Die Hintermann-Tragödie

Gemeindepräsident Urs Hintermann hat eine Chance nach der anderen verpasst, reinen Tisch zu machen. Stattdessen hat er versucht, Whistleblower, Journalisten und Parteikollegen einzuschüchtern.

Tritt zurück im Zorn. Gemeindepräsident Urs Hintermann ist sich keiner Fehler bewusst.

Tritt zurück im Zorn. Gemeindepräsident Urs Hintermann ist sich keiner Fehler bewusst. Bild: Christian Merz

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Der per sofort zurückgetretene Gemeindepräsident Urs Hintermann (SP) beendet die Asylheim-Affäre, wie er sie im Dezember 2016 begonnen hat: mit Medienschelte. Da er die amtlichen Unterlagen – die durch seine Unterschrift sein Fehlverhalten belegen – nicht anzweifeln konnte, setzte er auf die Strategie «Die BaZ lügt».

Noch bevor diese Zeitung Ende 2016 die Gemeinde mit ihren Recherchen konfrontieren konnte, ging Hintermann an die Öffentlichkeit: Er bezichtigte, den «menschenverachtenden» Journalisten «unlauterer Methoden» und der «Anstiftung zu Amtsgeheimnisverletzung». Hintermann wollte nach eigenen Angaben eine «Hetzkampagne» verhindern.

So ging es weiter. Neue Fakten kamen ans Licht, Hintermann bezichtigte die BaZ der Lügen.

Nach erfolglosen Interventionen bei der Chefredaktion ging er mit Anwälten gegen Berichte und mich, den Journalisten, vor, reichte Strafanzeige wegen Beschimpfung und übler Nachrede ein. Nachdem auch die Basellandschaftliche Zeitung im Sommer einen ersten kritischen Artikel abdruckte, drohte er auch bei den Kollegen mit Presserat und Anzeige. Hätte sich Urs Hintermann mit gleichem Eifer für die Lösung der Asylheim-Affäre eingesetzt, wie er für die Einschüchterung von internen Whistleblowern, Journalisten und Parteikollegen aufgewendet hat, dann wäre die Angelegenheit schon längst erledigt und Hintermann noch in Amt und Würden.

Die Hintermann-Tragödie liegt darin, dass er vom Steuerzahler finanzierte Anwälte aufbot, um etwa die freigestellte Asylbetreuerin Farideh Eghbali mit mehr und mehr Geld zu kaufen, damit sie schwieg, damit sie ihn nicht anzeigte – erfolglos. Der Gemeindepräsident hat eine Chance nach der anderen verpasst, reinen Tisch zu machen.

Statt eines tadellosen Leistungsausweises hinterlässt Ur Hintermann einen Scherbenhaufen.

Als er im September 2016 realisierte, dass Eghbali tatsächliche Missstände gemeldet hat, hätte er die zuvor ausgeteilte Ermahnung zurücknehmen müssen. Oder im Februar, nachdem die BaZ die Sex-Affäre aufdeckte, stritt Hintermann die Tatsachen ab und übte weiter Repression nach innen. Die letzte Möglichkeit, sein Gesicht zu wahren, vergab Hintermann schliesslich am 3. Mai, nachdem die BaZ die ganze autoritäre Führungskultur unter Hintermann aufdeckte. Er stellte die 57-jährige Eghbali auf die Strasse und verletzte mit unwahren Aussagen öffentlich ihre Integrität.

Lange haben die Parteien geschwiegen, waren wohl überfordert, da die Milizpolitiker nach der Arbeit im Einwohnerrat etwa über Quartierpläne debattieren und nicht über solche Affären. Schliesslich fand SP-Fraktionschef Ruedi Mäder den Mut, sich gegen Hintermann zu stellen, was den Rücktritt letztlich beschleunigte.

Urs Hintermann hat viel geleistet fürs Baselbiet: Er erzwang gegen Liestal einen Kompromiss bei der Sanierung der Pensionskasse, welcher die Gemeinden massiv entlastete. Er setzte sich erfolgreich für mehr Gemeindeautonomie ein und engagierte sich früh für die Kooperation auf Gemeindeebene. Urs Hintermann hätte als grosser Politiker abtreten können. Doch darin liegt die Tragödie: Er hat seinen Ruf ruiniert. Statt eines tadellosen Leistungsausweises hinterlässt er einen Scherbenhaufen.

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Der Reinacher Gemeindepräsident Urs Hintermann tritt wegen der Asylheim-Affäre per sofort ab. Ist es richtig, dass er zurückgetreten ist?

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1299 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 07.09.2017, 07:10 Uhr

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