E-Scooter Many EV soll Revolution einläuten

Kymco-Chef Allen Ko will elektrischen Rollern global zum Durchbruch verhelfen. Er setzt dabei auf Ionex, einen Batterietauschring, der den Kunden zu mehr Reichweite verhelfen soll.

Der Many EV sieht aus wie ein simpler Elektro-Retroroller: Das Bestechende am Konzept ist aber die Batterie-Tauschstation. Foto: PD

Der Many EV sieht aus wie ein simpler Elektro-Retroroller: Das Bestechende am Konzept ist aber die Batterie-Tauschstation. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Wir wollen eine neue Bewegung in Gang setzen, an der möglichst viele Menschen partizipieren können», sagt Allen Ko, der Chef des taiwanischen Herstellers Kymco. Jeder, der wolle, könne mitmachen. Andere Hersteller sind eingeladen, Einzelhandelsketten oder Schnellrestaurants, aber auch kleine Cafébetreiber. Sie alle sollen dafür sorgen, dass Rollerfahrer künftig nicht mehr mit Benzinmotoren durch die Gegend knattern, sondern mit leisen Elektroantrieben.

Dass ausgerechnet Ko den Anstoss gibt, überrascht. Kymco gilt eigentlich als Hersteller von Benzinscootern in fast allen Grössen und Hubraumklassen. Doch mittlerweile haben sich die Vorzeichen geändert: «In letzter Zeit haben wir das Gefühl, dass E-Scooter über kurz oder lang die Verbrenner ersetzen werden», sagt Ko im Fachblatt «Motoretta». Man registriere eine verstärkte Nachfrage nach E-Rollern. Hinzu kommt, dass sich vielerorts der gesetzgeberische Rahmen ändert. «In Taiwan gilt ab 2035 eine Vorschrift, dass nur noch Elektrofahrzeuge verkauft werden dürfen», sagt Ko. «In Indien gilt das ab 2030, in anderen Ländern ab 2040.» Auch darauf will er sich und seine Firma nun einstellen.

Reichweite bis 200 Kilometer

Den passenden Roller dazu hat Kymco auch schon entwickelt – den Many EV. Rein äusserlich unterscheidet sich der Stromer kaum von seinen per Benzinmotor angetriebenen Brüdern. Das Design ist an typische Retroroller angelehnt, mit (relativ schmalem) Beinschild zum Schutz vor Wind und Wetter, mit einer flachen Sitzbank und einem ins Lenkergehäuse integrierten Scheinwerfer. Unter dem Plastikkleid aber stecken Lithium-Ionen-Akkus, angetrieben wird der 94 Kilo schwere Scooter von einem Radnabenmotor mit 3,2 kW (4,3 PS). Laut Kymco ist der Roller für eine Höchstgeschwindigkeit von 60 Kilometern pro Stunde ausgelegt, in Europa dürfte er wegen der hiesigen Führerscheinbestimmungen auf Tempo 45 gedrosselt werden.

Das Revolutionäre indes ist die Versorgung des Stromers mit Energie. Zwar hat der Many EV eine kleine, fest installierte Batterie an Bord, die ihn einige ­Kilometer weit fahren lässt. Um mehr Reichweite zu ermöglichen (bis zu 200 Kilometer sollen machbar sein), soll sich der Fahrer zusätzliche Akkus an Bord holen können. Dazu will Kymco eine Art Batterie-Tauschring aufziehen, das System nennt sich Ionex: An Tankstellen, in Hotels oder Cafés, in Läden oder auf öffentlichen Plätzen will Ko öffentlich zugängliche Stationen errichten, wo leere Stromspeicher gegen frisch befüllte getauscht werden. Statt immer mehr und mehr grössere Akkus in Fahrzeuge zu packen, sei es sinnvoller, kleinere Pakete anzubieten. Das mache die Fahrzeuge flexibler – und günstiger.

Einheitliche Batterien anstreben

Die Ionex-Idee erinnert an das Unternehmen Better Place des Israeli Shai Agassi, der 2007 ein ähnliches System für Elektroautos aufziehen wollte. Das sah etwa so aus: Egal, welches Elektroauto von welchem Hersteller auch immer ein Kunde nutzt, die Akkus sind in allen Modellen gleich und können, sobald sie leer sind, an Ladestationen gegen frisch geladene Batterien getauscht werden. In Israel, Dänemark und Japan wurden sogar schon erste Stationen errichtet. Doch im Frühjahr 2013 musste das Unternehmen den Betrieb einstellen. Nach Angaben von Branchenkennern weigerten sich viele Automobilhersteller schlicht, ihren Einfluss auf die Batterieentwicklung aus der Hand zu geben – gerade der Akku gilt für Ingenieure als ein wichtiges Kernstück bei der Entwicklung neuer Elektrofahrzeuge.

Leere sollen gegen frisch geladene Batterien getauscht werden. Foto PD

Ko hofft, dass es bei Motorrollern anders laufen könnte. Tatsächlich bietet in Taiwan der Kymco-Wettbewerber Gogoro schon seit einiger Zeit ein geschlossenes System von Akku-Tauschstationen an. Ko indes will sein Ionex-System öffnen – und zwar nicht nur für Cafébetreiber oder Kaufhäuser, die beim Tauschring mitmachen sollen. Vielmehr hofft er, dass andere Hersteller Batterien mit gleichen Dimensionen verwenden und ihre Kunden so ebenfalls die Tauschstationen ansteuern. Wichtig sei, heisst es bei Kymco, einen einheitlichen Standard zu etablieren. Also genau das zu erreichen, was in der Welt der Autohersteller bislang nicht geschafft wurde. Im Grunde sei das wie bei den Verbrennern, sagt Ko, «wo alle die gleiche Spritsorte benutzen».

Noch aber hat kein Konkurrent öffentlich sein Interesse bekundet. Und noch ist keine Tauschstation in Betrieb. In Taiwan will Kymco aber nach eigenen Angaben schon in der zweiten Jahreshälfte loslegen, weltweit will Ko das System im kommenden Jahr dann in 20 Ländern etablieren – auch in Europa. Was das alles kosten wird, dazu sagt Kymco bislang nichts, auch nicht zum Preis für den Many EV. Und auch nicht zu den zehn anderen Ionex-Rollern, die in den nächsten drei Jahren noch anrollen sollen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2018, 20:00 Uhr

Artikel zum Thema

Jedes zehnte Auto soll ab 2020 elektrisch fahren

Video Um die neuen CO2-Grenzwerte zu erreichen, will Auto-Schweiz den Marktanteil von Elektroautos bei Neuzulassungen ab 2020 auf 10 Prozent erhöhen. Heute beträgt dieser erst 2,7 Prozent. Mehr...

Studie: Elektroautos sind doppelt so umweltfreundlich

Mit dreckigem Strom betrieben? Schädliche Akku-Produktion? Forscher widersprechen Vorurteilen bei der E-Mobilität. Mehr...

Aufholen bei der Elektromobilität

Die deutschen Autohersteller sind bei den elektrischen Fahrzeugen alles andere als Vorreiter. Neue Plattformen für E-Antriebe entstehen jetzt erst. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Höhenflug: Im Vorfeld der Viehauktion in der schottischen Stadt Lairg springt ein Schaf über andere Schafe der Herde. Die Auktion in Lairg ist eine der grössten europaweit mit bis zu 15'000 Schafen. (14.August)
(Bild: Jeff J Mitchell/Getty Images) Mehr...