«Unsere Sorge ist, dass Syrien vergessen geht»

Die UNO-Ernährungshilfe für Syrien versorgt vier Millionen Menschen. Doch in ein paar Monaten gehe das Geld aus, sagt der Leiter der Syrien-Mission, der Schweizer Jakob Kern.

Das reicht zum Überleben, mehr nicht: Nahrungsmittelpakete für die Menschen in Syrien. Foto: WFP

Das reicht zum Überleben, mehr nicht: Nahrungsmittelpakete für die Menschen in Syrien. Foto: WFP

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Das Leben kommt langsam zurück in Ost-Aleppo. Es ist aber ein Leben in Ruinen. Ein Alltag ohne Wasser, ohne Strom, ohne Läden. «Es gibt noch keine Anzeichen für einen Wiederaufbau», sagt Jakob Kern. Der 55-jährige Appenzeller, der seit Anfang 2016 das UNO-«World Food Programme» (WFP) für Syrien leitet, kennt aufgrund von Besuchen vor Ort die Situation im Ostteil der einstigen Millionenstadt. Die Menschen in Ost-Aleppo seien bis auf Weiteres auf direkte humanitäre Hilfe angewiesen.

Das WFP verteilt täglich Brot und warme Mahlzeiten, ebenso monatliche Notrationen: 60 Kilo Nahrungsmittel wie Kichererbsen, Linsen, Bohnen, Reis, Weizenmehl, Öl, Salz und Zucker. Die Nahrungsmittelpakete sind für eine Familie mit fünf Personen gedacht und müssen einen Monat reichen. Das sind 1500 Kilokalorien pro Person und pro Tag. Damit kann man überleben, mehr nicht.

Seit die Truppen des Assad-Regimes dank russischer Unterstützung Ende 2016 Ost-Aleppo zurückerobert haben, sind etwa 100'000 Menschen zurückgekehrt. Hunderttausende Einwohner waren vor den Kämpfen geflüchtet. Grosse Teile von Ost-Aleppo sind nicht zugänglich, weil es überall Minen und nicht explodierte Bomben hat. Die Rückkehrer haben sich in ihren beschädigten Häusern und Wohnungen eingerichtet, sofern nicht ihr ganzes Hab und Gut zerstört worden ist. «Den Leuten ist es egal, wer den Krieg gewinnt», erzählt Kern. «Es geht nicht mehr um Politik, wenn man mit ihnen spricht.» Sie seien einfach nur froh, dass die Kämpfe endlich vorbei seien.

Dramatische Situation in belagerten Städten

So schlimm die Lage in Aleppo auch ist – in Syrien gibt es Regionen, wo die Versorgungslage noch dramatischer ist. Belagerte Städte wie Foah, Kafraya, Madaja und Zabadani können von den Hilfskonvois des WFP nur alle paar Monate erreicht werden, zuletzt war dies im November und März möglich. Schwer zugänglich sind auch die Regionen von Idlib und Damaskus, wo andauernd heftige Kämpfe im Gange sind.

In den belagerten Städten ist laut Kern auch die medizinische Versorgung katastrophal. In Madaja zum Beispiel, wo 40'000 Menschen leben, gebe es nur zwei Ärzte. Operationen würden ohne Anästhesie durchgeführt. Antiobiotika seien nicht verfügbar. «Jede Erkältung kann lebensbedrohlich werden», sagt Kern.

Nahrungsmittelpakete des WFP nur alle paar Monate: Menschen in der belagerten Stadt Madaja. Foto: AFP

Von den 18 Millionen Syrern, die noch im Land leben, sind 8,7 Millionen auf Ernährungshilfe angewiesen. Das WFP unterstützt über 4 Millionen Menschen. 2 weitere Millionen Syrer erhalten Ernährungshilfe von Partnerorganisationen der UNO. 2,7 Millionen Menschen können nicht erreicht werden, weil sie in Gebieten leben, die vom Islamischen Staat (IS) kontrolliert werden. Eine Ausnahme ist die vom IS belagerte Stadt Deir ez-Zor im Osten des Landes: Dort hilft das WFP mit Luftabwürfen von Nahrungsmittelpaketen. «Hilfe in IS-Gebieten auf dem Landweg zu leisten, ist zu gefährlich», sagt Kern. «Zudem missachtet der IS humanitäre Grundsätze.»

Ende September geht dem WFP das Geld aus

Nach sechs Jahren Krieg sei die humanitäre Lage in Syrien schlimmer als je zuvor, gibt Kern zu bedenken. Umso mehr hofft er, dass die Geberländer weiterhin das WFP unterstützen. Das WFP braucht pro Monat 60 Millionen Dollar. «Bis Ende September ist die Finanzierung gesichert», sagt Kern. «Wie es danach weitergeht, ist aber noch unklar.»

Ein Unsicherheitsfaktor sei die neue US-Administration. Die Amerikaner hätten sich noch nicht festgelegt, was sie in Syrien machen wollen und ob sie weiterhin Beiträge an die UNO leisten werden. «Unsere Sorge ist, dass Syrien vergessen geht», sagt Kern – dies auch wegen der grossen Hungersnöte in Afrika. «Dabei ist Syrien weiterhin eine der grössten humanitären Katastrophen unserer Zeit.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.04.2017, 17:28 Uhr

«Nach sechs Jahren Krieg ist die humanitäre Lage in Syrien schlimmer als je zuvor»: Jakob Kern, Leiter des UNO-Welternährungsprogramms in Damaskus. Foto: WFP/Syria

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