Hunderttausende Russen wählen mit den Füssen

Ob Junge, Wissenschaftler oder Topmanager: Putin rennen die Talente davon. Das sind die Gründe.

Demonstration gegen Putin in Berlin: Viele Ausgewanderte können sich eine Rückkehr nach Russland vorstellen – wenn sich die politischen Rahmenbedingungen ändern.

Demonstration gegen Putin in Berlin: Viele Ausgewanderte können sich eine Rückkehr nach Russland vorstellen – wenn sich die politischen Rahmenbedingungen ändern. Bild: Omer Messinger/Keystone

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Die russische Wissenschaft befinde sich im «Tal des Todes», fasst der Chef der Russischen Akademie der Wissenschaften, Alexander Sergejew, die desolate Lage zusammen. Die Zahl der hochqualifizierten Auswanderer habe sich auf 44'000 pro Jahr verdoppelt, klagt man bei der ranghöchsten Forschungseinrichtung des Landes.

Die Emigration von Spezialisten ist vor allem nach 2014 drastisch gestiegen, dem Jahr der Annexion der Krim: Danach wuchsen die Spannungen mit dem Westen, es wurden Sanktionen verhängt, die Wirtschaftslage verschlechterte sich. Und auch unter denen, die den Einstieg zu Hause geschafft haben, ist die Zahl der Emigrationswilligen enorm: Fast die Hälfte der russischen Topmanager denkt an Arbeit im Ausland.

Sinkendes Niveau von Schulen und Universitäten

Die Russische Akademie der Wissenschaften beklagt sich nicht nur über zu wenig Geld von Privatwirtschaft und Staat, sondern auch über mangelndes Interesse an Forschungsergebnissen überhaupt. Zudem machen sich immer grössere Probleme bei den Kadern bemerkbar: Der durchschnittliche russische Wissenschafter ist über 50 Jahre alt, jeder dritte ist sogar schon im Pensionsalter.

Und es werden laufend weniger: Anfang der 90er-Jahre gab es fast dreimal so viele russische Wissenschafter wie heute. In den USA, Europa und vielen Ländern Asiens steigt die Zahl dagegen kontinuierlich an. Beobachter sagen, es könnte sich um die letzte grosse Emigrationswelle von hochqualifizierten Fachkräften aus Russland handeln: Mit der Krise der Wissenschaft sinke in Russland nämlich auch das Niveau von Schulen und Universitäten immer weiter.

Dabei geht es den jungen Russen offenbar nicht nur um mehr Lohn, sondern insbesondere um die fehlenden Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung. Die russische Wissenschaft sei in erster Linie damit beschäftigt, Geld für ihre Forschungen zu suchen, statt wirklich zu arbeiten, sagt eine junge Auswanderin, die einen Job in den Niederlanden gefunden hat.

«Die Abwanderung von Spezialisten ist eine ernste Bedrohung der nationalen Sicherheit.»Alina Poljakowa, Russlandexpertin

Derzeit leben rund 2,7 Millionen Russen im Ausland, jedes Jahr kommen 100'000 Menschen dazu. Ein Viertel von ihnen hat das Land aus politischen Gründen verlassen, der Rest sieht ökonomisch und persönlich keine Zukunft in Russland. «In dem Mass, wie der Bildungsgrad steigt, steigt auch der Wille der jungen Leute, Arbeit in anderen Ländern zu finden», fasst eine Studie zusammen.

Der Talentabfluss sei die grösste Schwachstelle Russlands, kritisiert Vizepremierminister Dmitri Rogosin. Die Regierung investiere riesige Summen und schaue dann zu, wie die gescheitesten und besten jungen Russen in den Westen abwandern, weil sie zu Hause nicht umsetzen könnten, was sie in ihren Köpfen haben. Die Abwanderung von Spezialisten sei eine «ernste Bedrohung der nationalen Sicherheit», sagt die Russlandexpertin Alina Poljakowa. Seit 1991 seien Russland 800'000 Wissenschaftler abhandengekommen. «Leute, welche die russische Wirtschaft dringend brauchen würde.»

Ein wichtiger Kanal in die Welt

Doch das muss nicht so bleiben. Immerhin 50 Prozent der Hochgebildeten können sich vorstellen, nach Russland zurückzukehren, wenn sich die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ändern. Manche Beobachter hoffen deshalb, dass sie für Russland nicht verloren sind, sondern bei einem Machtwechsel und tief greifenden Reformen eine wichtige Rolle spielen könnten dank ihrem Know-how. Spätestens dann, wenn Präsident Wladimir Putin abtritt.

Auch halten die jungen Auswanderer in Anbetracht der angespannten Beziehungen zwischen Ost und West einen wichtigen Kanal in die Heimat und von dort zurück in die Welt offen. Und ihre Erfolge zeigen den Russen zu Hause, dass der Westen nicht so dämonisch ist, wie ihn das russische Staatsfernsehen gerne darstellt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.04.2018, 15:50 Uhr

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