Flucht, Elend und Mordlust

Lediglich fünf Prozent der Weltbevölkerung leben im Mittleren Osten. Aber 45 Prozent der Terroristen stammen aus dieser Region.

Im Orient ist ein Vakuum entstanden, das Terroristen flink und brutal ausnützen.

Im Orient ist ein Vakuum entstanden, das Terroristen flink und brutal ausnützen. Bild: Keystone

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Vor sechs Jahren begann die arabische Revolte. Gross war damals die Hoffnung vieler Beobachter, dass sich nun endlich demokratische Verhältnisse im Nahen Osten einstellen würden. Doch daraus wurde – leider – nichts.

Auslöser des Aufstands gegen die Autokraten war die Selbstverbrennung des tunesischen Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi. Er hatte sich Mitte Dezember 2010 aus Verzweiflung über die ökonomische Misere angezündet. Kurz darauf, am 4. Januar 2011, erlag er seinen Brandverletzungen.

Sein Tod war ein Signal weit über Tunesien hinaus, ein Katalysator für die Revolte in Staaten wie Libyen, Ägypten, Syrien und in den Golfländern. Despoten, die während Jahren als Diktatoren unangreifbar gewesen waren, stürzten nun in Jemen, Tunesien, in Ägypten und in Libyen.

Die Revolte war aber kein Frühlingsbote, ­sondern der Beginn des arabischen Herbsts, dem ein Winter folgen wird. Die Lebensbedingungen haben sich in den vergangenen Jahren massiv ­verschlechtert. Laut dem jüngsten Arab ­Development Report der Vereinten Nationen leben lediglich fünf Prozent der Weltbevölkerung im Mittleren Osten. Aber 45 Prozent der Terroristen stammen aus dieser Region, ebenso 68 Prozent der Kriegstoten und 58 Prozent aller Flüchtlinge. Das alles geschehe zu einer Zeit, da die Zahl der jungen Araber auf über 100 Millionen steigt und weiterhin schnell nach oben zeigt. Daraus ergeben sich zunehmende Probleme bei der Arbeitslosigkeit und bei der Armut. Die gescheiterten Staaten sind überfordert.

In Kairo herrscht wieder eine Militärdiktatur. Im Vergleich zu anderen Ländern können sich die Ägypter allerdings noch glücklich schätzen. Grosse Teile Jemens, Libyens und Syriens sind zerstört. Im Irak und in Syrien hat sich der Islamische Staat ausgebreitet. Russland sowie die regionalen Grossmächte Saudiarabien, Iran und die Türkei ringen brutal um Einfluss im Mittleren Osten. Zudem haben die religiösen Konflikte an Schärfe zugenommen und befeuern Fanatiker. In Tunesien gelang zwar der Übergang zu einer einigermassen funktionierenden Demokratie. Doch sie steht auf wackligen Beinen. Die grösste ­Islamisten-Partei, die die Wahlen gewonnen hat, sichert wohl zu, dass sie sich auf die Politik ­konzentrieren wolle, dass sie also auf religiöse und kulturelle Aktivitäten verzichten werde. Und doch ist Skepsis am Platz: Denn Tunesier machen im Islamischen Staat die grösste Zahl ausländischer Terroristen aus.

Im Orient ist ein Vakuum entstanden, das Terroristen flink und brutal ausnützen. Dass die USA unter Präsident Barack Obama ihren Einfluss in der Region abgebaut haben, verlieh den Regionalmächten ein zuvor unbekanntes Mass an Freiheit, für ihre Interessen zu kämpfen. Die Angst vor amerikanischer Bestrafung war geringer geworden, schreibt Marc Lynch in seinem lesenswerten Buch «Die neuen Kriege in der arabischen Welt».* Der Politikwissenschaftler von der George ­Washington University rechnet mit einer weiteren ­Verschlimmerung. Er erwartet neue Kriege.

Keiner der Missstände, die die Menschen in der arabischen Welt auf die Strasse trieben, seien ­behoben, die meisten seien sogar noch schlimmer geworden. Die Diskreditierung des demokratischen Übergangs in den Staaten des arabischen Frühlings habe die aussichtsreichsten Chancen auf eine Lösung der Probleme «für immer zunichte­gemacht», schreibt Lynch und stellt die düstere ­Prognose: «Es wird keine Rückkehr zur Stabilität geben. Die arabischen Aufstände von 2011 waren nur eine Episode in einem jahrzehntelangen Widerstand gegen eine gescheiterte politische Ordnung.»

* Marc Lynch: «Die neuen Kriege in der arabischen Welt. Wie aus Aufständen Anarchie wurde». Aus dem ­Englischen von Rita Seuss und Thomas Wollermann. Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2016. (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.01.2017, 11:22 Uhr

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