Muttenz

«Die Kesb terrorisiert mich»

Weil ihr Kind einige Male zu spät in der Schule war, droht die Kesb einer Mutter mit Obhutsentzug. Dass es gute Gründe für die Verspätung gab, interessiert die Behörde nicht.

Wollen sich nicht trennen. Gegen ihren Willen soll Habiba Mallem die Obhut über die Tochter verlieren und das Kind in einem Heim platziert werden.

Wollen sich nicht trennen. Gegen ihren Willen soll Habiba Mallem die Obhut über die Tochter verlieren und das Kind in einem Heim platziert werden. Bild: Daniel Wahl

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«Es interessiert sie nicht, ob sie uns krank machen, wie sie mich blockieren, ob sie meiner Tochter Bauchschmerzen machen oder welche Kosten sie verursachen – Hauptsache, sie können sich mit uns beschäftigen. Es ist ein Terror.» Das ist die verzweifelte Aussage der alleinerziehenden Mutter Habiba Mallem, der die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) die Obhut über ihre zehnjährige Tochter Zuleika* entziehen will und das jüngste ihrer vier Kinder in ein Heim stecken will. Und seither nicht mehr locker lässt, obwohl sich Leute aus dem Umfeld von Habiba Mallem für die Mutter einsetzen und ihr ein gutes Zeugnis ausstellen.

In Gang gesetzt hatte diesen Behördenprozess um den folgenschwersten Familieneingriff des Obhutsentzugs die Muttenzer Schulleiterin Agnes Hermann mit einer Gefährdungsmeldung im April dieses Jahres. Es ist zwar nicht so, dass die nach dem Scheidungskrieg verbeiständete Zuleika wegen häuslicher Gewalt gefährdet wäre. Oder mangelhaft ernährt worden oder je mit Drogen in Kontakt gekommen wäre. Im Gegenteil: Wer behauptet, das Kind werde von der Mutter vernachlässigt, wird Lügen gestraft. Die Algerierin, die seit 26 Jahren in der Schweiz wohnt und den roten Pass hat, kocht für das Kind; es ist wohlgenährt, der Kühlschrank gefüllt, die Wohnung bis in jeden Winkel staubfrei, die Kleider sind gebügelt. Mallem hat ihren Stolz – besonders als alleinerziehende Sozialhilfebezügerin, die sie eben auch ist.

Aber Habiba Mallem ist Diabetikerin Typ 1 und hat Rheumabeschwerden. So sei es in der Tat dazu gekommen, dass sie nach schweren Nächten am Morgen nicht aufgestanden ist und ihre Tochter hin und wieder einmal zu spät zur Schule gekommen ist. Offenbar reicht dies heute, um als erster Punkt in einer Schweizer Gefährdungsmeldung aufgeführt zu werden: «Unpünktliches Erscheinen im Unterricht» schreibt Schulleiterin Hermann und schiebt die pauschale Aussage nach: «Zuleika ist nachts unterwegs und wird um 22 Uhr draussen noch gesehen.» Die Mutter entgegnet: «Sie hatte dafür die Erlaubnis: Es war einmal am 1. August und einmal an Halloween. Nun wird uns das zur Last gelegt.»

Lehrerin hat Mühe mit Kind

Offenbar kann es das selbstbewusste Töchterchen nicht gut mit der Lehrerin: Sie befolge die Anweisungen der Lehrerin wiederholt nicht oder mache die Hausaufgaben nicht, heisst es. Der Schulpsychologe beschreibt das Kind als «anhängliches Mädchen», das sich mit vielen Dingen beschäftigt. «Es zeigt viel Charme und geht auf jede Freundlichkeit ein.» Aber das wird in der Gefährdungsmeldung zum Nachteil ausgelegt.

Und über die Mutter heisst es: «Sie will nichts wahrhaben.» Schlimm für die Behörden, dass Mallem die Vorgänge anders beurteilt als die Experten. «Der Gipfel war, dass mich der Schulpsychologe vor der Schulpflege beleidigt hat, ich solle abnehmen und arbeiten, sodass die Kinder der Gemeinde nicht so teuer kämen. Das war eine Schmach für mich», sagt Mallem.

Die BaZ wollte von Schulleiterin Agnes Hermann wissen, inwiefern eine wirkliche Gefahr für das Kind besteht, welche seltsamerweise in der Gefährdungsmeldung mit keinem Wort direkt begründet ist. Die Schulleitung hat auf die Anfrage der BaZ nicht reagiert.

Ein spontaner Besuch bei Mallems zeigt eines: eine angenehme Atmosphäre. Auf dem Stubentischchen brennt eine Kerze. Die Früchteschale ist gefüllt mit frischen Bananen. Zuleika grüsst auf Anweisung der Mutter. Auf die Behörden ist das Töchterchen nicht gut zu sprechen. Über die Frauen, die sie befragt hatten, sagt sie: «Das sind Hexen. Die sprechen immer so nett mit mir. Und hinterher schreiben sie böse Sachen über mich.»

Es gibt Menschen aus dem Umfeld der alleinerziehenden Mutter, die für die Vorgänge der Kesb Birstal und der Schulleitung kein Verständnis zeigen. Etwa die Kindergärtnerin, die alle vier Kinder betreut hatte und ein «Entlastungszeugnis» verfasst hat. Sie führt die «fehlenden Strukturen», welche die Kesb und die Muttenzer Schule bemängeln, zu einem grossen Teil auf die Wohnungsrenovation zurück: «Die Familie wohnte sozusagen auf einer Baustelle… Kein Wunder, konnte sie in dieser Zeit den Kindern, besonders Zuleika kein schönes Heim mehr bieten. Schon am Morgen früh war sie gezwungen, die Wohnung zu verlassen, da der Lärm zu gross für sie war.» Die Kinder seien sauber gekleidet in den Kindergarten gekommen. «Das Znüniböxli war immer mit gesundem Znüni gefüllt.»

Berufsschullehrer kritisiert Kesb

Hart ins Gericht mit den Muttenzer Schulleitung und der Kesb geht der Berufsschullehrer Markus Pfenninger, der derzeit in Indien als Projekt-­Manager ein 17-Millionen-Projekt schultert: Was die Kesb veranstaltet, sei eine fertige Sauerei. «Die Behörde will sich nur noch selber bestätigen. Das Kind ist bestens betreut, davon konnte ich mich überzeugen.»

Pfenninger kann Parallelen ziehen zum unsäglichen Projekt «Kinder der Landstrasse» – als Schweizer Behörden einst den Zigeunern auch wegen «fehlender Strukturen» den Nachwuchs wegnahmen und ihn in Heime steckte. Die Argumente sind ähnlich wie damals, nur die Protagonisten haben geändert: Statt einer Zigeunerin ist da eine Sozialhilfebezügerin mit Migrationshintergrund. Statt eine halbstaatliche Stiftung «Kinder der Landstrasse» gibt es eine Schutzbehörde, die keine Verantwortung trägt für das Leid, das sie auslöst.

* Name geändert (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.10.2014, 16:10 Uhr

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