«Wir werden sie jagen ...»

Das grosse Halali: Wie Politiker neuerdings auf ihre Gegner losgehen.

Immer feste ins Horn stossen. Im Unterholz der Politik blasen die Menschen einander kräftig den Marsch.

Immer feste ins Horn stossen. Im Unterholz der Politik blasen die Menschen einander kräftig den Marsch. Bild: Christian Jaeggi

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Hetze, Häme, Beleidigungen: Ein neuer Ton macht die Politik. Hier eine Auswahl quer durch deutsche Parteien. AfD-Spitzenmann Björn Höcke zündelt mit Antisemitismus: Das Holocaust-Mahnmal über die Ermordung der Juden sei ein «Denkmal der Schande». SPD-Chef Sigmar Gabriel beschimpft den rechtsnationalen Teil des Volks als «Mob» und «Pack». CDU-Generalsekretär Peter Tauber beleidigt Minijobber.

SPD-Wahlverlierer Martin Schulz reagiert beleidigt und beleidigt Bundeskanzlerin Angela Merkel als «Ideen-Staubsauger». AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland ruft nach dem Wahlsieg: «Wir werden sie jagen. Wir werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen.»

Erst Merkel jagen, dann wen auch immer? Egal, es ist Jagdsaison.

«Jagdszenen aus Niederbayern», so heisst ein Volksstück von Martin Sperr; die Schweizer Erstaufführung fand 1968 in der Basler Komödie statt. Die Story: Ein Dorf jagt seine Aussenseiter, schlimmer noch, die Aussenseiter jagen die Aussenseiter; mit Beleidigungen, Beschimpfungen.

Unter die Gürtellinie

Das kritische Volkstheater, es war einmal. Die Jagdszenen sind geblieben. Heute spielt die Dynamik von Kränkung, Gekränktsein und Wut auf der politischen Bühne. Die Bürger beschimpfen sich anonym im Internet, die Spitzenpolitiker vor laufender Kamera. Vorbilder? Adieu.

Jüngstes Beispiel: Andrea Nahles, die neue SPD-Fraktionschefin im deutschen Parlament. Die Anführerin der SPD-Opposition war bislang Bundesministerin für Arbeit und Soziales in der Grossen Koalition. Auf die Frage, wie sich ihre letzte Kabinettssitzung in der Koalition angefühlt habe, antwortete sie vor Journalisten: «Ein bisschen wehmütig – und ab morgen kriegen sie in die Fresse.» Eins in die Fresse: Damit meinte sie ihre bisherigen Kollegen von der Union. Dann lachte sie ein bisschen zu laut.

Lustig, das? Vielleicht war es ein Verlegenheitslachen über die eigene Dreistigkeit. Vielleicht ein Entschuldigungslachen. Frauen lachen aus vielen Gründen. Wähler jedoch gewinnt die SPD vermutlich keine durch den rüden Ton. Das Twitter-Gewitter jedenfalls liess nicht auf sich warten. Nahles besänftigte: «Ich hab am Rande des Kabinetts einen Spruch gemacht, und die Kolleginnen und Kollegen der CDU/CSU haben darüber gelacht. Also, ich glaube, das ist klar als Scherz erkennbar.» Ein Scherz? Worüber? Fazit: Als Lacher von der falschen Seite ist die Union der SPD-Frau willkommen.

Alles ein Scherz. Ausfälligkeiten werden nicht mehr mit Unverständnis quittiert. Beleidigungen werden nicht mehr bestraft. Schläge unter die Gürtellinie werden mit ausgestellter Coolness pariert. Der Klima-, Stil- und Gefühlswandel kommt langsam, aber nachhaltig. Er vergiftet die politische Kultur, die Basis der Demokratie.

Das bislang brisanteste Schauspiel heisst «Trump und Kim». Das Zwei-Personen-Stück mit Nordkoreas Staatschef und dem US-Präsidenten wäre fast so lustig wie «Tom und Jerry», ginge es nicht um Wasserstoffbomben und U-Boot-Raketen.

Trump über Kim: «Der Raketenmann ist auf einer Selbstmordmission für sich selbst und sein Regime.»

Kim über Trump: «Ich werde den geisteskranken, dementen US-Greis gewiss und auf jeden Fall mit Feuer bändigen.»

Nordkoreas Aussenminister gegen Trump: «Selbst wenn ein Hund bellt, geht die Parade weiter.»

Trump über Nordkoreas Aussenminister: «Wenn er die Gedanken des kleinen Raketenmannes wiederholt, werden sie nicht mehr lange hier sein!»

Man könnte sagen: Kim und Trump schwingen die Totschlag-Keule wie typische Steinzeit-Männer (wäre das nicht eine Beleidigung für Fred Feuerstein). Moskaus Aussenminister Sergej Lawrow sagt es anders: Das Kim-Trump-Duell hat die Qualität eines «emotionalen Kindergarten-Streits».

Tatsächlich, es geht um Emotion. Harte Kerle mögen es ungern hören, aber es geht um ihre Gefühle. Um kindliche Gefühle wie Trotz, Beleidigung und Beleidigtsein. Wenn Menschen derart überzogen hassvoll aufeinander reagieren, dann geht es nicht nur um Aussenpolitik und äussere Aufrüstung, sondern ebenso um innere Kränkung.

Im Zeitalter des Narzissmus

Bei offensichtlich narzisstisch übersteuerten Typen wie Kim und Trump gehen Kränkungen schneller und tiefer. Man muss sie dafür nicht bemitleiden oder gar als Sonderfall pathologisieren. Sie tragen nur vor laufenden Kameras aus, was viele bewegt.

Wir leben, so Christopher Lasch 1995, im «Zeitalter des Narzissmus». Das Ich ist auf sich selbst bezogen. Überall Kameras, Spiegel, Selfies, Selbsterfahrungsgruppen. Selbstbezüglichkeit wird antrainiert. Weil wir kein höheres Ideal mehr kennen als uns selbst. Weil Kinder verhätschelt und Bürger mit Wahlgeschenken verwöhnt werden. Weil sich jeder Internet-User als Mittelpunkt der Welt fühlen darf. Fühlt er seine Stellung bedroht, reagiert der kleine König schneller beleidigt, als sachlich angebracht ist.

Dass Wähler rational entscheiden, ist ein gewaltiger Irrtum, zumal in Deutschland. Anders als in der Schweiz mit ihren Volksabstimmungen, sind es die Wähler in einer rein repräsentativen Demokratie wie Deutschland nicht gewohnt, Sachfragen nach sachdienlichen Kriterien zu entscheiden. Was die Parteien leisten, ist nachrangig. Die Grosse Koalition hat in Krisenzeiten einen guten Job gemacht, dennoch laufen ihr die Wähler weg. Warum?

Bei AfD–Wählern, so zeigen Untersuchungen, spielt es letztlich keine Rolle, ob sie sozial benachteiligt sind oder ob sie im Wohlstand leben. AfD-Wähler fühlen sich schwer gekränkt. Zunächst, weil sich Vater Staat offensichtlich mehr um Fremde kümmert als um die eigenen Kinder. Wozu haben wir Deutschen etwas geleistet und uns angestrengt, wenn die anderen gleich gut behandelt werden wie wir?

Zum Zweiten sind AfD-Wähler beleidigt, weil sie, als sie protestierten, von den Traditionsparteien ignoriert und auch beleidigt wurden. Zurücksetzung, Ignoranz und Verachtung: Viel mehr kann ein Vater (Staat) seinen Kindern (Bürgern) nicht antun.

Dass viele AfD-Wähler, wie sie behaupten, im Grunde «nichts gegen Ausländer haben», mag sogar stimmen. Es geht hier weniger um Fremdenhass als um Bevorzugung der eigenen Bürger. Deutschland zuerst! America First! Das wirkt, das schmeichelt dem Ego. Es ist schon bemerkenswert, wie Narzissmus und Nationalismus eine neue Verbindung eingehen.

Die These sei gewagt: Es geht «dem Volk» im Parteienstaat derzeit mehr um Anerkennung und Mittelpunktposition als um Verfolgung seiner politökonomischen Interessen bei Wahlen. Wer mich nicht liebt, verliert mich! Euch staatstragenden Parteien werden wirs schon zeigen!

Was zeigen? Egal. Die AfD hat in zentralen Punkten kein Programm, keine gemeinsame Vorstellung, kein erfahrenes Personal. Egal.

Im Zeitalter des Narzissmus sind Kränkung und Beleidigung scharfe Waffen. Wie weit darf man gehen? Anthony Scaramucci, Trumps ehemaliger Kommunikationsleiter, stänkerte, der Stabschef des Weissen Hauses sei ein «verfickter paranoider Schizophrener, ein Paranoiac.» Scaramucci musste abtreten. Die Schmerzgrenze war erreicht. Sie wird ausgeweitet werden. Trumps Kommunikationschef ging schon jetzt sehr, sehr weit darüber hinaus, was noch vor wenigen Jahren als «guter Ton» in der Politik selbstverständlich war.

Die schweigenden Mehrheiten

Es ist in der Politik nicht anders als im Privatleben: Wer sich stark fühlt, reagiert auf Kränkungen mit Gegenkränkung oder lächelt Beleidigungen scheinbar unbewegt weg wie Angela Merkel. Wer schwach ist, zieht sich in ohnmächtiger Wut zurück und betäubt sich mit Suchtmitteln, Alkohol, Hyperkonsum, Games, Brot und Spielen.

Wahlbeteiligung und Organisationsgrad der Bevölkerung sind erstaunlich gering. Repräsentative Demokratien leben «im Schatten der schweigenden Mehrheiten» (Jean Baudrillard). Pegida und die AfD haben die Schweigenden zum Sprechen, Reden und Schreien gebracht – und insoweit sind sie als Bewegungen begrüssenswert im Parlament. Appeasement-Politik ist etwas anderes.

Politische Praxis in der Demokratie ist immer öffentliche Praxis. Auch Rechtsnationale gehören auf Podien eingeladen, auch zu Literaturtagen und Symposien. Schwierig wird es allerdings werden, einen gemeinsamen Debattenstil zu entwickeln. «Wir werden sie jagen», das hört sich nicht nach herrschaftsfreiem Diskurs an. Aber es geht nicht ohne.

Die politische Kultur

Demokratie braucht Verfahrensregeln. Diese fallen nicht vom Himmel, sondern sind historisch im Gegeneinander entwickelt worden. Eine der Verfahrensregeln ist das Mehrheitsprinzip. Es gehört zur Demokratie, reicht aber nicht aus. Auch in Tierrudeln können Mehrheiten entscheidend sein und Diktatoren können von einer Mehrheit gewählt werden. Es braucht noch etwas anderes, eine gemeinsame politische Kultur. Sie ist die Substanz des Systems Demokratie.

In einer demokratischen Ordnung müssen die Institutionen durch einen gemeinsamen Gerechtigkeitssinn getragen werden: was legitim und richtig ist und was nicht; was unverzichtbare Individualrechte sind; nach welchen Kriterien öffentliche Entscheidungen getroffen werden, etwa durch Verkoppelung von Freiheit und Gleichheit.

Demokratie lernt man nicht im Theorieseminar. Demokratie ist zutiefst angebunden an unsere alltägliche Lebenswelt, an die alltägliche Praxis, wie Bürger miteinander umgehen. Wer Wahrheitsansprüche vertritt, ist kein Demokrat.

Sogar wenn jemand «objektiv» die Wahrheit gefunden hätte, ist er noch lange nicht legitimiert, diese Wahrheit gegen andere Meinungen durchzusetzen. Schon gar nicht mit Beleidigungen und Gewalt.

Diplomatie ist eine hohe Kunst. Sie half 1962 die Kubakrise zu entschärfen. Muss der Westen ausgerechnet vom Islam die Diplomatie wieder lernen? Als Trump jetzt in seiner ersten Rede vor der UNO-Vollversammlung mit der «totalen Zerstörung» Nordkoreas drohte, befand der iranische Aussenminister: Trump habe eine «ignorante Hassrede» gehalten, die ins Mittelalter gehöre. Mittelalter – waren das nicht immer die anderen? (Basler Zeitung)

Erstellt: 29.09.2017, 07:47 Uhr

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