Israels Botschaft an seine Erzfeinde

Nach elf Jahren: Die Zensur veröffentlicht Details, wie ein syrischer Atomreaktor zerstört wurde.

Geheimer Reaktor. Dieses von den israelischen Verteidigungsstreitkräften veröffentlichte Foto soll einen syrischen Atomreaktor zeigen, der vor elf Jahren von den Israelis zerstört worden sein soll.

Geheimer Reaktor. Dieses von den israelischen Verteidigungsstreitkräften veröffentlichte Foto soll einen syrischen Atomreaktor zeigen, der vor elf Jahren von den Israelis zerstört worden sein soll. Bild: Keystone

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Die israelische Militärzensur lüftet ein offenes Geheimnis. Sie bestätigt erstmals, dass die Luftwaffe vor elf Jahren einen Angriff auf den syrischen Atomreaktor durchführte und ihn zerstörte. Damit sollte eine Gefahr beseitigt werden, die aus israelischer Sicht die Existenz Israels bedrohte.

Dass Israel die Attacke von damals ausgerechnet heute publiziere, sei als Botschaft an jene zu verstehen, die mit Massenvernichtungswaffen Israels Existenz zerstören wollten, heisst es in Jerusalem. Israel werde auch in Zukunft seine Feinde davon abhalten, sich Nuklearwaffen zu beschaffen, kommentierte Premierminister Benjamin Netanyahu die Zerstörung des Reaktors. Damit spielte er auf das Jahr 1981 an, als Israels Luftwaffe südöstlich von Bagdad den irakischen Reaktor zerstörte.

Der syrische Reaktor stand wenige Monate vor seiner Aktivierung. Hätte man mit dem Angriff bis zur Aktivierung gewartet, wäre die Bevölkerung Syriens verstrahlt worden, drängte Ehud Olmert, damals Premierminister. Was man damals nicht wissen konnte: Vier Jahre nach dem Angriff begann der syrische Bürgerkrieg, in dessen Verlauf die Terror-Milizen das Gebiet eroberten, wo der Reaktor gestanden hatte. Ohne Israels Militäraktion wäre der IS Besitzer einer Atomanlage geworden.

Zufälliger Fund des Mossad

Der israelische Geheimdienst, der Mossad, war dem syrischen Reaktorgeheimnis per Zufall auf die Spur gekommen (Ronen Bergman: «Der Schattenkrieg. Israel und die geheimen Tötungskommandos des Mossad». Spiegel-Buch, 2018, Kapitel 34). Während eine Agentin Ibrahim Othman, den damaligen Direktor der syrischen Atomenergiekommission, in einer Wiener Hotel-Bar in ein Gespräch verwickelte und ihm ein Interesse vormachte, durchsuchten andere Mossad-Agenten das Hotelzimmer des Syrers.

Es begann als Routine. Ähnliche Operationen wurden auch gegenüber anderen durchgeführt. Doch beim Syrer stiessen die Spione auf einen geheimnisvollen, schweren Koffer, der sich erst nicht öffnen liess. Anfänglich schenkte man den Dokumenten keine Beachtung. Es dauerte zwei Wochen, bis sie ausgewertet wurden. Dann wurde klar: Syrien, der feindliche Nachbarstaat, war daran, eine Atombombe zu bauen. Baschar al-Assad, damals noch uneingeschränkter Herrscher in seinem Staat, hatte die Israeli getäuscht, indem die Planung des Reaktors nie über elektronische Netzwerke kommuniziert wurde.

Nach dem Fund im Wiener Hotelzimmer wusste der Mossad: In der Wüstenstadt Deir al-Sor, im Nordosten Syriens, hatte Assad den Reaktor seit 2001 vorangetrieben. Den Kernreaktor hatte er mit iranischen Geldern von Nordkorea gekauft.

Für Ehud Olmert, den damaligen Regierungschef Israels, war es ein klarer Fall: Sein Land werde sich mit dieser Bedrohung seiner Sicherheit nicht abfinden. Er versuchte zunächst, die Amerikaner zum Eingreifen zu bewegen, indem er sie an ihre Sicherheitsgarantie für Israel erinnerte. Sie weigerten sich mit dem Argument, dass ein Angriff auf Syrien einen regionalen Krieg provozieren würde. Er würde Stärke zeigen wollen, um seine Ehre zu retten, lautete das Argument in Washington. Worauf Olmert und sein Sicherheitskabinett der Empfehlung der Geheimdienste folgten: Trotz der Risiken würde Israel den syrischen Reaktor zerstören, im Alleingang, ohne Unterstützung der Vereinigten Staaten.

Vor elf Jahren, in einer Septembernacht 2007, stiegen israelische Kampfflugzeuge auf, flogen in Richtung Deir al-Sor und warfen über dem Reaktor eine Bombenladung von 18 Tonnen ab. Die Atom-Gefahr war damit beseitigt. Nun ging es noch darum, ein weiteres Risiko auszuschalten: dass Assad mit einem Angriff auf Israel reagieren würde. Das hätte einen regionalen Krieg auslösen können – ein Risiko, dass Israel in Kauf nahm.

Um Syrien nicht zu provozieren, beschloss Jerusalem höchste Geheimhaltung. Bis gestern konnte man sich im Zusammenhang mit der Zerstörung des Reaktors lediglich auf «ausländische Quellen» berufen, da Israel seine Täterschaft geheim hielt. Letztlich war es Assad, der die Medien vor elf Jahren über den Angriff informierte. «Unbekannte» hätten ein «leeres Gebäude» zerstört, spielte er den Vorfall herunter. Dass es sich bei diesem «leeren Gebäude» um einen Plutonium-Reaktor handelte, der sechs bis neun Monate vor der Fertigstellung stand, verschwieg er.

Inzwischen warnen Analytiker vor dem Schluss, dass die iranischen Atomanlagen, die im Gegensatz zum syrischen Reaktor unterirdisch angelegt sind, ebenfalls mit einem blossen Fliegerangriff zerstört werden können. (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.03.2018, 07:35 Uhr

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