Ein genialer Rhetoriker geht

Der SP-Politiker Ruedi Brassel sitzt nach 16 Jahren heute zum letzten Mal im Baselbieter Landrat. Die Partei komme aber ohne ihn aus.

Der abtretende SP-Landrat Ruedi Brassel blickt auf die vergangenen drei Legislaturen zurück.

Der abtretende SP-Landrat Ruedi Brassel blickt auf die vergangenen drei Legislaturen zurück. Bild: Pino Covino

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Ruedi Brassel streicht sich durch das weisse Haar, beugt sich nach vorne und führt seine rechte Hand zum Mund, in die Denkerpose. Sein Blick schweift durch die rot eingefasste ovale Brille in die Ferne. Mit dem Rücken zum Bahnhof sitzt er im Bistro vor der Kantonsbibliothek, vor ihm ein Café Crème. Die BaZ blickt mit dem 59-jährigen ­Historiker aus Pratteln zurück auf seine 16-jährige Landratskarriere.

Als er 1999 in den Landrat kam, wurde noch per Hand abgestimmt. Der Sozialdemokrat kann sich gut an teilweise «unsägliche» Sitzungen erinnern, in denen man sich gegenseitig verdächtigte, bewusst falsch gezählt zu haben. Das sei für die Betroffenen unangenehm gewesen. Dank seines Vorstosses wurde ein elektronisches Abstimmungsverfahren eingeführt – die moderne Technik hielt Einzug im Landratssaal.

Ausgefeilte Rhetorik

Mit Brassel verlässt heute ein gewiefter Politiker und genialer Redner den Baselbieter Landrat. Der Autor vieler Bücher und Aufsätze – er hat etwa am historischen Lexikon der Schweiz mitgearbeitet – wurde wegen seines enormen Wissens und politischen Geschicks von Weggefährten und Gegnern geachtet, und auch gefürchtet. Ausser dem ehemaligen SVP-Landrat Karl Willimann konnte kaum jemand Brassel rhetorisch das Wasser reichen. Legendär sind deren Rededuelle – ein Links­intellektueller gegen einen Rechtsintellektuellen. Lief Brassel zu Höchstform auf, tönte es so: «Statt in Bus-Buchten in Buus auf Busse zu warten, warten Bus-Buchten-Wärter in Bus-Buchten-Wartehäuschen und buchen Bussen-Wärter Bus-Bussen bis zum Einbuchten.» Grund für diesen literarischen Höhenflug war eine Busbucht in Oberwil gewesen, die für eine sechsstellige Summe gebaut worden war.

Als Ruedi Brassel mit 43 Jahren für die SP ins Kantonsparlament gewählt wurde, hatte seine Partei soeben einen ihrer beiden Regierungssitze an die SVP verloren, die nach fünfjähriger Durststrecke wieder in die Kantonsexekutive zurückkehrte. Es folgten zwölf Jahre der absoluten bürgerlichen Mehrheit, des 4:1-Verhältnisses, bis 2011 die Grünen mit der sensationellen Wahl von Isaac Reber die SVP wieder aus der Regierung verdrängten. Die heute zu Ende gehende Legislatur ist Brassels letzte, sie war mit dem unerwarteten Rücktritt des FDP-Finanzdirektors Adrian Ballmer und dem plötzlichen Hinschied des CVP-Magistraten Peter Zwick besonders turbulent.

Durch die erforderlichen Ersatzwahlen rückten die Sachgeschäfte in den Hintergrund; im Vordergrund stand der Wahlkampf, in dem Brassel als Sekretär der Baselbieter SP eine wichtige Rolle zukam. Trotz vielversprechender Ausgangslage gelang es den Sozialdemokraten nicht, den angestrebten zweiten Regierungssitz zu erobern. Nicht genug: Zum Abschluss seiner Landratskarriere musste Brassel bei den letzten kantonalen Gesamterneuerungswahlen im Februar erleben, wie seine Partei nach 90 Jahren erstmals aus der Regierung flog. «Die SP Baselland hat eine klare Niederlage erlitten und ist schwer enttäuscht», schrieb er in einer Medienmitteilung.

Zeit für historische Arbeit

Der Vater von zwei erwachsenen Kindern, der sich im vergangenen Jahr wieder frisch liiert hat, freut sich auf die Zeit nach dem Landrat, auf die Möglichkeit, «endlich wieder vermehrt historisch arbeiten zu können». Die dramatische Umsetzung von historischen Stoffen ist sein Steckenpferd. Aus Brassels Feder stammt etwa «Brand in Pratteln», das Theaterstück zur Kantonstrennung 1833. Derzeit hat er drei Projektideen.

Seit Brassels Amtsantritt hat sich auch die finanzielle Situation des Kantons verändert. Vor der Jahrtausendwende ging es Baselland gut, und Basel-Stadt versuchte, durch partnerschaft­liche Beiträge die eigene Kasse aufzubessern. In der Zwischenzeit hat der Nachbarkanton seine Hausaufgaben gemacht. Nicht so das Baselbiet, findet Brassel. Unter anderem durch Steuererleichterungen von rund 130 Millionen Franken pro Jahr habe der Kanton selber viele Problemfallen aufgebaut. Gleichzeitig habe er neue Aufgaben übernommen, wie etwa die Mitträgerschaft der Universität oder der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). «Man kann aber nicht einerseits die Ausgaben erhöhen und andererseits die Einnahmen senken.» Hinzu seien kostspielige Fehlplanungen gekommen, allen voran der später verworfene Neubau des Bruderholzspitals, zudem habe man im Gesundheitswesen die Kostensteuerung völlig aus der Hand verloren. Brassel war Mitglied des landrätlichen Think Tanks, der 2011 zusammen mit der Regierung das 180 Millionen Franken schwere Sparpaket schnürte.

Weniger Respekt

Gewandelt hat sich auch der Ratsbetrieb: Die Anzahl der zu behandelnden Geschäfte hat sich verdoppelt, die persönlichen Vorstösse haben deutlich zugenommen. Das habe mit dem Hang zur Selbstinszenierung von Parteiexponenten zu tun, sagt Brassel: «Der gegenseitige Respekt hat abgenommen.» Und damit meint der SP-Landrat weniger die zugespitzten Voten, die «durchaus Würze in die Debatte bringen können», sondern die persönlichen Angriffe. Dabei spielten die Medien, die gerne personifizierte Geschichten aufnähmen und sich immer mehr von der klassischen Ratsberichtserstattung distanzierten, eine zentrale Rolle.

Von 2003 bis 2008 war Brassel Chef der SP-Fraktion. Sein Einfluss blieb aber auch nach der Abgabe des Präsidiums gross. Als graue Eminenz zog er im Hintergrund die Fäden, gab Ratschläge und bildete Meinungen. In den letzten zwei, drei Jahren hat er sich im Ratsplenum jedoch zurückgezogen. Bewusst, sagt er, um anderen Raum zu geben. In letzter Zeit wirkte Brassel oft gereizt, auf Medienanfragen reagierte der Sozial­demokrat, dessen Einschätzungen bei Journalisten sehr beliebt sind, zunehmend genervt. Während den kantonalen Wahlen und danach, rund um den Rücktritt von Pia Fankhauser als Parteipräsidentin, regte sich parteiintern Kritik an seinem Kommunikationsstil und seinem Einfluss in der Parteileitung. Es sei Zeit, dass «der Silberrücken» neuen Kräften Platz mache, hiess es.

«Partei kommt bestens klar»

«Die Amtszeitbeschränkung ist etwas Gutes», sagt Brassel denn auch. Die Fraktion sei gut aufgestellt und komme auch ohne ihn bestens klar. Mit dem politischen Geschehen wird er als Parteisekretär und in seinem Amt als Gemeinderat in Pratteln weiterhin eng verbunden bleiben. Die Oppositionsrolle der SP sieht Brassel zwar als Chance und Herausforderung, dennoch sei möglichst bald wieder eine Regierungsbeteiligung anzustreben. «Man soll aus der Not keine Tugend machen.»

Nach dem Abschied aus dem Landrat bleibt nun auch mehr Zeit für die Brasselsche Küche. Zusammen mit seiner Frau Corinne kocht er im Ferienhaus in Blotzheim für jeweils 20 bis 25 Gäste. Das Menü: Melanzane Brassilio, Dampfnudeln, Brasato Brassello, Anis-Entenbrustragoût mit Mango und Cashewkernen, Marroni-Parfait. (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.06.2015, 15:46 Uhr

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