Wenn zwei das Gleiche tun, ist es nicht dasselbe

Der russische Präsident Wladimir Putin hat Jerusalem schon vor einem halben Jahr als Hauptstadt von Israel anerkannt. Interessiert hat das niemanden.

Wladimir Putin (hier bei einem Treffen mit Benjamin Netanyahu im Jahr 2012) hat Jerusalem schon vor Monaten als Hauptstadt anerkannt.

Wladimir Putin (hier bei einem Treffen mit Benjamin Netanyahu im Jahr 2012) hat Jerusalem schon vor Monaten als Hauptstadt anerkannt. Bild: Keystone

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Tage nach der Jerusalem-Erklärung von Trump sorgt die Anerkennung der uralten heiligen Stadt als israelische Hauptstadt weltweit immer noch für grosse Aufregung. Die internationale Kritik ist scharf. Trumps Entscheidung stösst auf Ablehnung in Europas Kapitalen und im Vatikan, während in grossen Teilen der muslimischen Welt die Zeichen auf Sturm stehen.

Das Ausmass der Empörung ist erstaunlich angesichts der Tatsache, dass der russische Präsident Wladimir Putin schon vor über einem halben Jahr exakt dasselbe getan hat. Am 6. April 2017 bestätigte das russische Aussenministerium in einer öffentlichen Erklärung das russische Commitment für eine Zweistaatenlösung und betonte gleichzeitig, dass Russland West-Jerusalem als die Hauptstadt Israels betrachte. Im englischen Originaltext lautet das so: «At the same time, we must state that in this context we view West Jerusalem as the capital of Israel.» Wie fiel nun die internationale Reaktion auf dieses Statement aus, welches – genau wie die amerikanische Erklärung von Mittwoch – jahrzehntelange Politik mit wenigen Worten umstiess? Die Antwort auf diese Frage ist kurz: Es gab keine! Die Israelis waren überrascht, in Europa sowie der arabischen und muslimischen Welt wurde die russische Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt gar nicht wahrgenommen.

Der russische Vorstoss kommt auch in den Reaktionen, Beurteilungen, Einschätzungen und Kommentaren der letzten Tage denn auch so gut wie nirgendwo vor. Für diese Wahrnehmungsstörung sind folgende zwei Erklärungen denkbar: 1. Die USA sind trotz aller Abgesänge auf ihren Niedergang und ihren weltweiten Rückzug eben immer noch die weltweit wichtigste Macht, die das Geschehen in Nahost massgeblich prägt. Die USA stehen daher eher im Fokus als Russland, trotz dessen unseligen Engagements in Syrien. 2. Alle haben Angst vor Putin. Der gewiefte Stratege gilt spätestens seit den Interventionen in der Ukraine, auf der Krim und in Syrien, welche ihm die internationale Gemeinschaft alle durchgehen lassen, als rücksichtlos und unberechenbar, wenn es um die Verfolgung geopolitischer russischer Ziele geht. Wer in Europa und in der muslimischen Welt möchte sich da schon mit ihm anlegen?

Es bleibt die Erkenntnis: «Wenn zwei das Gleiche tun, ist das noch lange nicht dasselbe.» Geht es um Putin, ist die Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt kein Thema, bei Trump beginnt die Welt zu hyperventilieren. Was auf der Strecke bleibt, ist das nüchterne Urteil, die Einordnung, die Analyse des Geschehens im Kontext; eigentlich die Kernaufgabe der Journalisten und Kommentatoren. Aber offenbar verfügen nicht mal sie im Zeitalter kurzer Aufmerksamkeitsspannen und ausgedünnter Redaktionen über das nötige Expertenwissen. Die russische Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels geht dabei schlicht vergessen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.12.2017, 10:40 Uhr

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