Provokateurin oder Heldin?

Eine 17-jährige Palästinenserin steht in Israel vor Gericht, weil sie Soldaten angegriffen hatte. Der umstrittene Prozess hat nun begonnen – unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Es droht eine mehrjährige Haftstrafe: Ahed Tamimi vor einem israelischen Militärgericht in Ofer.

Es droht eine mehrjährige Haftstrafe: Ahed Tamimi vor einem israelischen Militärgericht in Ofer. Bild: AFP

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Das Video ging um die Welt: Es zeigt, wie eine junge Palästinenserin im besetzten Westjordanland zwei israelische Soldaten mit Händen und Füssen angreift. Einem Soldaten verpasst sie eine Ohrfeige. Die Angreiferin heisst Ahed Tamimi und ist 17 Jahre alt. Seit heute Morgen steht sie vor einem Militärgericht. Angeklagt ist sie nicht nur wegen ihrer Angriffe auf die beiden israelische Soldaten, sondern auch wegen anderer Delikte wie Körperverletzung, Steinewerfen, Drohungen oder Aufwiegelung. Der Prozess ist nach wenigen Stunden vertagt worden. Im März wird er fortgesetzt.

Der Richter hatte zum Prozessauftakt den Ausschluss der Öffentlichkeit einschliesslich von Journalisten angeordnet. Zur Begründung sagte er, ein öffentliches Verfahren sei nicht im Sinn der minderjährigen Angeklagten. Tamimis israelische Anwältin Gaby Lasky lieferte eine andere Erklärung für den Ausschluss der Öffentlichkeit: «Das Gericht hat Angst, dass Leute in die Verhandlung kommen und sehen, was dort passiert: nämlich die systematische Verletzung der Rechte palästinensischer Kinder.» Der Prozess gegen Tamimi ist höchst umstritten. Kritiker befürchten, dass die israelische Militärjustiz ein Exempel an der jungen Palästinenserin statuieren wird. Laut Amnesty International droht Tamimi eine mehrjährige Haftstrafe.

Haftstrafe von mindestens einem Jahr

Der ehemalige Leiter der israelischen Militärstaatsanwaltschaft, Maurice Hirsch, betonte laut Medienberichten, Tamimi geniesse dieselben grundlegenden Rechte wie ein israelischer Staatsbürger. Er gab aber zu, dass Palästinenser oft länger in Haft blieben als Israelis. Eine Freilassung von Häftlingen wie Tamimi sei problematisch, weil die Eltern ihre mutmasslichen Taten unterstützten. Die palästinensische Gesellschaft sehe «das Begehen von Straftaten als etwas Positives», gab Hirsch zu bedenken. Er rechnet mit einer Haftstrafe von mindestens einem Jahr für die junge Palästinenserin.

Immer wieder Konfrontationen mit israelischen Sicherheitskräften: Kurzporträt von Ahed Tamimi. Quelle: Youtube/Washington Post

Die Anwältin von Tamimi sagte vor Prozessbeginn, das israelische Gerichtssystem sei ungerecht Palästinensern gegenüber. Das Militärgericht sei ein «Besatzungsgericht», das Palästinenser dafür bestrafe, dass sie sich gegen die Besatzung wehrten. Es sei nicht Tamimi, die angeklagt werden sollte, sondern die seit 50 Jahren dauernde israelische Besatzung der Palästinensergebiete, sagte Verteidigerin Lasky vor Journalisten.

Wie es typisch für den Nahostkonflikt ist, gibt es zwei Einschätzungen über den Fall Tamimi. Für viele Palästinenser ist die Jugendliche mit der wilden, langen Lockenmähne und den hellen Augen eine Symbolfigur des Widerstands gegen die israelische Besatzung. Viele Israelis sehen sie dagegen als unverschämte Provokateurin, die bestraft werden muss. Die Jugendliche hatte sich in den letzten Jahren mehrmals aggressiv gegenüber israelischen Soldaten verhalten. Ein Foto aus dem Jahr 2012 zeigt, wie Tamimi einen israelischen Soldaten mit geballter Faust provoziert.

Cousin von Ahed Tamimi schwer verletzt

Der Vorfall vom 15. Dezember 2017 mit dem Fausthieb gegen einen Soldaten hat eine Vorgeschichte. So soll kurz zuvor ein Cousin der 17-Jährigen bei Protesten aus nächster Nähe von einem Hartgummi-Geschoss israelischer Sicherheitskräfte schwer am Kopf verletzt worden sein. Nach Angaben des Vaters der Angeklagten, Bassem Tamimi, war dies der Auslöser für die Angriffe des Teenagers auf die zwei israelischen Soldaten. Der 15-Jährige Cousin benötigte eine Operation, bei welcher Teile seines Schädels entfernt werden mussten, wie die israelische Zeitung «Haaretz» berichtete.

Tamimis Handgemenge mit den Soldaten ereignete sich bei den Protesten gegen die Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt durch US-Präsident Donald Trump. Seit Trumps Ankündigung im Dezember, die US-Botschaft nach Jerusalem verlegen zu wollen, starben 23 Palästinenser und zwei Israelis bei Zusammenstössen.

Keine Angst vor israelischen Soldaten: Ahed Tamimi als Elfjährige bei einer Protestaktion. Foto: Keystone

Ahed Tamimi befindet sich seit dem 19. Dezember in Haft. Dies stösst weltweit auf Kritik. Mehr als 1,7 Millionen Menschen unterzeichneten eine Onlinepetition für die Freilassung der jungen Palästinenserin. Amnesty International äusserte Kritik an Israels Militärbehörden: «Das Video zeigt den Angriff eines unbewaffneten Mädchens auf zwei bewaffnete Soldaten, die Schutzkleidung tragen. Es ist eindeutig, dass Ahed Tamimi keine tatsächliche Bedrohung darstellt und dass ihre Bestrafung völlig unverhältnismässig ist.» Amnesty fordert die sofortige Freilassung der Jugendlichen. Ihre Haft sei «der verzweifelte Versuch, palästinensische Kinder einzuschüchtern, die es wagen, sich gegen die Unterdrückung durch Besatzungstruppen aufzulehnen». Auch das UNO-Menschenrechtsbüro hat Israels Behörden wegen des Falls kritisiert.

Tamimi ist kein Einzelfall. Nach Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation Betselem befinden sich mehr als 300 minderjährige Palästinenser in israelischer Haft. Im Oktober 2015 hatte eine Welle palästinensischer Anschläge auf Israelis begonnen, unter den Tätern waren auch viele Minderjährige.

Artikel mit Material der Nachrichtenagentur SDA. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2018, 17:59 Uhr

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