Zeitreise auf dem Strip

In Las Vegas probt Mercedes-Benz mit dem Robo-Shuttle Urbanetic den Nahverkehr der Zukunft.

Künstliche Intelligenz auf Rädern: Mercedes Urbanetic. Foto: Daimler

Künstliche Intelligenz auf Rädern: Mercedes Urbanetic. Foto: Daimler

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Wenn es Nacht wird in Las Vegas, wird es schon mal schwierig, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Denn auch wenn das Glück an den Spieltischen zum Greifen nah ist, gibt sich Fortuna nur selten die Ehre. Und nur weil man plötzlich den Eiffelturm vor der Nase hat, ist man noch lange nicht in Paris. Selbst auf der Strasse kann man seinen Augen nicht trauen, zumindest nicht während der CES – der populären Consumer Electronics Show, die am Freitag zu Ende ging. Denn dann ist es so, als hätte die PS-Branche mal eben ein paar Jahre vorgespult, und der legendäre «Strip» wird zum Laufsteg für die Technik der Zukunft.

Gestaffelte Sitzplätze

In dieser Nacht ist es der Mercedes Urbanetic, der die Grenzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit sprengt und die Nachtschwärmer in die Zukunft desöffentlichen Individualverkehrs entführt. Gut drei Monate nach der Weltpremiere in Hannover surrt er elektrisch über die sechsspurige Casino-Magistrale und stiehlt dabei all den vielen Stretchlimousinen genauso die Schau wie den Bussen und zahllosen Taxen, die sich selbst morgens um zwei im Schritttempo am Ceasars Palace oder demVenetian vorbeischieben.

Und das tut er nicht allein mit seinem auffälligen Design, das ein bisschen an die Architektur Zarah Hadids erinnert. Sondern vor allem mit seiner Technik: Wer den Urbanetic mit der entsprechenden App bucht, der wird an Ort und Stelle abgeholt und traut spätestens dann nicht mehr seinen Augen, wenn sich die Türen öffnen. Denn ausser vielleicht ein paar anderen Fahrgästen ist in diesem Bus sonst niemand an Bord, erst recht kein Fahrer.

Lenkrad und Pedale sucht man vergebens, und dort, wo bislang der Chauffeur gesessen hat, ist jetzt eine bequeme Bank montiert, auf der drei Passagiere Platz finden. Dazu gibt es fünf wie in der Sauna nach oben gestaffelte Sitzplätze auf noch bequemeren Lederstufen gegenüber und in der Mitte vier Stehplätze für die Passagiere, die nur kurz an Bord bleiben.

Die Fahrt selber erweist sich dabei in dieser Nacht als spektakulär unspektakulär. Denn erstens fährt der Urbantic so langsam, dass selbst der Gesetzgeber aufs Anschnallen verzichtet, zweitens geht es auf dem Strip die meiste Zeit geradeaus, und drittens ist man vom Bus ja ohnehin ein vergleichsweise autonomes Fahren gewöhnt. Schliesslich liefert man sich dort ja ebenfalls einer fremden Intelligenz aus – egal ob die nun menschlicher Natur ist oder künstlich erzeugt wird.

Zwar passt das silberne Gefährt perfekt auf den Strip, weil es auffällt und alle Blicke auf sich zieht, weil es ein wirksames Mittel gegen den Dauerstau auf der Flaniermeile sein könnte und weil hier die ganze Nacht so viel los ist, dass es wahrscheinlich rund um die Uhr genügend Passagiere gäbe für das Robo-Shuttle.

Mehrere Fahrzeuge in einem

Doch eine Eigenschaft des Urbanetic bleibt dabei auf der Strecke. Schliesslich ist das Designerstück nicht nur ein autonomer Kleinbus, sondern mehrere Fahrzeuge in einem: Sobald die Nachfrage für den Personentransport abebbt, rollt der Mercedes für morgen an eine Wechselstation und lässt innert weniger Minuten den Aufbau tauschen. Kommt Ihnen bekannt vor? Richtig, der Zürcher Mobilitäts-Visionär Frank M. Rinderknecht hat es mit seinem Rinspeed Snap erfunden. Wie Rinderknecht haben die Schwaben die Technik für den Antrieb und das autonome Fahren in die wie ein Skateboard konstruierte Bodengruppe integriert. Eben noch Kleinbus mit futuristischer Kabine wird der Urbanetic so zum Kastenwagen im Rimowa-Design, der autonom Päckchen verteilt.

So will Mercedes seinen Kunden mehr Effizienz bieten, weil sie das Auto dann 24Stunden am Tag nutzen können, und zugleich die Anzahl der Fahrzeuge auf den Strassen reduzieren. In der Theorie ist das eine gute Idee, in der Praxis allerdings ist sie zum Scheitern verurteilt. Zumindest in Las Vegas. Denn dort ist Tag und Nacht so viel Fussvolk auf der Strasse, dass die Päckchen auf ewig liegen bleiben würden. Aber Mercedes denkt ja nicht nur an Las Vegas, sondern auch an Zürich, Berlin oder London – spätestens, wenn neben den Ingenieuren auch die Behörden so weit sind, dass sich die Robo-Shuttles in die Realität trauen dürfen. Und zwar nicht nur, wenn es Nacht wird in Las Vegas.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.01.2019, 17:29 Uhr

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