Angriffe auf Juden

Pittsburgh, Chemnitz, Paris – Juden werden zunehmend Opfer von Gewalt, Belästigung und Drohungen. Eine Übersicht.

Schmerz und Angst vor weiteren Anschlägen: Jüdische Schülerinnen trauern um ihren Lehrer, der eines der Opfer von Pittsburgh ist.

Schmerz und Angst vor weiteren Anschlägen: Jüdische Schülerinnen trauern um ihren Lehrer, der eines der Opfer von Pittsburgh ist. Bild: Keystone

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Auch vier Tage nach dem Massaker sitzt der Schock noch tief. Am Samstag, kurz nach Beginn des Sabbat-Gottesdienstes, stürmte ein bewaffneter Attentäter in die jüdische «Tree of Life»-Synagoge in Pittsburgh und eröffnete das Feuer. Elf Menschen starben und sechs weitere wurden verletzt. Der Täter, der sich nach einem Schusswechsel mit der Polizei ergab, war in sozialen Netzwerken mit rechten Symbolen und antisemitischen Beiträgen aufgefallen.

Das brutale Blutbad erschüttert die USA und hat neue Diskussionen über Antisemitismus ausgelöst. Die Anti-Defamation League (ADL), die gegen die Diskriminierung und Diffamierung von Juden in Amerika eintritt, spricht von der «wahrscheinlich tödlichsten Attacke auf die jüdische Gemeinde in der Geschichte der Vereinigten Staaten».

Fassungslosigkeit nach dem Anschlag: Menschen versammeln sich in Pittsburgh, um gemeinsam zu trauern. (Video: Tamedia)

Doch die Tat kam keineswegs aus dem Nichts. Die Zahl antisemitischer Übergriffe in den USA hat in den letzten Jahren sprunghaft zugenommen. 2017 gab es fast 2000 tätliche Angriffe, Bedrohungen und Belästigungen gegen Juden sowie Vandalismus gegen jüdische Einrichtungen. Das waren 57 Prozent mehr als noch 2016 – der höchste Anstieg, seit die ADL diese Daten im Jahr 1979 zum ersten Mal erhoben hat.

Schon von 2015 auf 2016 gab es gemäss der ADL einen Anstieg von 34 Prozent. In Schulen und Colleges nahmen antisemitische Vorfälle im vergangenen Jahr gar um 94 beziehungsweise 89 Prozent zu.

Auch FBI-Statistiken sprechen eine deutliche Sprache. Demnach stiegen sogenannte Hate Crimes, also politisch motivierte Verbrechen gegen Minderheiten, Juden und Muslime, zwischen 2014 und 2016 um 10 Prozent an. Die Hälfte der Übergriffe im Jahr 2016, welche die Bundespolizei als religiös motiviert einstufte, betraf Juden.

Politiker greifen Verschwörungstheorien auf

Ein Anstieg wird vor allem seit Donald Trumps Amtsantritt festgestellt. Aber auch schon während dessen Präsidentschaftskampagne wurde die Stimmung immer feindseliger. Zwischen Mitte 2015 und Mitte 2016 zählte die ADL auf Twitter mehr als 19'000 antisemitische Nachrichten an 800 Journalisten. Hakenkreuze und andere antisemitische Graffiti an jüdischen Einrichtungen haben laut US-Medien im ganzen Land zugenommen. Synagogen und Schulen mussten wegen Bombendrohungen ihre Sicherheitsmassnahmen verstärken.

2017 schockierte ein Marsch von Amerikas Rechtsextremen in Charlottesville die USA. Weisse Nationalisten und Antisemiten liefen mit brennenden Fackeln durch die Strassen und kandierten «Juden werden uns nicht ersetzen.» Die Bilder erinnerten an die Juden-Pogrome der Nationalsozialisten in Deutschland.

2018 hat sich das zunehmend feindliche Klima weiter verschlechtert – auch, weil ranghohe Politiker Verschwörungstheorien aufgreifen, die mit antisemitischen Stereotypen spielen. Besonders deutlich zeigt sich das laut amerikanischen Kommentatoren aktuell am Beispiel von George Soros. Der jüdische US-Milliardär ist Unterstützer und Spender der demokratischen Partei und eine Hassfigur der Rechten.

Verschiedene Republikaner beschuldigen ihn, den Migrationsstrom aus Mittelamerika zu finanzieren, der sich derzeit Richtung USA bewegt. Auch Kevin McCarthy griff die Vorstellung des reichen Juden auf, der böse Absichten hat. Der republikanische Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, twitterte kürzlich: «Wir können nicht zulassen, dass Soros, Steyer und Bloomberg die Wahl kaufen.» Wenig später löschte er seinen Eintrag wieder.

Bizarre Behauptungen oder rassistische Stereotype über Juden werden in den USA vom Establishment aufgenommen und sind dadurch salonfähig geworden. Die Auswirkungen sind fatal: Genau wie Soros erhielt Milliardär und Trump-Kritiker Tom Steyer, der ebenfalls jüdische Wurzeln hat, in der Vorwoche ein Paket mit einem Sprengsatz.

Wirft bekannten jüdischen US-Milliardären vor, die anstehenden Wahlen zu kaufen: Der republikanische Abgeordnete Kevin McCarthy. (Screenshot: Twitter)

Auch in Europa ist Antisemitismus wieder ein zunehmendes Problem, wie verschiedene Ereignisse und Untersuchungen zeigen. In Frankreich etwa ergab eine Studie 2015, dass 42 Prozent der befragten Juden schon einmal Opfer von Aggressionen oder tätlichen Angriffen durch Muslime wurden. Antisemitische Vorfälle sorgen regelmässig für Entsetzen. So wurde im März dieses Jahres eine 85-jährige Holocaust-Überlebende in ihrer Pariser Wohnung erstochen und verbrannt. Die Polizei stufte die Tat als antisemitisches Hassverbrechen ein.

In Deutschland trat Antisemitismus jüngst in Chemnitz offen zutage. Bei einem Protestzug wurde ein jüdisches Restaurant von rechten Demonstranten mit Steinen und Flaschen beworfen. Für Aufmerksamkeit sorgte im vergangenen April auch ein Video, in dem ein Israeli in Berlin am helllichten Tag verprügelt wird. Er hatte als Experiment eine jüdische Kopfbedeckung getragen, weil er einer Warnung nicht glauben wollte, dass dies in der deutschen Hauptstadt gefährlich sei. Nach nur fünf Minuten wurden er und sein Begleiter attackiert.

Weil er eine Kippa trägt: Ein Israeli wird mitten in Berlin angegriffen. (Video: Tamedia)

Antisemitische Angriffe wie dieser sind in der Millionenstadt Berlin mittlerweile fast alltäglich geworden. Und sie nehmen im gesamten Land zu. Im ersten Halbjahr 2018 wurden laut der deutschen Bundesregierung 401 Vorfälle gemeldet, 10,7 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

In etlichen anderen Ländern ist ebenfalls ein Anstieg festgestellt worden. Das britische Justizministerium beispielsweise zählte 2016 insgesamt 786 antisemitisch motivierte Hassverbrechen, mehr als doppelt so viele wie noch zwei Jahre zuvor. Und auch in der Deutschschweiz ist die Anzahl der erfassten Vorfälle angestiegen, von 15 im Jahr 2015 auf 39 im Jahr 2017. Das zeigt der Antisemitismusbericht, ein gemeinsames Projekt des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) und der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus.

Dabei handelt es sich nur um Fälle, die dem SIG gemeldet wurden oder über welche die Medien berichteten. Antisemitische Anfeindungen im Internet gibt es noch in viel höherer Zahl. Zudem trauen sich viele Betroffene nicht, zur Polizei zu gehen. Laut einer Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte aus dem Jahr 2013 werden bis zu 70 Prozent der antisemitischen Vorfälle gar nie gemeldet.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 31.10.2018, 17:14 Uhr

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