Arlesheim

Gemeinde lädt Verschwörungstheoretiker ein

Zum Jubiläum der Gemeindebibliothek Arlesheim referiert Daniele Ganser über «illegale Kriege» und «Medienkompetenz».

Daniele Ganser, hier bei einem Vortrag in Münchenstein, ist umstritten.

Daniele Ganser, hier bei einem Vortrag in Münchenstein, ist umstritten. Bild: Florian Bärtschiger

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Russland, Syrien, Iran und das Imperium. Daniele Ganser nennt die USA in seinen Vorträgen stets «das Imperium». Und dieses ist bei ihm wie schon bei den «Star Wars»-Filmen das Böse. Russland etwa und dessen kriegerische Aggressionen sind bei Gansers Vorträgen wie etwa im November 2017 in Münchenstein kein Thema. Für ihn gibt es primär das böse Amerika und – rhetorisch verpackt – die bösen Juden: Der französische Präsident Macron, so hielt Ganser damals beiläufig fest, arbeitete bei der Rothschild-Bank. Die Rotschilds: der entlarvende Hinweis des klassischen Verschwörungstheoretikers, der nicht nur die USA hasst, sondern hinter den Geschehnissen auf der Welt eine jüdische Verschwörung wittert. Diesen Friedensforscher Ganser hat die Gemeinde Arlesheim nun am 8. Juni zum 75-Jahr-Jubiläum ihrer Bibliothek eingeladen.

Würde Gemeindepräsident Markus Eigenmann auch einem Holocaustleugner wie Bernhard Schaub, der wie Ganser in Dornach wohnte, eine Bühne geben? «Wahrscheinlich nicht. Aber er ist mit Ganser nicht vergleichbar», sagt der FDP-Politiker. Ganser etwa sei ein Bestsellerautor, und «wir hatten auch andere nicht unumstrittene Autoren bei uns an Bibliotheksanlässen, wie etwa Franz Hohler». Den hätten auch nicht alle toll gefunden, «aber sonst könnten wir ja nur noch Mainstream-Autoren einladen». Eigenmann hält den Anlass nicht für problematisch, weil man in einer Demokratie offen sein müsse für Debatten. «Deshalb wollte der Gemein­derat auch keine freie Bühne für Ganser, sondern eine kritische Auseinandersetzung, weshalb der Publizist und Medienwissenschaftler Matthias Zehnder den Finger auf die wunden Punkte legen soll.»

Im Wochenblatt hingegen wird Ganser, der über «Me­­dienkompetenz – Wie erkennt man illegale Kriege?» refe­rieren wird, eu­­pho­risch ange­kün­digt: «Ja, wer kennt ihn nicht, Dr. Daniele Ganser, Historiker, Friedensforscher und Erfolgsautor.» Gemeindepräsident Eigenmann beispielsweise kennt Ganser kaum: «Ich habe weder ein Buch von ihm gelesen noch habe ich einen Vortrag besucht, aber die Bibliotheksleitung hat sich intensiv mit Ganser befasst. Ich freue mich auf den Anlass und werde mir ein eigenes Bild machen», sagt er.

Elite der Verschwörungsszene

Das Team der Bibliothek, das sich angeblich intensiv mit Ganser befasste, bezeichnet ihn als «Querdenker», der «kritisches Denken» fördern wolle. In der Tat gehört der Friedensforscher Ganser zur Elite der Verschwörungsszene im deutschsprachigen Raum. Dazu zählt auch der Deutsche Ken Jebsen, der 2011 wegen antisemitischer Äusserungen und Verstössen gegen journalistische Standards beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk entlassen wurde. Sein links wirkendes Onlineportal KenFM ist eines der bekanntesten Portale für Verschwörungstheorien.

Zur Szene gehört ferner der ehemals linke deutsche Journalist Jürgen Elsässer, der heute als Rechtsextremist auch bei Pegida-Demonstrationen auftritt. Elsässer gibt das Verschwörungs-Magazin Compact heraus (Motto: «Mut zur Wahrheit»), und er versuchte damit linke und rechte Positionen zur sogenannten Querfront zu vereinen. Ganser hatte sowohl prominente Auftritte bei KenFM als auch bei Compact. Seit Elsässer jedoch versucht, Compact als Presseorgan der Partei Alternative für Deutschland (AfD) zu positionieren, bröckelt die Querfront. Die Verschwörer von links und rechts eint jedoch der Hass auf den Westen und was dafür steht – also die Demokratie und ihre Medien, die USA und Israel.

Matthias Zehnder, der wissen möchte, wie Ganser tickt und was er zu sagen hat, hält ihn für «stellenweise problematisch». Auf die Frage, was er konkret für problematisch hält und welche Ansichten er teile, sagt Zehnder: «Ich habe mich noch nicht im Detail damit beschäftigt und deshalb auch keine Beispiele präsent.»

Dennoch sieht sich der Medienwissenschaftler in der Lage, dem rhetorisch brillanten Ganser Paroli bieten zu können: «Ich habe ein Buch über Aufmerksamkeit geschrieben und Ganser bedient Elemente, die medial gut funktionieren. Seine Meinung zu 9/11 ­funktioniert beispielsweise gut, weil sie eine Anti-Establishment-Sicht, also das Misstrauen gegen die Eliten bedient.» Er wolle versuchen, eine kritische Rolle einzunehmen und Ganser aus der Reserve zu locken.

«Ganser nicht Glauben schenken»

Zehnder gilt als Experte für die Funktionsweise der Medien, wie sie Aufmerksamkeit und Klicks generieren wollen und wie darunter die Qualität leiden könnte. Darum ist die Frage legitim, weshalb er sich und seinen Ruf für den Auftritt eines Verschwörungstheoretikers hergibt, der mit seinem Charisma die Massen begeistert.

Wo ist die Grenze des Tolerierbaren? «Gewaltverherrlichung oder Holocaustleugnung geht nicht, aber ich habe nicht das Gefühl, dass Ganser jenseits dieser Grenze ist», sagt Zehnder. Es liege jedoch nicht an ihm zu beurteilen, ob Ganser im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der Gemeinde auftreten dürfe oder nicht. «Für mich ist die journalistische Neugier stärker als die Frage nach der Grenzziehung», so der Publizist weiter. Man solle Ganser Aufmerksamkeit, aber nicht Glauben schenken. Die Erfahrung zeigt, dass der Saal des Kirchgemeindehauses im Arlesheim mit 300 Plätzen brechend voll sein wird. Daniele Ganser lockt die Massen an.

Umfrage

Der umstrittene Historiker Daniele Ganser referiert in Arlesheim über illegale Kriege und Medienkompetenz. Sollten Gemeinden Verschwörungstheoretikern eine Plattform bieten?

Ja

 
59.0%

Nein

 
41.0%

1210 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 16.05.2018, 07:18 Uhr

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