Zwingen

Schöner Abschied trotz kläglichem Ende

Bald wird die Papierfabrik Zwingen abgerissen. Ein spezielles Fest soll ihre Geschichte lebendig halten.

Kurz nach dem Aus. Seit dem Jahr 2004 steht die Produktion in der Fabrik endgültig still. Foto Dominik Plüss

Kurz nach dem Aus. Seit dem Jahr 2004 steht die Produktion in der Fabrik endgültig still. Foto Dominik Plüss

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Stacheldraht an den verriegelten Eingängen, überwucherte Bahngleise und eine fast schon gespenstische Stille – die einst so stolze «Papiri» Zwingen ist seit elf Jahren nur noch eine ausgehöhlte Geisterfabrik. Ende August soll sich das ändern. Für eine kurze Zeit wird das Areal mit dem Living-Memory-Festival wieder zum Leben erweckt.

Vor dem baldigen Abriss der Werkgebäude werden in der Papierfabrik, dem Schlossareal und dem angrenzenden Gelände Kunstwerke und Performances zu sehen und zu hören sein, die auf die Bedeutung und Geschichte der «Papiri» eingehen. Auch Schüler der Sekundarschule Zwingen und des Gymnasiums Laufen leisten einen Beitrag zu der Ausstellung, die gleichzeitig auch ein Dorffest wird. «Die Fabrik hat hier mehrere Generationen geprägt. Ich finde Living Memory eine gute Idee. Da die Spuren der ‹Papiri› bald verschwinden, kann das Festival vielleicht sogar etwas Trauerarbeit leisten», sagt Benno Jermann, der bis vor Kurzem Gemeinde­präsident von Zwingen war und im OK von Living Memory sitzt.

Der Gründer der Holzstoff- und Papierfabrik Zwingen war der Dornacher Unternehmer Otto Erzer, der zuvor bereits in Österreich, in der Bukowina, in Frankreich und Belgien in der Papierbranche tätig war. Zurück in der Schweiz, baute der 52-Jährige 1913 die «Papiri» auf dem Schlossgut von Zwingen, zu dem auch viele Wiesen und Felder gehörten. Ein Entscheid, der das eher arme Dorf für immer verändern sollte. Denn mit dem Bau der «Papiri» wurde aus Zwingen ein Industrie- und Gewerbestandort.

Granatsplitter im Holz

Die Fabrik war für die damalige Zeit ein Megaprojekt. Von Hand zähmten die Arbeiter die Birs, hoben, mit den Füssen tief im Sumpf stehend, einen ein Kilometer langen Kanal aus. Danach konnten die Maschinen mit der neu gewonnenen Wasserkraft sowohl mechanisch als auch elektrisch angetrieben werden.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges verzögerte jedoch den Start der Produktion. Drei Jahre nach dem Landkauf wurde endlich das erste Papier hergestellt, welches dank der hohen Qualität rasch guten Absatz fand. Bald wurde jede dritte Schweizer Zeitung auf Zwingener Papier gedruckt. Ging es dem Zeitungsmarkt gut, florierte auch die «Papiri». Die Kehrseite der Medaille war, dass die Verleger indirekt das Sagen hatten und diese Macht auch nutzten.

Bereits 1921 konnte eine zweite Papiermaschine angeschafft werden. Besonders stolz war man in Zwingen darauf, dass auch das Papier für das Telefonbuch dort hergestellt wurde. Die «Papiri» war mittlerweile, hinter Keramik Laufen, der zweitgrösste Arbeitgeber im Laufental, der zu seinen Blütezeiten 270 Angestellte beschäftigte.

Die zunehmenden Transportmengen waren bald durch die Pferdewagen nicht mehr zu bewerkstelligen. Und so wurden Anfang der 30er-Jahre Geleise und eine Eisenbahnbrücke über die Birs gebaut, welche die «Papiri» mit dem Schienennetz der SBB verbanden. Auf diesem Weg wurde Holz aus allen möglichen Ländern importiert, was manchmal zu unvorhergesehenen Problemen führte. Wie dem Laufentaler Jahrbuch und der Zwingener Heimatkunde zu entnehmen ist, waren manche Lieferungen aus dem Elsass und Süddeutschland mit Granatsplittern aus dem Weltkrieg gespickt, was den Steinen der Holzschleiferei nicht guttat und die Schleifwerkzeuge explosionsartig bersten liess.

Papier wurde auch während den Kriegsjahren benötigt. Da jedoch viele Arbeiter Militärdienst leisteten, mussten die Daheimgebliebenen zwischen 1939 und 1945 ihre Schichten oft verdoppeln. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die «Papiri» einen weiteren rasanten Aufschwung.

Das Los der Rucksackbauern

Der Lohn eines Arbeiters betrug damals 70 Rappen bis 1.10 Franken pro Stunde, die Frauen erhielten nur die Hälfte. Eine Gewerkschaft wurde gegründet, welche die Arbeitsbedingungen wie beispielsweise die Regelung der Sonntagsarbeit verbesserte. «Die meisten Arbeiter waren Kleinbauern, die nebenbei arbeiten mussten, um durchzukommen. Man nannte sie die Rucksackbauern», sagt Markus Jermann, der sowohl Präsident des Living-Memory-OKs als auch des Schlossvereins Zwingen ist. Als die Schweiz der Europäischen Freihandelsassoziation (Efta) beitrat und später auch das Papierkartell zerschlagen wurde, erhielt die «Papiri« starke Konkurrenz aus dem Ausland, welche ihre Produkte nun zollfrei in die Schweiz liefern konnte. Doch das Unternehmen hielt sich zunächst auf dem Markt.

1981 wurde die «Papiri», wohl auf Drängen der Verleger, überraschend an die Papierfabrik Biberist (Biber Holding) verkauft. Diese hatte bereits neun Jahre zuvor die, 1928 ebenfalls von Erzer gegründete Papierfabrik Laufen übernommen und wenige Jahre später geschlossen. Zunächst herrschte trotzdem grosse Freude. Die Biber-Gruppe versprach, 100 Millionen Franken in Zwingen zu investieren. Die neue Strategie: Altpapier-Recycling. Doch dann verspekulierte sich die Biber Holding im Ausland und der Ausbau wurde gestoppt.

1991 schrieb das Unternehmen 12 Millionen Franken Verlust. 1992 wurden 150 der 230 Mitarbeiter entlassen. Zwei Jahre später beschloss die Biber Holding die Schliessung.

Die Retter aus Deutschland

Pünktlich zur Weihnachtszeit geschah jedoch ein kleines Wunder. Die Berliner Herlitz-Gruppe stieg mit einer Drittelbeteiligung ein. Den Rest teilten sich je zur Hälfte die Banken (als Schuldner) und das Management. Doch auch Herlitz verspekulierte sich im Ausland und trennte sich von der «Papiri». Das Management übernahm das Ruder. 2004 war dann allerdings endgültig Schluss.

Als Gründe für das Scheitern wurden schwankende Preise, der Einbruch des Inseratemarktes und die Verteuerung des Altpapiers genant. Zudem stand immer noch die Forderung des Kantons nach Verbesserungen bei der Abwasserreinigung im Raum, die zuvor sogar zu einem Streit und einem Ultimatum geführt hatte. 125 Angestellte verloren ihre Arbeit. «Die Schliessung war für die Gemeinde ein Schock und der Vollzug schmerzlich», erinnert sich Benno Jermann.

Bereits Jahre vor dem endgültigen Ende hatte die Gemeinde Zwingen die Schlossanlage und den ehemaligen Holzplatz erworben. Der Rest des idyllisch gelegenen Geländes wird noch immer durch die Nachlassverwaltung betreut. Doch das wird sich wohl bald ändern. Mittlerweile wurde mit der Gemeinde ein Teilzonenplan erarbeitet, der vom Regierungsrat genehmigt wurde. Aus der Industrie- wurde eine Mischzone mit Gewerbe- und Wohnraumnutzung. Das brachliegende, 120'000 Quadratmeter grosse Areal wird nun verkauft.

Vielversprechende Zukunft

Obwohl die «Papiri» massgeblich am Aufschwung von Zwingen beteiligt war, gestaltete sich das Verhältnis zwischen den Fabrikverantwortlichen und der Gemeinde nicht immer einfach. Dank ihrer Dominanz konnte die Papierfabrik fast all ihre Begehrlichkeiten durchdrücken und in Zwingen massgeblich mitbestimmen. Die Abwasser der Anlage belasteten die Birs und das Schloss war wegen der «Papiri» lange für die Öffentlichkeit unzugänglich. «Grundsätzlich war die Fabrik jedoch kein Feindbild, sondern wurde von der Bevölkerung positiv gesehen», sagt Benno Jermann.

Dass die Zwingener ihr Schloss wieder betreten durften, ist dem Schlossverein zuzuschreiben. Nun will der Verein zu seinem 40. Jubiläum mit Living Memory auch die Papierfabrik, zumindest temporär, für die Bevölkerung öffnen. Als Partner konnte der Schlossverein die Schule für Gestaltung und Kunst Basel gewinnen. Das Budget liegt bei 195?000 Franken. Knapp 150?000 sind dank Beiträgen von Stiftungen, dem Swisslosfonds, der Gemeinde und dem Schlossverein bereits gedeckt.

Zurzeit ist das OK auf der Suche nach Kleinsponsoren. Für ein Abschiedsbuch, welches sowohl historische als auch aktuelle Themen aufarbeitet und auch die Kunstobjekte für die Nachwelt festhält, wird zurzeit auf der Fundraising-Plattform wemakeit.com Geld gesammelt. «Wir wollen uns verabschieden, die Bedeutung der ‹Papiri› hervorheben, aber auch in die Zukunft schauen», sagt Markus Jermann. Denn der Architekt ist überzeugt: «Dieses Gelände hat für die Zukunft riesiges Potenzial.»

Weitere Informationen zu Living Memory unter: www.schlossvereinzwingen.ch (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.08.2015, 15:03 Uhr

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