Schwierige Zeiten bringen giftige Pointen

Frauenpower, Tofu, nackte Brüste und SS-Kalationen: Der diesjährige Zeedel-Jahrgang ist fabelhaft. Auch Koluministin Tamara Wernli muss einiges einstecken.

«Schnauze Fräulein»: Der Stamm der Olympia ist als männliche Frau unterwegs – oder als weiblicher Mann? «Me waiss es nit.»

«Schnauze Fräulein»: Der Stamm der Olympia ist als männliche Frau unterwegs – oder als weiblicher Mann? «Me waiss es nit.» Bild: Nicole Pont

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was immer wieder aufstösst: das Fleisch. Oder eben: das NICHT-Fleisch.

Jedenfalls machen die Veganer an der diesjährigen Fasnacht saftig von sich reden. Schuld hat sicherlich die Eskalation an der Mensa. Ein nur veganischer Menü-Zettel? Also damit tun sich die Bebbi schwer.

D Spale-Clique hat sich das Thema gleich mal auf die Stamm-Fahne geschrieben: «Rächt uff Flaisch». Was der Spale besonders auf den Veganer-Keks geht: die Besserwisserei!
Doch statt de Gscheijte sinn dernoo numme Besserwisser koo. Zem Byschpil d Vegi, wo dien klaage: «E Guetmensch isst kai Schwartemaage. Fleisch verdrugge numme Schurgge. Mir dringge Milch und ässe Gurgge.» D Veganer maine: «Dasch nit guet, s Produggt gheert dämm, wos mache duet. Duesch Aier bi de Hiehner hoole, denn bisch e Dieb. No hesch se gstohle. Und s Duech, wo um dy Hals duesch binde, gheert imme Schoof in Gälterkinde. Pfui Lääderschueh und gfillter Bruscht, s isch Schluss jetzt mit dr Flaischesluscht!» Die Botschaft zindet – und beraits Wird d Mensa zu-n-ere Vegi-Beiz. D Moral hänn d Vegi fir sich pachtet: Und wär nitt mitmacht, wird verachtet!

D Rhywasser-Kepf sagen es hart, aber punktuell:
Das Ganze isch doch biirewaich Was die so blabbere: e Riisesaich!

Bissig und mit viel Fleisch am Knochen der Zeedel der Alte Wettstai zum Sujet «Carne vale – Aadie Flaisch!»

Das tönt dann so:
Bisch du amme so vermässe Uff dr Mäss e Brotwurscht z ässe? Oder bstellsch als – nom de dieu! In der Baiz e Cordon bleu? Vade retro – beese Find: Alles Flaischlige isch Sind!

Der Zeedelschreiber hält dann ein Credo auf Tofu:
Aadie Glepfer, aadie Kääs, aadie Fondue – mild und rääs. Aadie Rippli (carne sternum) Salve Dünpfiff (in aternum) S Mantra – fir den Fall des Falles Haisst Soja, Soja iber alles. Und Tofu – gsalze oder siess Und Gmies und Gmies und Gmies und Gmies!

Die Alte Garde der Basler Bebbi hat gar eine Veganer-Hymne komponiert – da trifft der Ton:
Kommst mit Immergrün daher Fleisch und Wurscht, das gibts nicht mehr. Dich, du dierlifreundlicher Vegahaner …! Wenn dann aber nü-hüt me spriesset Nützts au nütt me, wenn ihr giesset! Die vegane Seele ahnt S gitt bald gar nüt meh im Land. Dangg, vegan, im heilen Unverstand … Und die Moral zum Schluss:
Au wär sau-xund-vegan abbgooht: Wird sy wie alli: mausetoot!

Also wenn der Tofu mit einer guten Sauce Hollandaise serviert wird – da kann mans ja versuchen. D Opti-Mischte ­bieten so eine «Holland(e)aise» an. Sie nehmen damit – wie viele andere Cliquen auch – Monsieur Hollande und seine Elsass-Tilgungs-Politik ins Visier:
Was goot do vor in dääre waiche Poire? Isch s Dimmi oder Arroganz? Isch s nur dr Draum vo Grande Nation und Gloire? S isch ämmel Zytt de goosch jetzt, Franz!

Auf der Rückseite des Zeedels melden sich dann auch prompt d Güete ­Bonjour-Waggis zu Wort – der Epilog tönt dort so (und wunderbar auf ­Elsässisch angerichtet):
Dää, wo die Sauce Holland(e)aise serviärt und flott im Fettnopf ummeriehrt, mit dämm han mir iwerhäupt kei Bedüre, dä sutt me vor e Richter fiehre. Frau Fasnacht, mir laade dy härzlig yy, di Urteil soll uns heilig sy.

D Luuser-Waggis, die zusammen mit den Verschnuuffer am Cortège vor­beiziehen, meinen zu den Problemen mit Hollande und dem Flughafen:
Dient dämm Hollande unter d Naase ryybe, ass dä Seggdor muess helvetisch blyybe. Sunscht muess är sogar riskiere, ass mir mit em Elsass fusioniere. Die Idee, die gfallt-is, miecht-is Spass Vive la République Bâlesass!.

Am eindrücklichsten ist die Todes­anzeige der Alte Märtplatz-Clique und der BMG Runzle. «Aadie Waggis» heisst es da auf dem Trauerblatt – und man weint dem Waggis nach, der dank Hollandes Grossfusion nicht mehr ­existiert:
Allons enfants de la Patrie Dr dernier Jour isch arrivé. S Elsass sait – quelle tragédie! Syne Frind uff widerseh Und dä Abschid duet uns weh!

Künftig sieht das Elsass also so aus:
Kai Bugatti me z Mulhouse, kai Fluglärm, wo di nit losst pfuuse. Dr Wessels strahlt: S wird au kai Kahre Vom Elsass me no Basel fahre … Kai Gugelhopf gitts me fir d Frau, d Roma-Ybrüch fähle-n-au … kai Spargle meh in Village-Neuf, in Häägehaim schliesst jetzt dr Boeuf und schliesslig kauft dr Antony hitt sy Kääs im Migros yy …

Und das bitterböse Fazit:
… bald gsehsch d Waggis, s duet is gruuse, wider in dr Heeli pfuuse. «Hollande!» – riefe mir fruschtriert – Du hesch s Elsass ruiniert!

Bleu-blanc-rouge präsentiert sich der Zeedel der Unverwieschtlige Schnooggekerzli, alti Garde – und auch hier wird directement nach Hollande geschossen – oder zumindest nach Paris
Oh, les finances, ça c’est triste, maint dr Hollande, socialiste. Är froggd d Merkel – die sait: «Hee François, apprend calculer!» Das kunnt dämm in lätze Hals, dorum schiggt er no dr Valls. D Merkel sait – und gitt-em d Hand: «Bonjour prochaine Griecheland!»

Frauenprobleme hat es immer gegeben. Speziell an der Fasnacht. Und persee bei Männercliquen. D Olympia sind als Männerhochburg berühmt – und siehe da: Dieses Jahr haben sie sich der ­Frauenquote unterworfen. Und gar eine Alibi-Lady mitruessen lassen (ist ­«ruessen» hier das richtige Wort?).

«Schnauze Fräulein» – heisst das Sujet des Stamms. Und Dr. Pia O.Lymp, eine Schweizerin mit Germanigrations­hintergrund (wohnhaft bei Zürich) meldet sich rosa zu Wort: «Na, Ihr Olympster tragt also Schnauz. WAS BITTE SOLL DAS? Sind wir hier in einem 80er-Jahre-Porno? Das kratzt beim Verkehr. Da verfangen sich Krümel drin. Das ist ­unhygienisch. Okay, meine Herren – ich gebs zu: Auch i c h habe mir einen adretten Schnauz rasiert – ABER DEN TRAG ICH DOCH NICHT IM GESICHT!»

Auch d Stääge-Hysler fragen sich, obs in einer Welt voller Frauenpower den Mann überhaupt noch braucht – aber o.k., einiges würde doch fehlen …
D Dober-Männer wurde fähle, La-Maa, Pu-Maa sicher au. S Wyyberzyg, das wurd dy quääle Kai Phar-Maa – s wär dr dotali Gau. Au uff d Brille kennsch grad pfyffe Dr Fiel-Maa wär nimm doo. Dr Wasser-Maa kenntsch nimm begryffe, dä wär abhandekoo. Schnee-Männer kenntisch glatt vergässe Dr Hansli-Maa wurds nää. E Grätti-Maa kennsch nimme ässe, au doo wurds Lugge gäh …

Und schliesslich nagen dann doch die Zweifel:
Wär d Wält ächt scheen, nur no mit Fraue … Isch das nit Brieder Grimm? Sinn mir no neetig – im Verdraue: Bruuchts is wirgglig nimm?

Die alte Garde der Seibi zeigt in ihrem «Männerdämmerigs»-Zeedel himmlisch auf, wo eine männerschwache Welt und die Frauenquote hinführen:
D Fraue ibernämme s Rueder vo Wirtschaft, Politigg – die Lueder, dien zem grosse Uffstand rischte. D Männer wärde ze Stadischte und wärde – als hätts nit scho glänggt, wenn me die an Rand hii dränggt – ze depressive, blaiche Gschtalte, wo sich vom Wyyb leehn lo verwalte!

Angst – das ist ein Thema, das diese Fasnacht immer wieder aufgegriffen wird. Angst vor der Zukunft. Angst vor den andern. Lebensangst. Der Stamm der Sans-Gêne macht nicht nur ein Wortspiel daraus – er bringt die Angst von heute auch auf den Punkt: «Angscht Macht Angscht» – so heisst das Sujet.

Macht grossgeschrieben.
Die Angscht, die koschtet Muet und Kraft, und s goht nimm lang, denn hämmers gschafft, ass kain sich draut, kain ebbis woggt, kain Antwort gitt – numme no froggt!

Und das Finale der Angst:
Denn Angscht isch das, wo ibrig blybbt, wenn e Gfiehl d Venunft verdrybbt!

Auch beim Stamm der Märtplatz-­Clique ­fürchtet man sich vor Eskalationen. SS-Kalationen kommen einem in den Sinn. Entsprechend tobt die Clique auf ihrem braunen Zeedel gegen Machtgier: «Faar zer Höll – SS-kaliert!»
Pakischtan duet jetzt draa dängge, 500 Talibaane z hängge … Au d Amerikaner sinn no doo, sy foltere z Guantánamo. Und in Donezk schiesst die russisch Flab e malaysischs Flugi ab!

Das rabenschwarze Resümee:
Faar zer Höll – SS-eskaliert, wenn dr Deyfel d Wält regiert!

D Rhyschnoogge rufen laut auf ihrem black Värs «Wär hett Angscht vor em schwaarze Maa?»

Bald merkt man aber, dass mit dem schwarzen Mann der Baselstab gemeint ist – und s Rotkäppli vom Baselland nicht zum schwarzen, bösen Mann ­ziehen will.

«FERTIG LUSCHTIG!» – meinen ­ d Rhy­gwäggi zur Weltsituation. Sie zählen die chaotischen Punkte auf: Syrien … Irak … menschliche Geiseln …Ebola … Amokläufe.

Es sind diese Dinge, die uns allen Angst machen – entsprechend kommt nicht nur der Zeedel schwarz und grau daher. Selbst das legendäre Bränding, der Rhygwäggi-Blätzlibajass, zieht einen Lätsch. Und entschuldigt das dumpfe, schwarzgraue Kostüm:
Me kaa doch nit als Räägebooge uff em Cortège go flaniere, nur well das faarbeprächtig isch. Do miesst me sich doch glatt geniere. S wäär zynisch und arg hychlerisch. Willsch luschtig syy – gang no Luzärn oder an s Oggdooberfescht. Mir blyybe Gaudi hitte färn, wänn kaini Sauglattismus-Gescht. D Basler Fasnacht, die bruucht Biss, sunscht wär das Sujet nur e Bschiss. Wo käämte mir denn do au aane Fertig luschtig – nundefahne!

Die Angst vor Google, Überwachung und Internet beschäftigt den Poeten des Dupf-Clubs, Alti Garde: «Guugel macht Angscht» – heisst es da. Und angeprangert wird der Mensch, der nicht mehr denkt. Sondern über ­Google denken lässt:Kuum aine dänggt, es kennt e Gfoor sy, wenns Hirni nytt me z saage hett. E jeede guuglet frehlig wyter Vom Morge frieh bis z Nacht im Bett. Und dr Guugel, dä wird stergger, well kaine sich dergeege wehrt. Dr Guugel kennt bald alli Werter, wo s Mammi hit em Buschi leert … Und d Buschi leere doo derby D Abhängigkait, wo nit sott sy …

Philosophisch geht der Zeedel der ­Basler Rolli, alti Garde, mit der Angst um – ­entsprechend auch hier das Sujet: «Angscht».
Angscht duet jeede anderscht fyyle, die ainte zittere, die andre hyyle. Angscht hesch nit vo Aafang aa. Si wird aim gleert – dasch s Dumme draa …

Eine Mauer, die nicht nur vor Ängsten, sondern uns alle schützt, wollen d Bebbi:
Dr Gorbatschow hett s Probleem klaar erkennt dr Muurfall z Berlin isch e Non-Event. Verglychschs mit de Wänd, wo mir hütt uffe ziehn. Gitts e-n-anderi Löösig ? Oder glaubsch, mir mien jetzt voll an d Segg – sunscht bluete mer denn. D Froog isch doch nit o b, dr Froog isch nur: w e n n?

«Stille uff dr Gass» – das Sujet der VKB tönt nach toter Innerstadt. Stille. Aber gemeint ist «Stillen».

Und da hat der Dichter dann doch ­einiges herumzunuggeln:
… doch wenn im Pargg d Bruscht uusequillt, well d Mamme s Kind am Buuse stillt, denn gitts Brotäscht vo dääne Lytt. Si schimpfe und si lähne wytt zem Fänschter uss und klaage-n-aa, Ass s Gsetz e soo versaage kaa, wenn in de Drämmli, au in Knille, sogar im Kino Fraue stille. Doch sitze si gärn nääbedraa und d Auge blyybe klääbe draa.

Zu Tamara Wernlis Kolumne meint man dann spitz:
Si findets Stille uff dr Gass bim beschte Wille meh als krass. Und wett die, wo dr Buuse soo entbleese, gar nit uuse loo. Doch well si kai Erfahrig hett mit dääre Art vo Nahrig, sett si driiber kaini knappe Spalte schryybe – und au d Glappe halte …

Zum selben Thema – «Keerpersaft isch fabelhaft» – melden sich auch d Junte vo dr Alte Richtig zu Wort:
Im Konzärt, bi Bach’sche Fuuge Darf im Rhythmus s Buschi suuge. Und bim Strauss – im dritte Aggd, suggts scho im Dreivierteltaggd. Und bim scheene «Götterfungge» Hetts vor Fraid in d Windle gstungge!

Alles in allem: ein fabelhafter ­Zeedeljahrgang.

Die Zeiten sind schwarz, die Pointen bissig – der Witz skurril.

Es kann nur trister werden … (Basler Zeitung)

Erstellt: 26.02.2015, 08:40 Uhr

Artikel zum Thema

Sonnenschein und Räppliduschen

Frau Fasnacht hat ein Einsehen: Zum zweiten Cortège lacht die Sonne und sorgt für Traumwetter. Wir zeigen die Bilder der sonnigen Fasnacht. Mehr...

«Ich habe wieder Lust auf ein Goschdym»

Heinz Margot hört als Fasnachtsmoderator des Schweizer Fernsehens auf. Mit ein bisschen Wehmut blickt er auf die letzten 16 Jahre zurück. Mehr...

Siehe da! Hasenburg «opening soon»

Schöner Morgestraich, verschiffter Cortège – Tagebucheintrag von der Fasnacht 2015. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von baz.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).

Paid Post

Ein Ex-Einbrecher packt aus

Der ehemalige Einbrecher Hammed Khamis hat die Seiten gewechselt. Er zeigt exklusiv auf, wie Einbrecher vorgehen.

Kommentare

Blogs

Sweet Home So richten Sie geschickter ein

Tingler Neuer Name, neues Glück

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Die Welt in Bildern

Volle Lippen: Indische Künstler verkleiden sich während des Dussehra Fests in Bhopal als Gottheit Hanuman. (19.Oktober 2018)
(Bild: Sanjeev Gupta/EPA) Mehr...