Das Imperium kehrt zurück

Euphorisch ist die Stimmung nicht beim IAA-Auftritt des Volkswagen-Konzerns. Aber neue Modelle und Milliarden-Investitionen sollen wieder Vertrauen wecken.

Erhielt auf der IAA viel Beifall: Das Concept-Car Audi Aicon, quasi eine autonom fahrende Lounge für vier. Foto: PD

Erhielt auf der IAA viel Beifall: Das Concept-Car Audi Aicon, quasi eine autonom fahrende Lounge für vier. Foto: PD

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Wer sich den blassgelben VW-Bus genauer ansieht, der entdeckt zunächst einen irre grinsenden Buddha mit Schlumpfmütze.

Stupide schaukelt er auf dem Armaturenbrett hin und her. «Das ist ein Wackeldackel», sagt Karlheinz Blessing, «aber neu interpretiert.» Wenn der Personalvorstand des Volkswagen-Konzerns noch derlei Details kennt, dann können die Zeiten wohl so schlecht nicht mehr sein. Ausgelassen ist sie zwar nicht, die Stimmung bei Volkswagen am Vorabend der Internationalen Automobilausstellung IAA in Frankfurt (14.–24. September), aber sie ist immerhin gelöst. Natürlich unter Berücksichtigung des Umstandes, dass dieser Konzern immer noch im Diesel-Krisenmodus unterwegs ist. Und auch berücksichtigend, dass selbst ohne Krise gerade alles herausfordernd ist in der Autobranche.

Blessing zeigt auf den gelben VW-Bus, der zwar mit einem Wackel-Schlumpf ausgerüstet ist, aber ohne Türgriffe daherkommt. In vier Jahren soll er in Serie gehen. Als E-Auto. So einen und einen Porsche wolle er sich einmal in die eigene Garage stellen, sagt der Manager. Womit auch die grundsätzliche Herausforderung für Unternehmen wie VW beschrieben ist: «Wir müssen doppelt investieren», sagt Blessing, «in Elektroantriebe und herkömmliche Antriebe, und dazu soll auch die Marge stimmen.» Das wird herausfordernd, für alle Autobauer in der Welt. Auch der grosse Volkswagen-Konzern wird kämpfen müssen, damit vom Umsatz möglichst viel Gewinn übrig bleibt.

Kritik annehmen, mutig sein

Die Investitionen in neue Antriebe, die VW-Chef Matthias Müller am Montagabend ankündigte, klingen in der Tat beeindruckend: Rund 23 Milliarden Franken will der Konzern in den kommenden Jahren in die Entwicklung von E-Autos und zugehöriger Infrastruktur stecken. Jedes der 300 Konzern-Modelle soll im Jahr 2030 auch in einer Batterievariante verfügbar sein oder einen elektrischen Hilfsmotor an Bord haben. «Die Zeiten, in denen sich unsere Branche hier in Frankfurt selbst gefeiert, sich im eigenen Glanz gesonnt hat, sind vorbei», sagte Konzernchef Matthias Müller schon zu Beginn des Abends. Business as usual reiche nicht mehr. Sie müssten verlorenes Vertrauen zurückgewinnen, und das werde nur gelingen, «wenn wir berechtigte Kritik annehmen. Wenn wir – ganz konkret – bei Emissionen und Verbrauchswerten mehr Transparenz und Ehrlichkeit praktizieren. Und: wenn wir die Zukunft noch mutiger ­anpacken als bisher.»

Damit die E-Autos dann auch fahren, werde man mit Partnern – also nicht selbst – in den kommenden Jahren vier Batteriefabriken bauen. Ein teures Unterfangen, auch was später die Produktion anbelangt: Rund 57,5 Milliarden Franken werden all die benötigten Batterien bis zum Ende des kommenden Jahrzehnts wohl kosten. Ein Zwischenziel hat sich VW gesetzt: Ab 2025 will man Weltmarktführer bei E-Antrieben sein. Wobei das mehr ein Arbeitsauftrag ist: «Das E-Konzept mag mächtig wirken, aber es ist nur die logische Entwicklung unseres Plans», sagt Müller später in kleinerer Runde. VW müsse jetzt liefern.

Ab 2025 will VW Weltmarktführer bei E-Antrieben sein.

Ein paar Hundert Leute sind in die Messehalle Nummer 3 gekommen, die so gross ist, dass sie sich kaum überblicken lässt. Wenn sie vom Diesel und dem Skandal reden, heisst es oft, dass man die Diskussion «versachlichen» müsse. Oder: dass man die Diskussion glücklicherweise schon versachlicht habe. Leslie Mandoki spricht davon, der Musikproduzent, der nicht nur mit Phil Collins und Sido arbeitet, sondern als Quasi-Hauskomponist des Konzerns auch eine kleine Melodie für den Audi A8 komponiert hat, die zu hören bekommt, wer den Wagen startet. Wolfgang Porsche, der Sprecher der Eigen­tümerfamilien sagt das. Immerhin: Die weiteren Querelen, die den Konzern zuletzt beschäftigten, haben sie zumindest für den Moment eingehegt. Herbert Diess, der VW-Markenchef, gibt sich gut gelaunt. Gerade führt er keinen öffentlichen Disput mit den Belegschaftsvertretern, die oft seinen harschen Führungsstil kritisieren.

Ein Zeichen an die Belegschaft

Rupert Stadler, der Chef der ertragreichen Konzerntochter Audi, bekommt sogar noch ein wenig Redezeit auf der Bühne, als Einziger. Stadler also, der Mann, der über Monate hinweg angeschlagen war, weil Audi, wie sich herausstellte, eine Art Mutter des Diesel­betrugs war. Andere hätten eingepackt oder ­wären zum Rücktritt gedrängt worden. Stadler indes hat bisher alles durch­gestanden. Dass er heute vor dem Publikum sprechen darf, zeigt: Er wird fürs Erste bei Audi bleiben. Es gibt Beifall für ihn – und für das Konzeptauto, das er vorstellt. Aicon heisst es, es soll zeigen, wie ein autonomer Audi mit Elektroantrieb aussehen könnte. Als Journalisten aus Japan fragen, wann das Auto auf der Strasse zu sehen sein wird, grinst Stadler: «We will see.» Das Concept-Car sei unter anderem für die eigene Belegschaft wichtig: «Du brauchst was, damit die Leute sehen, dass es weitergeht», sagt der Audi-Chef.

VW-Personalchef Blessing sieht das ganz ähnlich: «Die Belegschaft ist verunsichert.» Sei es wegen des Dieselskandals im Speziellen oder dem Ruf der Branche im Allgemeinen. Seine Aufgabe in dieser Zeit? Die Mitarbeiter päppeln, ihnen zeigen, dass Volkswagen auch in schweren Zeiten etwas auf die Bühne bringen kann. Er greift die Rede von VW-Chef Müller auf: VW solle wieder da stehen, wo der Konzern hingehört. Ganz vorne mitmischen, die E-Revolution ­anführen.

Klingt das nicht schon wieder nach Euphorie? Naja, sagt Personalchef Blessing: Bis die Euphorie wieder zurückkehre in diesen Konzern, werde es dann doch noch ein wenig dauern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2017, 15:29 Uhr

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