Die Wiederentdeckung der Einfachheit

Toyota hat den überarbeiteten GT86 weder stärker noch wesentlich schneller gemacht. Und das Wichtigste zum Glück auch nicht angetastet: seine Ehrlichkeit.

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Es gibt nichts Schöneres als ein warmes, weiches Bett. Ebenfalls nicht zu verachten: Tageslicht. Wenn der Himmel über Lappland noch am Vormittag schwarz ist, bekommt der Gedanke an einen grauen Schweizer Morgen plötzlich etwas Erhellendes. Und dann wäre da noch der wunderbare Duft einer Blumenwiese. Oder der wunderbare Geruch nach gar nichts. Als Gegenbeispiele zu dem nicht so wunderbaren Geruch nach Schlittenhunden. Die Erkenntnisse sind trivial, gewiss, doch macht man sie manchmal nur, indem man sich aus seiner Komfortzone hinauswagt. Und so ähnlich verhält es sich auch mit dem kürzlich überarbeiteten Toyota GT86. Schnee und Eis liegen ausserhalb der Komfortzone eines Hecktrieblers. Genau das bringt einem dieses Auto näher.

Spiel mit den Grenzen

Dort, wo sich Rentier und Braunbär Gute Nacht sagen, ist der Anblick des ansonsten eher unscheinbaren 4,24-Meter-Coupés jedenfalls ein Spektakel. Polarlichter? Kennen hier alle – im Gegensatz zu den neuen Voll-LED-Scheinwerfern. Was die Leistung angeht: 200 PS entsprachen schon bei der Markteinführung 2012 etwa dem, was ein Schneepflug allein zur Betätigung seiner Räumschaufel mobilisiert. Dass die Chance nicht genutzt wurde, bei der Modellpflege einige PS mehr aus dem weitgehend von Subaru entwickelten Zweiliter-Boxer zu kitzeln, enttäuscht zunächst. Aber die Pisten des Arctic Driving Center sind gefroren, und da bedeuten die 200 PS entweder: Oh, wollte ich nicht in die entgegengesetzte Richtung fahren? Oder eben: Spass pur.

Die Traktion ist mit kleinen Spikes an den Reifen erstaunlich gut; die Schaufelzeit, bis sich die 205 Nm in Vortrieb verwandeln, gering. Nichts gegen ein warmes, weiches Bett, aber gibt es etwas Schöneres, als das Heck mit einem Gasstoss ausbrechen zu lassen und per Gegenlenken sofort wieder einzufangen, um dann über minimale Impulse am kleinen Volant quer über die Fahrbahn zu gleiten? Das Auto schnappt nicht zu, begehrt durch den Verzicht auf einen Turbo-Wumms nicht auf. Es kooperiert, lässt dem Fahrer Zeit, reagiert unvermittelt, ehrlich. Ist es nicht das, was man sich als semiprofessioneller Schnellfahrer auch auf Asphalt wünscht? Ein Spiel mit den Grenzen der Physik statt eines Kampfs gegen seine eigenen?

Die Möglichkeit, das bei Toyota VSC für Vehicle Stability Control genannte ESP auszuschalten, ist die Voraussetzung für den Tanz auf Eis. Im Normalfall versucht die Elektronik, Heckschwenker zu unterbinden. Nun gibt es aber noch eine Zwischenstufe: Die Erfahrungen auf der Rennstrecke haben die Japaner zu einem Track Mode bewogen, der dem Fahrer viel Freiraum gönnt, bevor das Regelwerk eingreift – laut Chefentwickler Tetsuya Tada entscheidend für schnellere Rundenzeiten. In Lappland kommt das Tool wiederum zum Einsatz, wenn es zwischen harten Schneewällen entlanggeht. Man driftet ohne die Gefahr, sich nachher fragen zu müssen: Oh, wurde die aerodynamisch optimierte Karosserie nochmals nachbearbeitet? Dass das – dank tiefem Schwerpunkt und guter Achslastverteilung ohnehin schon knackige – Handling weiter verbessert wurde, bekommt man im Querfahrrausch allerdings nicht mit. Weil der aus dem Seitenfenster gerichtet ist, nimmt man auch das ab der höheren Ausstattungsstufe serienmässige 4,2-Zoll-Display für Fahrerinformationen wie die aktuellen Fliehkräfte oder das aufgewertete Interieur kaum wahr. Wer zuvor meinte, seinen GT86 in eine Carbon-, Wildleder- und Infotainment-Komfortzone verwandeln zu müssen, lernt in Finnland Details wie die 300-fränkige Sitzheizung zu schätzen. Gibt es etwas Schöneres als warme, kuschelige Sportsitze?

Wichtig für Emotionalität

Für Toyota war die Entscheidung für diesen Sportwagen übrigens an sich ein Schritt aus der Komfortzone. Die bislang 170?000 Verkäufe stehen in keinem Verhältnis zu den zehn Millionen Fahrzeugen, die der japanische Hybrid-Spezialist 2016 insgesamt absetzte, und auch die Schweizer Zahlen sind ernüchternd: Im Vorjahr fanden sich 66 Käufer für den GT86 – zehnmal weniger als für das Modell Prius. Laut Vincent Dewaer­s­egger aus der Produktkommunikation kann der Imagefaktor jedoch nicht hoch genug eingeschätzt werden: «Der GT86 ist entscheidend für die Emotionalität der Marke.»

Entscheidend ist er vor allem für die Demokratisierung von Fahrspass, denn es gibt – abgesehen vom baugleichen Subaru BRZ – ab rund 35?000 Franken kein vergleichbares Coupé mit Heckantrieb. Und wozu eigentlich mehr PS? Nur allzu schnell ertappt man sich, bei doppelt so viel Leistung dabei zu denken: Oh, ist der Tacho kaputt? Wenn man Pech hat, fragt man sich darauf: Was blinkt in meinem Rückspiegel? Und dann: Wo bringen mich die Uniformierten hin? Die Erfahrung möchte man eigentlich nicht machen, um sich wieder einmal bewusst zu werden, wie schön ein warmes, weiches Bett ist.

Nina Vetterli fuhr den neuen Toyota GT86 vom 15. bis 17. Januar auf Einladung der Toyota AG Schweiz in Finnland. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.02.2017, 18:24 Uhr

Toyota GT86

Sportcoupé

Modell: 2-türiges Sportcoupé mit 2+2 Plätzen.

Masse: Länge 4240 mm, Breite 1775 mm, Höhe 1285 mm, Radstand 2570 mm.

Kofferraum: 243 Liter.

Motor: 2,0-Liter-4-Zylinder-Boxer mit 200 PS (147 kW).

Fahrleistungen: 0 bis 100 km/h in 7,6–8,2 Sekunden. Höchstgeschwindigkeit 210–226 km/h.

Verbrauch: 7,1–7,8 Liter auf 100 Kilometer (offizielle Werksangabe).

CO2-Ausstoss: 164–180 Gramm pro Km.

Markteinführung: Ab sofort.

Preis: Ab 34'900 Franken.


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