ARLESHEIM

Starke Burschen und ein gelassener Stier

Über 4'500 Zuschauer sahen am Sonntag am 104. Nordwestschweizerischen Schwingfest in Arlesheim, wie sich die «Bösen» im Sägemehl duellierten.

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Gleich beim Eingang zum Nordwestschweizer Schwingfest in Arlesheim sind kleine Viehgatter, hier warten der Muni Eremit, das Rind Banca, das Fohlen Gipsy, die Sau Dömli auf die Sieger. Ihm sei es eigentlich egal, wer ihn gewinnt, meint Eremit; er täte einfach gut daran, dann kein rotes Hemd anzuhaben. Das ist nicht zu befürchten; es dominieren die typischen blassblauen Bauernhemden mit den schönen Webmustern – und natürlich die Zwilchhosen, oft über Jeans gestülpt, die es «anzugreifen» gilt.

Zwischen den vier Kampfplätzen, die heimelig nach Sägemehl duften, spielen drei Alphornbläser, ein Fahnenschwinger zeigt seine Künste. Kinder rutschen in Kartonschachteln, in denen wohl zuvor Bratwürste herbeigebracht worden sind, die Halfpipe hinunter. Auf den Rückseiten gelber Leibchen stehen lustige Sachen wie «Muni Hueter» oder «Eremit Fan». Dies sei, erzählt einer der Leibchenträger, eine Art Witz – Werbung an Schwinganlässen sei eidgenössisch verboten, da habe man eben etwas anderes draufgeschrieben.

Werbeverbot lässt Vereine darben

Stimmt, auf das Fell des Rindes war, obwohl es Banca heisst, kein stilisiertes rotes «K» auf weissem Hintergrund gesprüht worden. Und es ist weit und breit keine Bandenwerbung zu sehen. Nicht nur gut sei das, meint der Leibchenträger, der sich als Pressechef der Veranstaltung outet, denn die kleineren Schwinganlässe hätten weniger finanzielle Sorgen, wenn sie werben dürften. Aber ein Schuss Radikalität gehört eben zum Schwingen. So meint denn auch der Präsident des Nordwestschweizer Schwingerverbandes, Daniel Dreier, in seiner Ansprache, man hätte bei aller Rationalität, welche die wirtschaftliche Lage gebiete, auch zu den Traditionen zu stehen, und in beiden Bereichen sei heute in diesem Staat (der Eidgenossenschaft) mit halbbatzigen Sachen kein Staat zu machen.

Eine flotte Musik marschiert herbei, gefolgt von Trachtenfrauen und Männern in samtenen Sennenkutteli und den berühmten flachen Hüten. Ein hübsches Trachtenmädchen hat unverkennbar asiatische Gesichtszüge; die Tracht steht ihr gut. Die Musik spielt Variationen zu «z’ Basel an mim Rhy». «Am Platz zwöi hei zämegriffe» scheppert es aus den Druckkammerlautsprechern; es folgen die Namen, natürlich immer in der Reihenfolge Familienname-Vorname. Nach jedem Sieg – Siege folgen sich Schwung auf Schwung – schütteln sich die Schwinger die Hand, putzt der Sieger dem Unterlegenen das Sägemehl von der Schulter.

Nacken fast wie Eremit

Dennoch lassen viele Schwinger das Sägemehl noch etwas auf sich ruhen. Man sieht dann, dass sie gekämpft haben, wenn sie sich später aufrecht durchs Publikum bewegen, vorbei an weiblichen Fans, deren lustig kicherndes Schnattern plötzlich verstummt, wenn so ein Mannsbild vorbeigeht, dessen Nacken demjenigen von Eremit kaum nachsteht.

Im sechsten Gang tritt der Schwingerkönig, Wenger Kilian, ein letztes Mal an. Er wird mit Applaus begrüsst, ohne jeden Überschwang. Im Schwingsport gibt es keinen Starkult; es sind einfach Kameraden, sie kennen einander. Sie teilen ihre Liebe zu diesem liebenswürdigen Kampfsport und ihre Neigung zu Extremkurzhaarfrisuren. Der Sprecher kündigt in eidgenössischem Brustton die Besucherzahl an: 4'521. Wenig später korrigiert er: Es seien nur 4'500; es seien versehentlich ein paar Badegäste mitgezählt worden. Einige der 21 Frauen stehen im Bikini am Drahtzaun und schauen neugierig aufs Festgelände.

Es wird Sonntagabend, das Schwingfest neigt sich dem Ende zu, ein paar wenige Regentropfen machen nichts aus. Eremit hat sich widerkäuend hingelegt. Auf die Frage, ob er sich denn überhaupt nicht für den Schwingsport interessiere, schüttelt er bedächtig den breiten Kopf und meint, mit ihm könne es ohnehin keines dieser jungen Bürschchen aufnehmen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 15.08.2011, 13:29 Uhr

104. Nordwestschweizerische Schwingfest

Schlussgang. Bruno Gisler (Rumisberg) und Daniel Bösch (Sirnach) stellen nach 12 Minuten. – Rangliste. 1. Gisler 57,75. 2. Kilian Wenger (Horboden), Mario Thürig (Möriken) und Cedric Huber (Pratteln) je 57,50. 3. Andreas Henzer (Allschwil), Marcel Kropf (Mümliswil) je 57,25. 4. Bösch, Thomas Zindel (Günsberg), Martin Glaus (Schänis) und Edi Kündig (Ibach) je 57,00.
Weitere Regionale mit Kranz: 5. Remo Kocher (Hofstetten), Michael Henzer (Basel), Christophe Löw (Itingen) und Michael Gschwind (Hofstetten) je 56,75. 6. Roland Fischer (Wintersingen) 56.50.

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