Pratteln

Dreijährige mit vollem Terminkalender

Eine Prattler Frühförderungs-Expertin will verhindern, dass Kinder kriminell werden. An einer entsprechenden Tagung befassten sich Experten durchaus selbstkritisch mit der eigenen Zunft.

Ab wann und in welchem Umfang soll gefördert werden? Experten haben sich in Pratteln mit der frühkindlichen Entwicklung auseinandergesetzt (Symbolbild).

Ab wann und in welchem Umfang soll gefördert werden? Experten haben sich in Pratteln mit der frühkindlichen Entwicklung auseinandergesetzt (Symbolbild). Bild: Keystone

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Frühchinesisch für Dreijährige oder Schreibkurse noch vor dem Kindergarten: Scheinbar nutzen Eltern eine Unzahl Angebote, die ihre Kinder zu Superschülern machen sollen. Und dies, noch bevor sie sich vom zwang­losen Spielen in die strikte Schullaufbahn verabschieden. Am Donnerstag fand in Pratteln eine Tagung für Experten der Frühförderung in der Schweiz statt, die sich durchaus selbstkritisch mit der eigenen Zunft befassten.

Die Gastgeberin ist die einzige Baselbieter Gemeinde, die in der Verwaltung eine Fachstelle zur frühen Förderung schuf. Das war 2012. Das Pilotprojekt läuft noch bis 2016. An der Tagung war man sich einig: «Frühe Förderung rentiert», war der Titel. Eine der teilnehmenden staatlichen Früh-förderungs-Expertinnen war Edith Heiler, die im solothurnischen Grenchen tätig ist. «97 Prozent der kriminellen Jugendlichen im Gefängnis haben keinen Schulabschluss», sagt sie. Ihre Haltung ist klar: «Frühe Förderung verhindert, dass junge Menschen kriminell werden.»

Spielen ist nicht selbstverständlich

«Unser Auftrag ist, die Eltern über die Wichtigkeit der frühen Kinderjahre zu sensibilisieren», sagt auch Manuela Hofbauer, welche die Prattler Fachstelle in einem 40-Prozent-Pensum betreibt. In der Zeit zwischen Geburt und Kinder­garteneintritt werden die Grundmuster für die spätere Entwicklung der Kinder entscheidend geprägt. «Viele Studien belegen, dass frühe Förderung spätere Kosten für die Allgemeinheit verhindern könnten.» Damit meint Hofbauer etwa Gesundheitskosten, Kriminalität und Sozialhilfe. Frühe Förderung sei also auch Prävention. Doch an der Tagung wird mehrfach betont, dass diese frühe Förderung nicht einfach Kurse für Kleinkinder meint, sondern andere Formen der Bildung wie etwa «informelle Bildung». Damit gemeint sind Erfahrungen der Kinder im Zusammensein mit Gleichaltrigen und was die Kinder von den Eltern lernen.

Das mögen Allgemeinplätze sein und für den Laien logisch, aber eine der neuen Erkenntnisse ist: Spielen sei wichtig für die Entwicklung der Kinder. «Zu lange haben wir das Spiel unter dem Aspekt der Frühförderung vernachlässigt», sagt Margrit Stamm, vom Universitären Zentrum für frühkindliche Bildung Fribourg. Und die Experten pflichten bei – loben, dass das Spiel, das scheinbar unnütze Tun, als wichtiger Bestandteil der Entwicklung der Kleinkinder wieder mehr Beachtung in Fachkreisen findet.

Eltern sind entscheidend

Dennoch: Gleich nach der Geburt soll gefördert werden. «Die öffentliche Hand mischt sich aber nicht ins Privatleben der Familien ein», so Hofbauer. Aber Informations-, Vernetzungs- und Koordinationsarbeit der Fachstelle sei nötig, weil die Eltern heutzutage verunsichert sind. Die Fachstelle gibt Info­broschüren heraus und koordiniert alle Angebote in der Gemeinde.

Wie so oft bei Problemen im ­Bildungsbereich liegen für die Experten die Gründe dafür bei den Eltern. ­Zielgruppe staatlicher Unterstützung sind Erziehungsberechtigte sämtlicher Gesellschaftsschichten. Eltern sehen zum Teil ihre Kinder als Erfolgsprojekte, schicken sie in Kurse – Dreijährige mit vollen Terminplänen. Diese Eltern laden einen enormen Erfolgsdruck auf ihre Kinder, lesen Ratgeber und sind letztlich so überberaten, dass sie verwirrt sind, so der Tenor. «Die Eltern früher verliessen sich mehr auf ihre Intuition», sagt Hofbauer.

Handys stören Erziehungsarbeit

Neben den eher Gutbetuchten, die ihre Kinder einem Frühförderungs­-stress aussetzen, gibt es die sozial schwächere Familien, die ebenfalls sensibilisiert werden müssten. Dazu Hofbauer: «Kindergärtnerinnen berichten uns, dass viele Kinder kaum Deutsch oder keine Schere in der Hand halten können.»

Weil sich das traditionelle Familienmodell stark verändert hat, komme die Frühförderung heute oft zu kurz: Eltern hätten kaum mehr Zeit und Ruhe, den Kindern vollumfängliche Aufmerksamkeit beim Spielen zu schenken. «Oft werden wichtige Interaktionen durch Handygeklingel gestört oder nicht erkannt», sagt Hofbauer.

«Spielen im Wald und Gemüse rüsten sind heute in Zeiten des Fastfood und abgepackten Fertigsalats nicht mehr selbstverständlich», sagt Heilpädagogin Heiler. Neben dem gesellschaftlichem Wandel befeuert die Neurobiologie die Wichtigkeit früher Förderung. «Studien zeigen die Auswirkungen von Stress bei Kleinkindern», sagt Hofbauer. Das heisst: Je mehr Stress ein Kleinkind bei der Eingewöhnung in eine Spielgruppe hat, desto schwieriger fällt es ihm später, Beziehungen aufzubauen.

Das Pilotprojekt kostet die Gemeinde Pratteln insgesamt 369 000 Franken. Gemäss Hofbauer sind dies über die vier Jahre lange Projektphase 40 Rappen pro Tag und Kind. (Basler Zeitung)

Erstellt: 23.11.2014, 15:36 Uhr

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