ARLESHEIM

Privatschule kehrt Arlesheim den Rücken

Noch vor ihrem Start verlegt die geplante Direkt Demokratische Schule ihr Domizil nach Bottmingen – man fühlt sich von den Arlesheimer Behörden im Stich gelassen.

Enttäuscht: Martin Wechsler will trotz Rückschlägen an seiner Idee einer Privatschule festhalten.

Enttäuscht: Martin Wechsler will trotz Rückschlägen an seiner Idee einer Privatschule festhalten. Bild: Joël Gernet

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Martin Wechsler ist enttäuscht und verärgert. Eigentlich hätte die von ihm initiierte Privatschule im Dorfzentrum von Arlesheim entstehen sollen (wir berichteten). Alles sah gut aus: Die Gemeinde signalisierte Wohlwollen und das von Wechsler erstandene Haus erstrahlt nach einer Generalüberholung in frischem Glanz. Doch dann, Ende 2012, verweigerte die Gemeinde der Schule die Standortbewilligung. «Wir waren in Arlesheim nicht willkommen», sagt Wechsler. Der Entscheid kam für ihn völlig überraschend. Der Unternehmer und Pensionskassen-Spezialist versteht nicht, dass die Gemeindeverantwortlichen ihre Meinung nach vielen netten Worten plötzlich geändert haben.

Schüler bestimmen selber

Jetzt, ein halbes Jahr nach dem Rückschlag, sitzt der 55-Jährige in einer leeren Wohnung im Bottminger Gewerbegebiet Wuhrmatt. Die lichtdurchfluteten Räume duften nach frischer Farbe, im Wintergarten stehen Mini-Möbel aus Karton. Noch sind die Kinderzeichnungen auf den Tischlein die einzigen Farbtupfer. Ab August werden hier Kinder jeder Altersgruppe in einer freien demokratischen Schule nach dem Sudbury-Prinzip unterrichtet: Im Zentrum steht dabei die Überzeugung, dass Kinder von Natur aus neugierig sind und am effektivsten lernen, wenn sie ihr Programm selbst bestimmen können.

So gibt es an Sudbury-Schulen normalerweise weder Lernpläne noch Leistungsbewertungen – beim Ableger in Bottmingen stehen allerdings Lernberichte zur Diskussion. Dank der Altersdurchmischung sollen jüngere von älteren Schülern lernen. Kinder und Jugendliche haben mittels Schulversammlung auch bei der Verwaltung ein Mitspracherecht. Verfehlungen von Schülern werden durch ein Justizkomitee aus den eigenen Reihen beurteilt und allenfalls sanktioniert. Weltweit gibt es etwa 35 Sudbury-Schulen. Wechslers «Fokus – selbstbestimmt lernen» ist in der Schweiz in dieser Form einmalig.

Unklare Rechtslage

Dass es in Arlesheim nicht geklappt hat, liegt an der kantonalen Raumplanungspolitik: «Herr Wechsler wollte eine Schule in einer Wohnzone errichten, das wird im Kanton gemäss bisheriger Praxis nicht zugelassen», erklärt René Häner, Leiter Raumplanung, Bau und Umwelt (RBU) in Arlesheim. «Ich verstehe die Enttäuschung – von der Standortpolitik her hätte Arlesheim diese Schule sehr gut getan.» Nun ist es nicht so, dass Wechsler das Haus an der Baslerstrasse ohne vorherige Überlegungen gekauft hat. Unter anderem liess er ein juristisches Gutachten erstellen. «Es gibt Bundesgerichtsentscheide, die besagen, dass es in Wohnquartieren Privatschulen geben darf», erklärt der Ökonom. Zudem hätten ihm Gemeindevertreter signalisiert, dass die Schule als «nicht störender Kleinbetrieb mit maximal vier Mitarbeitern» deklariert werden könnte.

Unter diesen Vorzeichen liess Wechsler das Haus für mehrere Hunderttausend Franken sanieren. Fühlt sich Wechsler von der Gemeinde verschaukelt? «Ja!», sagt er ohne zu zögern. Dann zeigt er ein Dokument des kantonalen Amts für Raumplanung. «Merkblatt Lärm-Empfindlichkeitsstufen» steht darauf. «Das ist wie eine Bibel für die Bauplaner – und für die Behörden hoch und heilig.» Was Wechsler besonders stört: Das kantonale Markblatt ist, wie der Name andeutet, juristisch nicht verbindlich. Dass er nun – um Recht zu bekommen – gegen derartige Bestimmungen gerichtlich vorgehen müsste, findet der 55-Jährige ungeheuerlich. «Rechtsleere Räume werden von Behörden mit Merkblättern ohne juristische Legitimierung zureguliert.» Aus Angst vor einem Präzedenzfall habe die Gemeinde ihren Handlungsspielraum nicht ausgenutzt.

Gemeinde würde gerichtliche Lösung begrüssen

René Häner von der Arlesheimer Baudirektion entgegnet: «Wir hatten sehr gute Gespräche mit Herrn Wechsler, aber wenn wir sein Gesuch gutgeheissen hätten, wäre der Entscheid vom Kanton korrigiert worden.» Verstecken sich die Gemeindeverantwortlichen also hinter der kantonalen Praxis? Häner macht jedenfalls keinen Hehl daraus, dass auch er mit der rechtlich schwammigen Lage nicht glücklich ist: «Auf der Gemeinde wäre niemand dagegen, wenn Herr Wechsler den Rechtsweg beschreiten würde», Im Gegenteil: «Wir hätten diesen Schritt begrüsst – ein Gerichtsentscheid würde uns bei der Rechtssicherheit in der Bewilligungspraxis helfen.»

Aber Martin Wechsler denkt nicht daran, die Sache weiterzuziehen. «Vor Gericht zu sein, ist nicht produktiv – wir wollen vorwärts kommen.» Deshalb hat sich der Unternehmer in den letzten Monaten nicht um allfällige juristische Schritte, sondern um einen neuen Standort seiner freien demokratischen Schule bemüht. Mit Erfolg. Durch Mundpropaganda erfuhr die Bottminger Gemeindepräsidentin Anne Merkofer-Häni vom Platzproblem der Sudbury Schule. «Die Gemeinde hat uns wunderbar unterstützt – auch in Sachen Standort- und Umnutzungsgenehmigung», sagt ein sichtlich erleichterter Wechsler. Dass seine Schule jetzt in einer Wohn- und Geschäftszone ihr Domizil hat, stört ihn nicht: Die 10er-Tramlinie liegt wenige Gehminuten entfernt, zudem kann man auf eine Turnhalle und einen Waldspielplatz zurückgreifen.

Alternative zu Volksschule

Einziger Wermutstropfen: Wegen des Standortwechsels startet der Unterricht am 12. August nach jetzigem Stand lediglich mit zehn Kindern im Alter zwischen 5 und 13 Jahren. Unter ihnen auch Wechslers fünfjährige Tochter. Allerdings sei es ihm nicht in erster Linie um seine Tochter gegangen, sondern darum, dass es eine Alternative zu Staatsschulen gibt. Die Volksschule geht in seinen Augen zu wenig auf die Entwicklung und Bedürfnisse der Schüler ein. Dass sein Konzept funktioniert, davon hat er sich kürzlich beim Besuch einer Sudbury-Schule in Hawaii versichert. «Mich haben diese selbstbewussten Kinder mit ihren strahlenden Augen fasziniert», sagt Wechsler. Auch seine Augen strahlen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.06.2013, 10:16 Uhr

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Sudbury-Schüler mit der grössten Freiheit

Die in Bottmingen gelegene Direkte Demokratische Schule ist das erste Sudbury-Angebot der Schweiz. Das Schulmodell basiert auf der 1968 in Massachusetts gegründeten Sudbury Valley School. Im Zentrum steht die Überzeugung, dass Kinder von Natur aus neugierig sind und am effektivsten lernen, wenn sie ihr Programm selbst bestimmen können. Dabei ist auch das praxisnahe Erleben der Lernbereiche wichtig. An Sudbury-Schulen haben Kinder und Jugendliche mittels Schulversammlung auch bei der Verwaltung Mitspracherecht. Verfehlungen von Schülern werden durch ein Justizkomitee aus den eigenen Reihen beurteilt und allenfalls sanktioniert. Weltweit gibt es etwa 35 Sudbury-Schulen.

Vergleichbare regionale Lernangebote mit Fokus auf die individuelle, ganzheitliche Entwicklung eines Kindes bieten die Montessori-Schule (Basel) und die Rudolf Steiner Schulen (Basel, Münchenstein, Aesch). Auch bei diesen Systemen gibt es keine Benotung der Schüler. Das Montessori-Modell beinhaltet wie die Sudbury-Schulen eine Altersdurchmischung und selbstbestimmtes Lernen. An der Basler Montessori-Schule sind Beurteilungsgespräche sowie Lernbericht üblich. Von den hier besprochenen Modellen kommt die Rudolf Steiner Schule dem staatlichen Angebot am nächsten. Aber auch bei ihr ist das eigenaktive, entdeckende Lernen von zentraler Bedeutung. Allerdings gibt es Lehrpläne und Zeugnisse, die nicht auf Noten, sondern auf individuell formulierten Beurteilungen basieren. jg
www.fokus-selbstbestimmt-lernen.ch

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