Spielzeug für Autonarren

Der Ford GT ist Supersportwagen und Marketing-Stunt zugleich. Den Nachbau des GT40 aus den 60er-Jahren bekommt nur, wer eine gefällige Bewerbung einreicht und 550'000 Franken zahlt.

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Alles wäre bereit, um das alte Bonmot von Rallylegende Walter Röhrl hervorzukramen: «Die Tränen der Ergriffenheit müssen waagerecht zum Ohr abfliessen.» Was aber abfliesst an diesem trüben Herbsttag in Köln, ist Regen. Es schüttet Hunde und Katzen, wie die Engländer sagen.

Einer von ihnen sitzt auf dem Beifahrersitz: Greg, um die 30, ist Motoreningenieur bei Ford Grossbritannien und «Anstandswauwau» auf dieser nicht ganz alltäglichen Testfahrt. Am Morgen hat er den Fahrcharakteristik-Schalter auf «Wet» gedreht. Und da bleibt er auch. Die 655 PS und 750 Newtonmeter Drehmoment des Supersportwagens schieben allein über die Hinterachse an, über die 20-Zoll-Felgen spannen sich Semislicks – ohne Drosselung wäre das an diesem Tag gemeingefährlich.

Der GT ist eine echte Rarität. Erst etwas über 500 Stück hat Ford von der neuen Generation gebaut, sieben davon sollen sich in der Schweiz befinden. Nach 2004 ist es die zweite Reinkarnation des GT40, der in den 60er-Jahren viermal in Folgedas 24-Stunden-Rennen von Le Mans gewinnen konnte. 1350 Exemplare will Ford insgesamt bauen. Das Kontingent wurde kürzlich um 350 aufgestockt, der Produktionszyklus auf sechs Jahre, bis 2022, verlängert.

Es ist eine Gratwanderung, weil der Hype auch auf Verknappung basiert. Die Ironie ist freilich perfekt: Ford, diese Wiege der Massenproduktion, erklärt ein Kleinserienmodell zur Ikone. Dass der All-American-Dreamcar noch dazu in Kanada gebaut wird – geschenkt.

Einstieg als Yogaübung

Greg, stellt sich heraus, ist angenehm bescheidener als dieses Auto. An der Entwicklung des GT war er nicht beteiligt. Seine Spezialität sind kleinvolumige Motoren für den europäischen Markt. Details darf er nicht erzählen. Zweimal im Jahr fährt er für einen Monat ins Testcamp, im Winter in den Norden Finnlands, im Sommer in die Wüsten im Westen der USA. Er liebe seinen Job, sagt Greg, nicht ohne Zukunftssorgen. Und er liebt den GT. Am meisten schwärmt er von der aktiven Aerodynamik. Der GT schneidet die Luft. Wahnwitzige 348 km/h Höchstgeschwindigkeit soll er erreichen.

Das Design ist allein diesem Zweck untergeordnet, der GT so sehr ein Alltagsauto wie das Batmobil. Die Flügeltüren: raumgreifend und kaum parkplatztauglich. Der Einstieg: eine Yogaübung für Ü-60-Millionäre. Die Sichtverhältnisse: egozentrisch. Im Rückspiegel posiert der ausfahrbare Heckspoiler. Vorne nimmt die Haube das halbe Blickfeld ein. Wo die Karosserie aufhört, bleibt Vermutung.

Vieles ist nahe am Rennsportstandard. Die Sitze lassen sich nicht vor- und zurückstellen. Stattdessen zieht man an einer Lasche und passt die Stellung der Pedale der Beinlänge an. Das Lenkrad ist mit Knöpfchen übersät. Alles muss am Steuer bedienbar sein – nur sind es hier nicht die Feineinstellungen des Motors, sondern Blinker und Scheibenwischer. Auch etwas Komfort bietet der GT: Die Lehne der Schalensitze lässt sich im Winkel um ein paar Grad anpassen. Trotz engsten Verhältnissen hat Ford einen Cup-Holder eingebaut. Auch ein Infotainment-System findet sich, das mit seinem Mini-Bildschirm von der Zeit aber bereits abgehängt scheint. Doch das sind Nebensächlichkeiten. Genauso wie das Volumen des Gepäckfachs – 11,6 Liter.

Spoiler unterstützt Bremsen

Wir fahren auf eine Kolonne auf. Unfall auf der Landstrasse, der erste von vier an diesem Morgen. Nach vorne geht nichts mehr. Die Ersten wenden. Das ist nicht gerade die Paradedisziplin des GT. Die hydraulische Servolenkung geht streng, der Wendekreis des 4,76 Meter langen und über 2 Meter breiten GT ist gross. Da setzt man besser einmal mehr vor und zurück. Das findet auch Greg. Sein Arbeitgeber, Ford Grossbritannien, hat zwei GT-Testfahrzeuge, eines davon wurde per Lastwagen für diesen Event nach Deutschland gekarrt. Greg selbst durfte den GT noch nicht fahren – vom Rangieren auf dem Parkplatz abgesehen.

Richtig fahren können auch wir den GT nicht, zu wenig Grip ist auf der Unterlage, zu dicht ist der Verkehr auf der Autobahn um Köln. So viel kriegen wir mit: Der Mittelmotorsportwagen wirkt gut ausbalanciert. Die Federung ist bretthart. Die Verzögerung humorlos, die Keramikbremsen werden vom Heckspoiler als Air-Brake unterstützt. Der Motor, ein 3,5-Liter-6-Zylinder-Bi-Turbo, wummert, brüllt und sprotzelt hinten im Genick. Nicht so sonor wie ein V8 aus Maranello, aber durchaus entfesselt. Als Basis diente Ford der V6 aus dem F150 Raptor, diesem Chuck Norris der Pick-up-Trucks. Allerdings wurde der kräftig modifiziert, 40 Prozent der Bauteile sind neu. Auch das 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe wurde für den Einsatz im GT adaptiert. Das Ergebnis all dieser Mühen ist ein echtes Sportgerät.

Kaffeepause. Greg zeigt auf seinem Mobiltelefon Livebilder seiner Doggy-Cam: Seine Chihuahuas faulenzen auf dem Sofa im Wohnzimmer. Früh hätten er und seine Frau das Haus gekauft, erzählt er. Der Immobilienkauf komme in England vor der Familienplanung. Denn damit wächst das Vermögen. In Gregs Fall hat sich der Wert von 200'000 auf rund 300'000 Franken vermehrt. Jetzt will das Paar ein grösseres Haus kaufen.

Prominente bevorzugt

Ein Spekulationsobjekt ist auch der GT, nur ist er mit mindestens 550'000 Franken angeschrieben. Und Geld allein reicht nicht. Interessenten müssen sich bewerben, was seit dem 1. November zum letzten Mal möglich ist. Gesucht sind Kunden, die das Auto oft fahren, auf sozialen Medien zur Schau stellen. Sammler und Prominente werden bevorzugt. So etwa besitzen und fahren die beiden erklärten US-Autonarren und «Petrolheads» Jay Leno (Talkmaster) und Tim Allen (Schauspieler; «Hör mal, wer da hämmert») beide einen GT.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 20.11.2018, 11:11 Uhr

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