«Baselland macht sich von der Stadt abhängig»

Der ehemaliger Chefarzt Hans Kummer vom Bruderholzspital, warnt vor den Folgen der Spitalfusion.

«Zusammenarbeit, wo es Sinn macht».Der 85-jährige Hans Kummer hält eine Fusion der Kantonsspitäler der beiden Basel für unsinnig.

«Zusammenarbeit, wo es Sinn macht».Der 85-jährige Hans Kummer hält eine Fusion der Kantonsspitäler der beiden Basel für unsinnig. Bild: Pino Covino

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Kummer, Sie sind Mitglied der SVP. Kürzlich hat die SVP Baselland die Ja-Parole zur Fusion der Kantonsspitäler beschlossen. Waren Sie enttäuscht?
Nicht wirklich. Das war zu erwarten. Denn mit Thomas Weber war ja der Gesundheitsdirektor aus der eigenen Partei anwesend, der die Fusion vorantreibt.

Mit dem künftigen Universitätsspital Nordwest soll die Gesundheitsversorgung in der Region gestärkt werden. Was soll daran falsch sein?
Die Gesundheitsversorgung gehört zu den grundlegenden Aufgaben des Staates und kann sehr gut auch ohne Fusion gewährleistet werden. Die Spitäler der beiden Kantone sprechen sich schon heute eng miteinander ab. Das macht Sinn.

Es kann aber mit der Zusammenlegung der Spitäler viel Geld gespart werden. Die Rede ist von 70 Millionen Franken pro Jahr.
Das halte ich für Wunschdenken. Es ist nicht ausgewiesen, wie diese Summe zustande kommt. Am Bruderholzspital sollen zwar 150 Betten abgebaut werden, was mit einem entsprechenden Personalabbau einhergeht. Aber die Patienten müssen ja trotzdem irgendwo versorgt werden, vorwiegend wohl im Universitätsspital Basel. Der Kanton Baselland muss dann für diese Patienten Abgeltungen bezahlen. Die sogenannte Basisrate ist am Basler Unispital aber höher als die am Bruderholzspital. Am Ende könnte die Rechnung für den Kanton Baselland höher ausfallen als jetzt.

Immer mehr Patienten werden aber ambulant statt stationär behandelt. Die Dauer der Spitalaufenthalte geht zurück. Das führt zu einer Überkapazität an Betten.
Diesen Rückgang hat es zwar gegeben, aber er ist limitiert. Denn nicht alle Patienten sind jung und fit. Es gibt auch ältere Patienten, die nicht am gleichen Tag nach Hause gehen können, an dem der Eingriff stattfindet. Sie haben oft mehrere gesundheitliche Probleme und brauchen aufwendige Behandlungen und Pflege. Wegen der Alterung der Gesellschaft steigt die Zahl betagter Leute und damit auch diejenige der polymorbiden Patienten. Bei einem Abbau von 150 Betten auf dem Bruderholz besteht darum die Gefahr, dass für ältere, grundversicherte Personen kein Bett mehr da ist.

Es macht doch keinen Sinn, in der überschaubaren Region Basel gleich zwei Spitalgebilde weiterzuführen.
Doch. Eine Studie der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers hat gezeigt, dass mittelgrosse Spitäler am kostengünstigsten sind. Das künftige Unispital Nordwest wird einen grossen und teuren Überbau haben – denken Sie an Verwaltungsrat und Administration. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht gegen eine enge Zusammenarbeit dort, wo es Sinn macht. Das sollte aber unter denen ausgehandelt werden, die es betrifft, nämlich die Ärzteschaft. Wenn Leute in irgendeinem Büro über die Zusammenarbeit entscheiden, kommt es meist nicht gut.

Sie wollen wirklich die Ärzte entscheiden lassen? Die schaffen doch nur viele teure Geräte an.
Ich meine die Entscheide zur Zusammenarbeit zwischen Spitälern, nicht die zur Anschaffung von medizinischen Geräten. Damit solche Geräte nur dort angeschafft werden, wo sie auch ausgelastet sind, muss natürlich übergeordnet entschieden werden. Das gilt auch punkto Spitallisten. Für das gibt es aber die Gesundheitsdepartemente der beiden Kantone, die sehr wohl miteinander reden können.

Das ist doch zu kompliziert. Ein Spital mit einer Leitung wäre einfacher.
Überhaupt nicht. Als ich am Spital Bruderholz tätig war, sprach ich mich mit Professor Niklaus Gyr vom Unispital Basel ab, dass es keine invasive Kardiologie auf dem Bruderholz braucht. Im Gegenzug durfte unser Kardiologe, Professor Peter Rickenbacher, am Unispital koronare Abklärungen bei seinen Patienten vornehmen. Das war eine sinnvolle Lösung, die bis heute Bestand hat.

Sie warnten am erwähnten SVP-Parteitag davor, dass sich Baselland mit der Fusion von Basel-Stadt abhängig macht. Da malten Sie aber gehörig schwarz.
Diese Gefahr droht in der Tat. Schon heute versorgt Baselland weniger als fünfzig Prozent seiner Patienten im eigenen Kanton. Wenn auf dem Bruderholz wie geplant die stationäre Abteilung verschwindet, werden es wahrscheinlich weniger als dreissig Prozent sein. Es wäre eine schweizweit einmalig tiefe Quote. Baselland verabschiedet sich damit immer mehr von einer grundsätzlichen Kantonsaufgabe. Da kann man ja gleich für die Wiedervereinigung stimmen.

Sie haben sich letztes Jahr für die Bruderholz-Initiative engagiert, die im Spitalgesetz eine erweiterte Grundversorgung auf dem Bruderholz festschreiben wollte. Die Initiative wurde klar abgelehnt. Sind Sie ein schlechter Verlierer?
Vielleicht. Aber ich stelle fest, dass das Bruderholzspital mit einem Einzugsgebiet von 130'000 Einwohnern seine Daseinsberechtigung hatte und über drei Jahrzehnte gut funktionierte, bevor es durch unglückliche Massnahmen in der Führung an Ansehen verlor. Es gibt in der Schweiz kein so grosses Gebiet ohne Spital mit erweiterter Grundversorgung.

Die Parlamente haben der Spitalzusammenführung bereits zugestimmt. Im Februar wird abgestimmt. Sehen Sie eine Chance, dass die Fusion abgelehnt wird?
Das ist schwer vorherzusagen. Ich gehe eher von einer Annahme aus.

Wenn die Fusion doch abgelehnt wird: Was sollte anschliessend geschehen?
Die universitäre Medizin müsste im Basler Unispital zentralisiert werden. Mit den Privatspitälern bräuchte es diesbezüglich verbindliche Vereinbarungen zur Zusammenarbeit, wie es das Unispital etwa mit dem Claraspital im Gebiet Viszeralchirurgie jetzt macht. Die Spitäler Liestal und Bruderholz aber sollten weiterhin eine erweiterte Grundversorgung anbieten können.

Hans Kummer war von 1973 bis zu seiner Pensionierung 1998 Chefarzt für Innere Medizin am Kantonsspital Bruderholz. Er lebt in Therwil.

Umfrage

Der ehemaliger Chefarzt Hans Kummer vom Bruderholzspital, warnt vor den Folgen der Spitalfusion. Wird Baselland zu sehr abhängig von Basel-Stadt?

Ja

 
46.3%

Nein

 
53.7%

782 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 09.11.2018, 07:22 Uhr

Artikel zum Thema

Bruderholzspital – wer schluckt die Kröte?

Interview Vor der Spitaldebatte im Grossen Rat: Fusionsgegner Kaspar Sutter (SP) streitet mit Befürworter Mark Eichner (FDP). Mehr...

Entscheid über die Zukunft des Bruderholzspitals

Ob das Baselbieter Bruderholzspital auch in Zukunft eine erweiterte Grundversorgung anbieten muss, entscheiden am 21. Mai die Stimmberechtigten des Landkantons. Mehr...

Baselbieter Landrat lehnt Bruderholzspital-Initiative ab

Der Baselbieter Landrat empfiehlt die Gesetzesinitiative «Ja zum Bruderholzspital» den Stimmberechtigten zur Ablehnung. Mehr...

Paid Post

Tipps für eine einfache und sichere Tourplanung

Das Smartphone ist auf gutem Weg, die Skitourenplanung zu erobern. Möglichkeiten und Grenzen der digitalen Helfer.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...