Erdogan will Jerusalem «befreien»

Warum der Präsident Moslems auffordert, für den Schutz der Heiligen Stadt zu kämpfen.

Weitere jüdischen Einfluss unterbinden. Erdogan spielt sich als wahrer Vertreter des Islams auf.

Weitere jüdischen Einfluss unterbinden. Erdogan spielt sich als wahrer Vertreter des Islams auf. Bild: Keystone

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Gleich zweimal hat sich diese Woche Recep Tayyip Erdogan als «Retter» Jerusalems profiliert. An einer Konferenz in Istanbul, die Jerusalem gewidmet war, betonte der türkische Präsident am Montag die Bedeutung der Stadt für den Islam. Tags darauf sicherte er dem palästinensischen Premier Rami Hamdallah bei einem Arbeitsbesuch in Ankara sinngemäss zu, dass er eine Ausweitung des jüdischen Einflusses in Jerusalem nicht tolerieren werde.

Mit seiner Kraftmeierei verfolge Erdogan das Ziel, sich gegenüber anderen muslimischen Staaten als wahrer Vertreter des Islam aufzuspielen, meinen diplomatische Beobachter in Israel. Erdogans Botschaft sei klar: Im Gegensatz zu Ländern wie Ägypten, Saudi- Arabien oder Jordanien habe er keine Angst vor Israel und setze sich für die Interessen des Islam ein. Er strebt eine pan-arabische Volksbewegung an, an deren Spitze er stehen würde.

Ende des Tauwetters

Deshalb fordert der türkische Präsident jetzt Moslems in der ganzen Welt auf, das Heiligtum in Jerusalem zu besuchen und den palästinensischen Kampf für die Befreiung Jerusalems zu unterstützen. Die Türkei habe eine «historische Verantwortung» für Jerusalem, weil die Stadt während Jahrhunderten von Osmanen beherrscht war.

Laut Recherchen des Jerusalem Center for Public Affairs, das der israelischen Regierung nahe steht, stütze die Türkei Erdogans Absichten mit Investitionen und kaufe in Ost-Jerusalem religiöse Institutionen auf. Ankara strebe damit in Jerusalem einen offiziellen Status an, um die türkische Bedeutung in der muslimischen Welt zu steigern.

Mit den jüngsten Verbalattacken Erdogans ist es mit dem Tauwetter in den israelisch-türkischen Beziehungen zwar vorerst vorbei. Dieses ist im Juni 2016 mit einem Versöhnungsabkommen eingeleitet worden. Doch die israelische Regierung versucht, die Kontroverse auf die leichte Schulter zu nehmen. Sie habe kein Interesse an einer diplomatischen Krise, gab sie Ankara zu verstehen. So wurde darauf verzichtet, den türkischen Botschafter ins Aussenministerium zu zitieren. Stattdessen begnügte man sich mit einer «telefonischen Klarstellung».

Offizielle Einladung

Denn im Grunde haben weder Israel noch die Türkei ein Interesse an einer Eskalation. In den vergangenen Jahren haben sich die bilateralen wirtschaftlichen Beziehungen intensiviert, und es gibt Diskussionen über eine Gas-Pipeline zwischen den beiden Ländern. Zudem hat Ankara neulich einen Militärattaché für Tel Aviv ernannt, was auf das türkische Interesse an Israels Rüstungsindustrie hinweist.

Auch der Jerusalemer Stadtpräsident Nir Barkat, der sonst keine Gelegenheit verpasst, sich rechts aussen zu positionieren, spielt die Kampfansage Erdogans herunter. Er wies zwar als Anmassung das Ansinnen Recep Tayyip Erdogans zurück, sich als Lehrmeister aufzuspielen, nachdem die Osmanen Jerusalem während Jahrhunderten besetzt hatten. Im Gegensatz zu damals, so Barkat, seien jetzt die Heiligen Stätten in Jerusalem offen für alle Religionen. «Es wäre wohl am besten, wenn Erdogan die Verhältnisse vor Ort persönlich studieren würde», meinte Barkat. Deshalb lud er Erdogan nach Jerusalem ein.

In der Altstadt von Jerusalem drängen sich auf einem Quadratkilometer die Heiligtümer des Christentums, des Islams und des Judentums. Moslems nennen die Al-Aksa-Moschee in Jerusalem das «noble Heiligtum» oder Haram al-Sharif. Es gilt als drittwichtigste heilige Stätte der Moslems, nach Mekka und Medina in Saudiarabien. Juden sprechen vom Tempelberg, weil dort bis vor 2000 Jahren der Zweite Tempel stand. Der Ort gilt als Zentrum des jüdischen Glaubens. (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.05.2017, 09:18 Uhr

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