Und die Welt schaut tatenlos zu

Tote, Flüchtlinge, Hunger, Folter und Vergewaltigungen: Der syrische Bürgerkrieg geht ins achte Jahr.

Besonders für Frauen unerträglich. Syrierinnen durchsuchen die Trümmer nach brauchbarem Material.

Besonders für Frauen unerträglich. Syrierinnen durchsuchen die Trümmer nach brauchbarem Material. Bild: Keystone

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Der Aufstand geht schnell vorüber: Das dachten die meisten Beobachter, als es am 15. März vor sieben Jahren zu ersten Demonstrationen gegen das Regime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad kam. Doch die Kundgebungen gegen den syrischen Machthaber weiteten sich in Kürze zum Bürgerkrieg aus.

Hoffnungen auf ein baldiges Ende des syrischen Mordens erfüllten sich auch Ende 2017 nicht, als der Islamische Staat am Zerfallen war. Russland, das Assad vor dem Untergang gerettet hat, bezeichnete seine «Mission» zwar als beendet und versprach, seine Truppen abzuziehen. Aber Frieden kehrte nicht ein.

Ein Ende des Gemetzels ist nicht in Sicht, da in Syrien jetzt mehrere Staaten und Gruppen gegeneinander um Einfluss kämpfen. Moskau und Teheran wollen sich für ihren Einsatz in Syrien belohnen lassen, der das Regime vor dem Untergang gerettet hat. Sie bauen in Syrien militärische Stützpunkte, was Israels Regierung als Gefahr sieht. Assad geht, unterstützt von Moskau und anderen Verbündeten, gegen Städte vor, die weiterhin von Rebellen kontrolliert werden. Die Türkei kämpft auf syrischem Gebiet gegen Kurden.

Dokumentation der Schicksale

Die Menschenrechtsorganisation «Syrian Network for Human Rights» (SN4HR) hat jetzt das tragische Schicksal derjenigen dokumentiert, die nicht ins Ausland geflohen sind. Die Lage sei besonders für Frauen unerträglich schlimm. Das Regime und seine Verbündeten würden gegen sie noch ruchloser vorgehen als die anderen Bürgerkriegsgruppen, heisst es bei SN4HR. Syrische Truppen würden gegen sie Folter und sexuelle Gewalt als Kriegstaktik einsetzen, um vor Anti-Regime-Protesten zu warnen. Lokale Hilfskräfte, die humanitäre Hilfe verteilen, würden zudem ihre Position ausnützen, um von Frauen als «Gegenleistung» für etwas Nahrung Sex zu verlangen.

Inzwischen gehen Assad und das mit ihm liierte Russland in der Nähe von Damaskus und an der türkischen Grenze gegen die Rebellen und deren Stützpunkte vor. Im Zentrum ihrer Aggressionen steht derzeit die Gegend von Ost-Ghuta, einem fruchtbaren Gebiet bei Damaskus, wo rund 400 000 Personen leben. Assad und Russland geben an, dort gegen Terroristen vorzugehen. Doch im Grunde genommen gehe es ihnen darum, Assads Gegner auszuschalten, sagt Syrienexperte Andrew Tabler.

71 Tote pro Tag

Laut Angaben der Hilfsorganisation «Ärzte ohne Grenzen» sterben in Ost-Ghuta derzeit mindestens 71 Menschen pro Tag. Ende letzter Woche verliess zwar eine erste Gruppe von Jihadisten die Rebellenenklave – aber die syrische Armee setzte ihre Angriffe auf die Zivilbevölkerung fort. «Ärzte ohne Grenzen» spricht von einer «schrecklichen medizinischen Katastrophe».

Vor zwei Jahren hatten syrische Truppen die Stadt Aleppo belagert und konnten dabei auf russische und iranische Hilfe zählen. Die Stadt, grössenmässig mit Basel vergleichbar, wurde bombardiert, zerstört und Ende 2016 den Rebellen entrissen. Aleppo wurde damals in einem Atemzug mit Ruanda und Srebrenica genannt, als Sinnbild des Bösen. Im Genozid von Ruanda starben 1994 innerhalb von drei Monaten rund 800'000 Menschen, in Srebrenica starben 1995 mehr als 8000 bosnische Moslems.

Die Lage scheint in Ost-Ghuta jetzt noch schlimmer zu sein als damals in Aleppo. Ost-Ghuta ist von Landwirtschaft geprägt, weshalb sich die Region bis zu einem bestimmten Mass unabhängig von der Aussenwelt versorgen kann. Für die Regierung ist das Gebiet strategisch wichtig, weil es direkt vor den Toren der Hauptstadt Damaskus liegt. Rebellen schiessen von Ost-Ghuta aus immer wieder mit Artillerie auf Regierungsgebiete.

Der seit sieben Jahren tobende Bürgerkrieg hat bisher 511'000 Tote gefordert, darunter 85 Prozent Zivilisten, schätzt das «Syrian Observatory for Human Rights». Elf Millionen Syrer sind seit März 2011 aus ihren Häusern geflüchtet. Die Hälfte ist in Syrien geblieben, knapp fünf Millionen sind nach Jordanien, in die Türkei, in den Libanon, in den Irak, nach Ägypten oder nach Europa geflüchtet. (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.03.2018, 09:53 Uhr

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