Potenzdemonstrationen

Erdogan und Putin treffen sich in Moskau. Das Programm sieht aus, als wachse zwischen Moskau und Ankara eine neue grosse Männerfreundschaft.

Sieghaft lächeln: Der russische Präsident Wladimir Putin (l.) und sein türkischer Kollege Recep Tayyip Erdogan. (Archivbild)

Sieghaft lächeln: Der russische Präsident Wladimir Putin (l.) und sein türkischer Kollege Recep Tayyip Erdogan. (Archivbild) Bild: Alexander Zemlianichenko/Keystone

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Manche Gipfeltreffen haben etwas ­Triumphales. Vor allem, wenn Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin teilnehmen. Auch bei Erdogans heutigem Staatsbesuch in Moskau werden beide Politiker wieder sieghaft lächeln, während ihre Minister – seit Jahren sehr inhaltsgleiche – Verträge, Vorverträge oder Absichtserklärungen unterzeichnen. Zu dem Atomkraftwerk, das der russische Staatskonzern Rosatom im türkischen Akkuju errichten will, der Bau soll Ende dieses Jahres beginnen. Zur Pipeline «Turkish Stream», die russisches Gas in die Türkei und von dort aus auch nach Westeuropa befördern soll. Zum bilateralen Handels­volumen, das man auf über 100 Milliarden Dollar jährlich liften möchte. Zum, und das ist neu, möglichen Kauf ­russischer S-400-Luftabwehrkomplexe durch das türkische Militär. Zur ­weiteren Befriedung Syriens …

Das Programm des Treffens sieht aus, als wachse zwischen Moskau und Ankara eine neue grosse Freundschaft. Mit Erdogan scheint sich ein weiterer Wackelkandidat aus dem westlich-­demokratischen Kulturkreis in Richtung des moskowitischen Autokratismus zu verabschieden. Schon redet Russlands Aussenminister Sergei Lawrow von einem engen Partner, die «Reporter ohne Grenzen» aber titulieren Erdogan und Putin mit dem terroristischen Islamischen Staat (IS) als Feinde der Pressefreiheit. Auch dass ein türkischer Polizist den russischen ­Botschafter in Ankara erschossen hat, oder dass bei einem versehentlichen Bombenangriff russischer Schlacht­flieger in Syrien drei türkische Soldaten umgekommen sind, trübt die Stimmung nicht. Man will einander mögen.

Kleine Männer

Erdogan (1,73 Meter) und Putin (1,70 Meter) haben nicht nur gemeinsam, dass sie klein gewachsene Spitzenpolitiker sind. Beide gelten als autoritäre Führer, die alles daransetzen, einmal gefällte Entscheidungen durchzuziehen, und dabei jegliche Kritik ignorieren. Aussenpolitische Auftritte nutzen beide gern für Potenzdemons­trationen gegenüber dem heimischen Publikum. Wobei Erdogan auch seinen neuen ­russischen Freunden auf die Zehen tritt. So unterstützt er die Krimtataren, die in der ­Türkei durch eine grosse Diaspora ­vertreten sind und die Krim weiter als Teil der Ukraine betrachten.

Vertragen sich zwei so ausgeprägte Alphamännchen auf Dauer wirklich gut? Sie besitzen unterschiedliche ­Temperamente. Putin, im Gegensatz zu Erdogan kein Strassen­politiker, bemüht sich, in der Öffentlichkeit mit Sach­kompetenz zu glänzen. Wirre verbale ­Tabubrüche wie ­Erdogans Nazismusvorwurf gegen die Deutschen verkneift er sich.

Sie – und ihre Länder – sind ­keineswegs traditionelle oder gar logische Partner. Russland und die Türkei bekriegten sich als eurasische Nachbar­imperien jahrhundertelang, in Putins ersten Amtsjahren lieferte die Türkei den tschetschenischen Separatisten Waffen. Und noch vergangenes Jahr attackierte die russische Propaganda die Türkei als Haupthelfershelfer und Ölkäufer der IS-Terroristen. Das änderte sich erst im Juli, als sich Erdogan mit einer Botschaft an Putin wandte, in der er sich – je nach Übersetzung – für den Abschuss eines Kampffliegers im November 2015 durch die türkische Luftwaffe im ­syrischen Grenzgebiet entschuldigte – oder zumindest sein Bedauern ­aussprach. Manchmal hilft es, wenn ­gegenseitiges Verstehen dehnbar ist.

Ferien abgesagt

Die Gesellschaften beider Länder interessieren sich übrigens wenig für einander. Die deutsch-türkischen ­Reibereien kann man im Vergleich dazu durchaus als intim bezeichnen. Zwar galt die Türkei ein Jahrzehnt lang als Lieblingsurlaubsziel der Russen. Aber angesichts der vielen Terror­anschläge dort winken auch wage­mutige ­russische Touristen ab.

Jetzt hoffen die Türken wieder auf russische Bauaufträge und Obst­importe, die Russen auf eine Ein­bindung der Türkei in ihr strategisches Pipelinenetz. Aber bisher hat man sich nur auf eine Rohrleitung geeinigt, die Gas allein in die Türkei liefert. Auch wenn man nicht drüber redet, beiden Seiten ist klar, dass jeder weitere Pipelinestrang zur Sackgasse zu werden droht, weil die EU nicht mitbauen will.

Im syrischen Kriegswirrwarr beschwören beide Seiten wieder eifrig den gemeinsamen Kampf gegen den Terrorismus. Aber die Russen kämpfen in erster Linie für den Erhalt des Assad-Regimes, das man in Ankara ­insgeheim zum Teufel wünscht. Die Türken ihrerseits wollen jede kurdische Autonomie auf syrischem Boden ­verhindern, Moskau gibt sich in dieser Frage betont neutral. Auch diese Ziele liegen nicht gerade auf einer Linie.

Trotzdem werden sich Putin und Erdogan heute wieder sieghaft anlächeln. Schon um dem Westen und vor allem Europa zu zeigen, wie gut man ohne sie klarkommt. Man nutzt einander, eine Allianz der Taktik, keiner gemeinsamen strategischen Interessen. Putin und Erdogan machen auf Männerfreundschaft, aber es ist sehr fraglich, ob sie einander wirklich vertrauen.

Und die Russen mögen es sich ­zweimal überlegen, ob sie der Türkei S-400-Flaksysteme verkaufen. Denn wer weiss, auf wessen Kampfjets die einmal abgefeuert werden. (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.03.2017, 10:42 Uhr

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