Zur Vorspeise Ekel, zum Hauptgang Widerliches

Insektizidbelastete Eier machen derzeit Schlagzeilen. Die Skandalisierung folgt dabei dem stets gleichen Muster.

Essen ohne Reue. Nahrungsmittel werden heutzutage in aller Regel sorgfältig produziert, auch wenn viele glauben, Verunreinigungen und Betrügereien seien gang und gäbe.

Essen ohne Reue. Nahrungsmittel werden heutzutage in aller Regel sorgfältig produziert, auch wenn viele glauben, Verunreinigungen und Betrügereien seien gang und gäbe. Bild: Fotolia

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Es kommt der Kellner herbeigeeilt, tadellos gekleidet, kein Flecken auf der weissen Weste, und bringt Ihnen wie gewünscht Menü drei, Trutenfilet an Currysauce mit Reis, Knackerbsen und einem gemischten Salat. Der Teller ist hübsch angerichtet. Schon knurrt der Magen vor Freude. Sie greifen zum Messer, ein hungriger, entschlossener Schnitt ins Fleisch.

Es fliesst Blut. Erschrocken zucken Sie zurück und schieben das Filet zur Seite, es ist noch fast roh. Jetzt nehmen Sie sich die Knackerbsen vor; sie scheinen bitter zu schmecken.

Eben noch hatten Sie Appetit – nun schwimmt da plötzlich Ihr Lunch in einer dunklen, klumpigen Sauce des Verdachts, und die Weste des Kellners erscheint Ihnen auch nicht mehr so rein. Hat er Ihnen mit dem Trutenfilet, das bestimmt nicht bloss mit Maltrodexin und Maisstärke präpariert wurde, auch gleich noch ein paar Millionen Salmonellen mitserviert? Sind die Erbsen mit Nitrofuran verseucht? Stecken im Curry krebserregende Farbstoffe?

Sie fragen sich: Werde ich mich Biss um Biss ins Verderben kauen, wenn ich mich über mein Essen hermache? Das Ei auf dem Salat scheint übrigens auch nicht mehr gerade taufrisch zu sein. Es weist am Rande bereits dunkelgelbe Verfärbungen auf. Das sind Spuren des Zerfalls, hinterlassen von Mikroben, Bakterien und anderen Unheil bringenden Kleinstlebewesen.

Sie wollten ja nur kurz zu Mittag speisen. Jetzt denken Sie über die Verderblichkeit und die Vergänglichkeit allen Irdischen nach, über Unheil, Krankheit, Tod und die letzten Dinge. Sie erinnern sich, einmal gelesen zu haben, dass gewisse Restaurants das Leben ihrer Gäste aufs Spiel setzen, indem sie ihnen fürchterliche Sachen auftischen; sogenannten Ersatzschinken zum Beispiel, minderwertigste Ware, die mit Klebemasse zusammengepresst wird. Oder Analogkäse, rasch zusammengerührt aus Eiweisspulver, Wasser, Pflanzenöl und Geschmacksverstärker.

Sie erwägen kurz, Ihr Testament auf der Papierserviette niederzuschreiben, doch Sie haben keinen Kugelschreiber zur Hand. Ihr Magen zieht sich so heftig zusammen, als sei er eine Anakonda, die einen Elefanten erwürgt. Denn da wäre ja auch noch die Sache mit Ihrem Ei.

Erbrechen und Kopfschmerzen

Das Ei mit den dunkelgelben Verfärbungen, sagen Sie sich, könnte aus Belgien, den Niederlanden oder Deutschland stammen, und dann wäre das Abfassen eines Testaments womöglich doch keine so schlechte Idee. Auf zahlreichen Geflügelbetrieben sind dort dieser Tage Ermittler der Justiz aufgetaucht und haben die Höfe dicht gemacht, weil die Behörden in den Eiern Fipronil gefunden haben – ein Insektengift, das in höheren Dosen zu Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen und Schlimmerem führen kann.

Sie haben den Blick gelesen, der kürzlich titelte: «Eier-Skandal: Wie gefährlich ist Fipronil?» Bei der Lektüre haben Sie erfahren, dass der Stoff «gegen allerhand Wirbellose» eingesetzt werde, «gegen Flöhe, Läuse, Zecken, Schaben und Milben», das Gift wirke dabei «auf das zentrale Nervensystem der Parasiten und führt schliesslich zu deren Tod». Migros, Coop, Aldi, Denner, alle haben sie diese Woche vorsorglich sämtliche Importeier, die von dieser Verunreinigung betroffen sein könnten, aus ihren Regalen geräumt.

Zwar fand sich im Artikel, weit unten versteckt, der entwarnende Satz: «Vermutlich hat Fipronil keine schädlichen Wirkungen auf erwachsene Menschen – jedenfalls nicht in den geringen Konzentrationen, die in den Eiern gemessen wurden.» Doch das vermag Sie nicht wirklich zu beruhigen. Irgendetwas bleibt im Kopf immer hängen, nicht wahr?

Es ist der Fluch dieser sogenannten Lebensmittel-Skandale, die in regelmässigen Zyklen die Schweiz, Europa und die Welt heimsuchen, die Konsumenten verunsichern und die Behörden in Aktionismus versetzen: Sie verebben zwar meistens so schnell, wie sie gekommen sind. Doch die Konsumentenschutz-Organisation finden dank dieser Vorfälle eine ewige Daseinsberechtigung.

Skandale kommen und gehen, die Konsumentenschutz- und Warnindustrie aber wächst prächtig und gedeiht, sie bleibt bestehen, sie richtet Appelle an Produzenten und Verbraucher, oft sorgt sie dabei bloss für noch mehr Verunsicherung.

Die deutsche Organisation «Food Watch – die Essensretter» behauptet beispielsweise, in Deutschland würden die Grenzwerte für Dioxin «bei Fleisch, Fisch, Eiern oder Milch regelmässig überschritten». Belegen kann die Vereinigung ihre Aussage aber nicht. Sie schreibt: «Bekannt werden die Fälle oft gar nicht.» Man fragt sich, warum «Food Watch» dann trotzdem Kenntnis davon hat.

Die Konsumentenschützer sorgen auch dafür, dass die Vorschriften, Gesetze und Regulierungen immer dichter werden, weshalb Bauern und Produzenten von Nahrungsmitteln Gefahr laufen, gegen immer neue Gesetze zu verstossen – worauf diese sich erneut legitimiert sehen, auf die Barrikaden zu steigen und noch engmaschigere Paragrafen zu fordern.

Lungen und Schweineköpfe

Sie sehen das vielleicht auch so? Schön, aber jetzt wollen Sie erst einmal den Kellner rufen und ihm Ihr Problem mit Menü drei schildern. Bitte warten Sie noch einen Augenblick. Wenn Sie das Trutenfilet in die Küche zurückschicken, ist das verständlich. Aber machen Sie sich bloss keine Sorgen wegen der Currysauce, der Knackerbsen und des Eis. Nicht Ihr Essen ist verseucht – Ihre Gedanken sind es.

Politiker und Journalisten haben Ihnen mit ihrer permanenten Panikmache den Appetit verdorben. Die Skandalisierung folgt dabei dem ewig gleichen Muster: Es wird, durchaus lustvoll, zur Vorspeise Ekliges und zur Hauptspeise Widerliches serviert.

Nun gut, 1978 verursachte die Sendung «Kassensturz» des Schweizer Fernsehens mit ihrem Ravioli-Test landesweit verständlicherweise und zu Recht Brechreiz, als sie eines Abends dem verdatterten Publikum verkündete: «In den Sarganser Ravioli fanden unsere Tester Magen, Herz, Nieren, Bauchspeicheldrüsen, Lungen und Schweineköpfe. Davon steht aber nichts auf der Dose.» Und dass im Zuge der Rinderseuche BSE Tausende Tiere präventiv getötet wurden, war korrekt, die Verfütterung von Tiermehl, Auslöser der Seuche, wurde verboten. Andere – echte oder vermeintliche – Skandale verdaute die Öffentlichkeit aber ohne Nebenwirkungen.

Erinnern Sie sich? in den 1980er-Jahren tauchte in Österreich mit Frostschutzmittel gepanschter Wein auf. In den 1990er-Jahren fand man Spuren des Pestizids Lindan in Babynahrung, 2001 kamen mit Antibiotika behandelte Fische aus Asien in den Handel. Immer mal wieder konfiszierte die Polizei Gammelfleisch oder zog, wie 2008, italienischen Mozzarella aus dem Verkehr, der Würmer und Mäuse-Exkremente enthielt. 2015 ging die Bündner Firma Carna Grischa Konkurs, nachdem sie zuvor jahrelang ungarisches Poulet als schweizerisches verkauft und Verfalldaten manipuliert hatte.

Verdorbene Sülze und Tote

Rindfleisch-Lasagne, in denen Pferdefleisch steckt, Wiener Schnitzel, mit Antibiotika behandelt – Gratulation, Sie haben alles überlebt! Viele Opfer gab es nur 1919 in Hamburg, als ein Industrieller Sülze aus verdorbenen Fleischabfällen verkaufte; das Volk protestierte, es kam zu den sogenannten «Sülze-Unruhen», welche die Reichswehr brutal niederschlug. 80 Tote blieben zurück.

2013 sagte die Ernährungswissenschaftlerin Christine Brombach der Zürichsee-Zeitung: «Lebensmittel waren noch nie so sicher wie heute. Sie werden überwiegend auf hohem technischem Niveau hergestellt.»

Die Wahrheit kennt kein Verfalldatum. Brombachs Satz ist noch genau so wahr wie vor vier Jahren. Seien Sie also unbesorgt. Guten Appetit! (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.08.2017, 10:07 Uhr

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