«Das letzte Abendessen ist oftmals ein fröhlicher Anlass»

Die Stiftung «lifecircle» von Hausärztin Erika Preisig begleitet den Australier David Goodall in den Freitod.

«Menschen, die sich so für die Legalisierung der Sterbehilfe einsetzen, sollte es mehr geben.» Erika Preisig ist Herrn Goodall für seine Medienpräsenz dankbar.

«Menschen, die sich so für die Legalisierung der Sterbehilfe einsetzen, sollte es mehr geben.» Erika Preisig ist Herrn Goodall für seine Medienpräsenz dankbar. Bild: Boris Gygax

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BaZ: Frau Preisig, ein 104-jähriger Australier fliegt in Schweiz, um zu sterben. Dieser Fall sorgt weltweit für Aufsehen. Woran liegt das?
Erika Preisig: An seinem Alter; selten wird jemand 104 Jahre alt. Und daran, dass er die Freitodbegleitung eigentlich in Australien in Anspruch nehmen wollte. Als Wissenschaftler findet er es vollkommen daneben, dass dies in seinem Land nicht möglich ist.

Ihre Stiftung, lifecircle, wird David Goodall in den Freitod begleiten. Wie kam der Australier auf Sie?
Ich denke, er ist im Internet oder bei Ex International (einer internationalen Sterbehilfe-Vereinigung) auf uns gestossen. Wissen tue ich es nicht, wir fragen nicht nach.

Wie beurteilen Sie es, dass ein Mensch so weit fliegen muss, um zu sterben?
Dies ist der einzig negative Punkt an der Freitodbegleitung: dass die Leute zum Sterben in die Schweiz kommen. Deshalb habe ich nach sechs Jahren aufgehört, bei Dignitas zu arbeiten. Ich konnte dort nicht viel gegen den Sterbetourismus unternehmen. Mit meiner Stiftung ist das nun möglich, indem wir Menschen wie Herrn Goodall helfen. Ich bin sehr froh, wenn diese Personen sich öffentlich zu den rückständigen Gesetzen betreffend Sterbehilfe in ihren Ländern äussern.

David Goodall trifft demnächst in Basel ein. Wie ist der weitere Ablauf?
Er wird zunächst in einem Hotel in Basel wohnen. Vor dem Termin wird er von zwei unabhängigen Ärzten beurteilt. Am wichtigsten ist die Urteilsfähigkeit des Patienten. Eine Fremdbeeinflussung muss ausgeschlossen werden können. Ich gehe davon aus, dass die Beurteilung der Ärzte positiv ausfällt und sie ihr Einverständnis für den Freitod geben. Danach kommt David Goodall in unsere Begleitwohnung in Liestal. Üblicherweise richten die Angehörigen noch ein letztes Abendessen aus. Meist sind die Betroffenen so glücklich darüber, endlich gehen zu dürfen, dass dies regelrecht fröhliche Ereignisse sind. Herr Goodall im speziellen Fall wird besonders glücklich und dankbar sein, wie ich ihn einschätze. Der Freitod schliesslich erfolgt, indem Herr Goodall sich eine Infusion zuführt, die eine tödliche Überdosis an Narkosemittel in seinem Körper freisetzt. Nach 30 Sekunden schläft er ein, innert vier Minuten kommt es zum Herzstillstand. Für seine Angehörigen ist dies eine erleichternde Erfahrung, da der Betroffene nicht leidet und sie ihm bis zuletzt die Hand halten können.

Wird der Australier anschliessend in Baselland bestattet?
Nein, seine Asche wird heimgeschickt. Das ist so üblich und auch im Preis inbegriffen. Die Begleitung eines Menschen in den Freitod ist für mich erst dann abgeschlossen, wenn die Asche wieder zu Hause bei seinen Verwandten ist. So wird die Würde des Verstorbenen gewahrt.

Halten Sie die Bilder, auf denen sich Herr Goodall am Flughafen von seinen Liebsten verabschiedet, nicht für etwas befremdlich?
Nein. Befremdlich wäre für mich, wenn er sich von einem Hochhaus stürzte, ohne sich von seinen Verwandten zu verabschieden. Ich finde es auch nicht befremdlich, dass er diesen Abschied bewusst inszeniert. Er möchte erreichen, dass Australier in Zukunft nicht mehr in die Schweiz reisen müssen, um einen Freitod einzugehen und davor habe ich den grössten Respekt. Menschen, die sich so für die Legalisierung einsetzen, sollte es mehr geben.

Vor rund einem Monat berichtete die BaZ über ein Strafverfahren, das gegen Sie lief, weil Sie die tödlichen Medikamente für ihre Patienten besorgen und damit eine aktive Rolle beim Freitod einnehmen würden. Musste Herr Goodall die tödlichen Medikamente nun selbst in der Apotheke holen gehen?
Nein, das ist kein Problem mehr. Die Staatsanwaltschaft hat akzeptiert, dass wir die Medikamente wieder für unsere Patienten abholen dürfen.

Wie, denken Sie, wird der Fall von der Bevölkerung aufgenommen? Trifft er auf Verständnis oder eher auf Ablehnung?
Ich vermute, dass der Fall Goodall von 75 Prozent der Bevölkerung positiv aufgefasst wird. Es gibt einen religiösen Teil, der Freitodbegleitungen kategorisch – ja fast schon fanatisch – ablehnt. Die Mehrheit aber versteht das Anliegen von David Goodall, davon bin ich überzeugt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.05.2018, 16:19 Uhr

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