, werfen sie demokratische Regeln über Bord. Im Dezember 2015 entliessen sie zum Beispiel den Parlamentssprecher, weil er versucht hatte, faire Präsidentschaftswahlen durchzuführen. Wirtschaftlich könnte der Staat aus eigenen Kräften kaum überleben. Er müsste sich in die Abhängigkeit einer Drittmacht begeben, um über die Runden zu kommen. Russland ist bereits in der Startposition, um seinen regionalen Einfluss mithilfe Kurdistans weiter auszubauen.

In den Strudel regionaler Machtspiele wird Kurdistan bereits hineingezogen, noch bevor es gegründet ist. Weil sich Israels Premier Benjamin Netanyahu ausdrücklich für die Unabhängigkeit Kurdistans ausgesprochen hat, droht Ankara jetzt damit, den Normalisierungsprozess mit Jerusalem einzufrieren.

Einheit der Türkei und des Iran steht auf dem Spiel

Nicht nur für Ankara, sondern auch für Teheran und Bagdad steht viel auf dem Spiel, sowohl wirtschaftlich als auch politisch. Weil das irakische Öl von den Kurden beansprucht wird, sieht Bagdad seine wichtige Einnahmequelle gefährdet. Eine Spaltung des Irak würde auch die Einheit der Türkei und des Iran aufs Spiel setzen, weil die Kurden dort ebenfalls versuchen könnten, sich von ihren Zentralregierungen loszusagen. Vor diesem Hintergrund sind die Drohungen der Türkei, des Iran und des Irak ernst zu nehmen, den Kurden im Irak die Unabhängigkeit zu verwehren. Sollte es zum inner-irakischen Bürgerkrieg kommen, in den sich auch regionale Akteure einmischen, hätte das verheerend brutale Konsequenzen für die Bevölkerung. (Basler Zeitung)

Erstellt: 27.09.2017, 09:55 Uhr

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