«Ich stellte mich tot, bis alles still war»

Die junge Prableen Kaur hat den Amoklauf auf Utøya überlebt. In einem Aufsatz erzählt sie, was sie auf der Insel gesehen hat.

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Vor wenigen Tagen reiste Prableen Kaur mit ihren Kollegen auf die kleine Insel Utøya für ein gemeinsames Sommerlager mit anderen Jungpolitikern. Sie ist Mitglied der Arbeidernes Ungdomsfylking AUF, der Jugendabteilung der norwegischen Arbeiterpartei. Sie freute sich laut eigenen Angaben sehr auf das, was «das schönste Abenteuer dieses Sommers» werden sollte.

Es kam anders. Mittlerweile sind fast hundert junge Menschen nach dem Amoklauf eines 32-Jährigen in dem Lager ums Leben gekommen. Prableen Kaur hat überlebt. Sie ist zuhause bei ihren Eltern. Am Mittag hat sie in einem Beitrag auf ihren Blog beschrieben, was sie erlebt hat. «Ich habe Angst, ich reagiere auf das leiseste Geräusch», beginnt der Eintrag. Dann beginnt die junge Frau zu erzählen.

Sie hätten sich am Freitag Nachmittag im Hauptgebäude der Insel getroffen, um über den Anschlag von Oslo zu sprechen, schreibt Prableen. Viele der Jugendlichen seien darum im Haus gewesen oder um das Haus herum gestanden. «Wir sagten uns, dass wir ja auf einer Insel in Sicherheit waren.» Prableen steht im Gang des Hauses, als nach ihren Worten plötzlich Panik ausbricht. «Ich hörte Schüsse. Ich sah ihn um sich schiessen. Alle begannen zu rennen. Mein erster Gedanke war – warum schiesst die Polizei auf uns?», schreibt Prableen.

Der Verdächtige Anders Behring hat sich nach bisherigen Erkenntnissen Zugang zum Camp und zum Hauptgebäude verschafft, indem er Uniform trug und vorgab, etwas zu den Ereignissen in Oslo sagen zu wollen. Die Jugendlichen gingen darum davon aus, dass sie es mit einem Polizisten zu tun hatten. Einige von ihnen standen gar um den späteren Mörder herum.

Aus dem Fenster gesprungen

Prableen rannte gemäss ihren Aussagen los in ein kleineres Sitzungszimmer auf der Rückseite des Hauses. In dem Raum trifft sie auf viele andere Jugendliche. Sie legen sich alle auf den Boden und klammern sich aneinander. «Wir hörten die ganze Zeit Schüsse. Ich begann zu weinen. Draussen vor dem Fenster sah ich meinen besten Freund vorbeirennen, und ich überlegte, ob ich ihn rufen sollte, doch ich tat es nicht.» Die Jugendlichen beschliessen, niemanden herein zu lassen. Als die Schüsse lauter werden und näher kommen, bricht in dem Zimmer Panik aus. Einer nach dem anderen springt aus dem Fenster.

Draussen landet Prableen auf dem Boden. Ein Junge hilft ihr auf. Ein Mädchen hat sich den Knöchel gebrochen. Gemeinsam rennen die Jugendlichen in den Wald und legen sich auf den Boden. Prableen erinnert sich, dass sie dachte: «Ist er hier? Schiesst er auf mich? Sieht er mich?» Dann rennt sie weiter, hinunter zum Wasser. Auch dort verstecken sich andere Jugendliche. Prableen legte sich hinter einen Mauervorsprung und ruft ihre Mutter an. «Ich sagte ihr, dass ich nicht sicher bin, ob wir uns noch einmal sehen. Dass ich aber alles tun würde, um mich zu retten. Ich sagte ihr mehrmals, dass ich sie liebe. Ich hörte sie weinen. Ich schickte eine SMS an meinen Vater, dass ich ihn liebe. Ich schickte eine SMS an einen anderen Menschen, der mir sehr viel bedeutet. Ich schickte eine SMS an meinen besten Freund.»

Während sich Prableen Kaur versteckt hält, erschiesst der Mann Dutzende Jugendliche auf der Insel, wie inzwischen bekannt ist. Er erschiesst sie, während sie davonrennen oder versuchen, davonzuschwimmen. Jetzt, am Samstagnachmittag, sucht die Polizei noch immer nach Toten und Verletzten auf der Insel sowie nach Jugendlichen, die sich möglicherweise nicht aus ihren Verstecken trauen.

«Ich entschied, dass ich nicht rennen würde»

Prableen hält sich hinter dem Mauervorsprung versteckt. «Wieder hörte ich mehrere Schüsse, und wir rückten zusammen und hielten uns fest. So viele Gedanken rasten durch meinen Kopf.» Alle rundum schrieben laut Prableem SMS, niemand traute sich zu telefonieren. Aus Angst, gehört zu werden. Prableem schreibt auf ihr Facebook-Profil, sie sei «noch immer am Leben». Als die Schüsse näher kommen, rennen einige der anderen Jugendlichen los und springen ins Wasser, um zu fliehen. «Ich entschied, dass ich nicht rennen würde», schreibt Prableen. Ich würde mich totstellen, wenn er kam.»

Er kommt. «Ich bin von der Polizei», hört Prableen nach eigenen Aussagen den Mörder rufen. Sie bleibt unbeweglich liegen. Hört einen anderen Jugendlichen rufen. «Dann begann er zu schiessen. Er lud die Waffe. Schoss weiter. Erschoss alle um mich herum. Ich blieb reglos liegen, halb auf den Beinen eines anderen Mädchens. Ich hörte, wie die anderen um mich herum getroffen wurden, wie sie davonrannten. Ich blieb einfach liegen.» Prableems Telefon läutet. Sie bewegt sich nicht. «Ich stellte mich tot, bis alles ganz still war.» Es ist, gemäss Prableens Zeitgefühl, eine Stunde vergangen.

«Ich schaute vorsichtig auf. Ich sah Blut. Ich sah Tote. Ich lag auf einer Toten. Zwei Tote lagen auf mir.» Prableen steht auf und rennt hinunter zum Wasser. Sie zieht den Pullover aus und springt hinein, ihr Telefon steckt sie in die Tasche ihrer Jeans. Sie sieht um sich herum weitere, die schwimmen, und draussen etwas, das aussieht wie ein Gummiboot. «Ich schwamm, schwamm, schwamm in Richtung des Gummizeugs. Ich schrie und weinte. Mir war kalt und es wurde alles immer schwerer. (...) Ich bildete mir plötzlich ein, die anderen seien bereits beim Boot angelangt und würden absichtlich davonfahren. Ich schrie, sie sollten auf mich warten.»

In mehreren Booten sitzen die Rettungskräfte, die inzwischen alarmiert worden sind. Polizisten fliegen zur gleichen Zeit in Helikoptern auf die Insel zu. Es ist zwischen 40 Minuten und einer Stunde her, seit Anders Behring begonnen hat, um sich zu schiessen. Die Nachricht vom Amoklauf ist inzwischen um die Welt gegangen.

«Es fühlte sich so gut an»

Nach einer Weile nähert sich ein Mann in einem der Gummiboote und wirft Schwimmwesten ins Wasser. «Ich kletterte an Bord. Da waren noch andere. Als Wasser ins Boot schwappte, nahm ich einen Eimer und begann, es zu schöpfen. Als ich nicht mehr konnte, hat ein anderes Mädchen übernommen.» Das Boot braucht über eine Stunde, bis es am Ufer ankommt.

«Als wir an Land traten, bekamen wir Decken. Die Tränen haben mich überwältigt, ich weinte immer mehr. Eine Frau umarmte mich. Es fühlte sich so gut an.» Prableen und die anderen Jugendlichen werden in Autos gesteckt und zu einem Hotel gefahren. «Ich ging umher und suchte nach meinem besten Freund. (...) Ich suchte überall nach meinen Freunden. Mein Herz hämmerte und ich musste die ganze Zeit weinen. Irgendwann setzte ich mich und zog meine nassen Kleider aus. Ich bekam einen warmen Kakao.»

Prableen wartet. Macht sich Vorwürfe, weil ihr Freund nicht dort ist. Sie spricht mit einem Priester vor Ort. Trifft schliesslich auf einige Freunde. Sie setzen sich in eines der Hotelzimmer und reden über das, was sie erlebt haben. Nach mehreren Stunden kommen Prableens Vater und ihr grosser Bruder, um sie abzuholen. «Ich habe sie umarmt und wir haben lange zusammen geweint. Es war ein schöner Moment.» Kurz darauf taucht auch der Freund auf, um den sich Prableen so gesorgt hat. Der Vater bringt seine Tochter nach Hause. Sie schläft in einem Zimmer mit ihrer Mutter.

Heute Morgen schreibt Prableen ihre Erlebnisse auf. «Es ist jetzt mehrere Stunden her, seit das alles passiert ist», schreibt sie. «Ich stehe immer noch unter Schock. Es ist noch nicht alles angekommen bei mir. Ich habe die Leichen meiner Freunde gesehen. Manche meiner Freunde sind noch immer vermisst. Ich bin froh, dass ich schwimmen kann. Ich bin froh, dass ich lebe. Dass Gott auf mich aufgepasst hat. Es gibt so viele Gefühle, so viele Gedanken.» (oku)

Erstellt: 23.07.2011, 17:27 Uhr

Ihre Geschichte geht um die Welt: Prableen Kaur heute in einem Beitrag der norwegischen Zeitung VG. Sie hat laut VG zugestimmt, dass die Zeitungen ihren Beitrag im Original-Wortlaut publizieren dürfen.

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