Das verweigerte Vaterrecht

Michael Ghebremeskel kämpft gegen die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Kesb für sein Recht. Doch Der Kampf um das Sorgerecht ist zu einer Paragrafenschlacht ausgeartet.

Kinderzimmer ohne Kinder: Michael Ghebremeskel in seiner Wohnung in Reigoldswil.

Kinderzimmer ohne Kinder: Michael Ghebremeskel in seiner Wohnung in Reigoldswil. Bild: Kostas Maros

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Wäre Michaels Ghebremeskels Geschichte ein Märchen, müsste man sie so erzählen: Eine Mutter flieht erfolgreich von einem bösen Diktator und erreicht ein sicheres, reiches Land. Dort stirbt sie unerwartet und hinterlässt drei kleine Kinder. Glücklicherweise taucht der verschollen geglaubte Vater (Michael Ghebremeskel) auf und nimmt die Knaben zu sich. Die vier leben glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.

Die Realität sieht anders aus. Der unerwartete Tod vom Ghebremeskels Frau Zufan war ein Selbstmord. Die Eritreerin erhängte sich in der Psychiatrie Baselland nach einem gescheiterten Ausschaffungsversuch. Der von den Behörden für verschwunden gehaltene Vater Michael Ghebremeskel tauchte zwar tatsächlich unverhofft auf und wollte auch unbedingt seine Kinder zu sich nehmen, trotzdem leben die drei Knaben seit November 2012 getrennt in zwei Pflegefamilien.

Der Kampf um das Sorgerecht ist zu einer Paragrafen- und Schlammschlacht ausgeartet, in welcher der gesunde Menschenverstand nur noch eine nebensächliche Rolle zu spielen scheint (siehe Box). Die Folge: Seit sechs Monaten sieht der Vater seine Kinder gar nicht mehr.

Ehe ist rechtlich nicht anerkannt

Der vorerst letzte, aber nicht finale Akt spielt am Baselbieter Kantons­gericht. Dieses hält in einem Urteil fest, dass Michael Ghebremeskel zwar erwiesenermassen der biologische Vater ist, jedoch rechtlich nicht als Vater gilt. Seine christlich-orthodoxe Trauung mit Zufan in Italien, gilt nicht als gültig geschlossene Ehe. Zudem erfolgte die Heirat nach der Geburt der Kinder. Die von Ghebremeskel be­kämpfte Vormundschaft sei somit die einzige Lösung. Auf das Gesuch als vorsorgliche Massnahme das Besuchsrecht wieder zu erlassen, tritt das Kantonsgericht gar nicht ein – vorsorgliche Massnahmen gelten nur für die Dauer des gerichtlichen Verfahrens, und dieses sei in der Hauptsache beendet.

Ghebremeskel hat gegen das Urteil Beschwerde beim Bundesgericht eingereicht. Als Flüchtling aus einem diktatorischen Land könne er die geforderten Dokumente für eine Vaterschaftsanerkennung nicht besorgen. Angesichts der erwiesenen Vaterschaft und dem klar geäusserten Anerkennungswillen des Vaters sei dies überspitzter Formalismus, heisst es in der Beschwerde. Wann das Urteil in Lausanne gefällt wird, weiss der Eritreer nicht.

«Diese ganze Sache lässt mir keine Ruhe. Es geht mir sehr schlecht», sagt Michael Ghebremeskel. Seine ganze Hoffnung setzt er auf Ernst Madörin. Der Unternehmer aus Seltisberg hat den Kampf des Eritreers längst zu seinem eigenen gemacht. Er hat Ghebremeskel einen Anwalt besorgt, und schiesst selber, in einem öffentlich verteilten Flyer, aus vollen Rohren gegen die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb), eine der Pflegefamilien und sogar gegen Regierungsrat Isaac Reber (siehe Box). «Manchmal braucht es halt etwas scharf Geschriebenes, damit endlich etwas geschieht», findet Madörin. Die Hauptschuld sieht er bei der Kesb. Er ist überzeugt, dass die Behörde mit «dieser Zeitschinderei» neue Fakten schaffen will. «Die Kinder binden sich so immer mehr an die Pflegefamilien», hatte Madörin bereits im März gesagt. Damals durfte Michael Ghebremeskel seine Kinder noch besuchen.

Nur mit Anwalt zur Behörde

Obwohl die Verfügung der Kesb Laufental vom Kantonsgericht gestützt wurde und diese nun eine Vormundin einsetzen darf, ist auch die Behörde selber nicht glücklich mit der verfahrenen Situation: «Dieser ganze juristische Hickhack bringt uns auf eine Ebene, die der Sache der Eltern-Kind-Beziehung sicher nicht dienlich ist», sagt Leiter Luca Giacobini. Wie die Kesb nun weiter vorgeht, ob das Ziel noch immer die behutsame Zusammenführung der Familie ist, dazu dürfe er sich aufgrund des Amtsgeheimnisses auch weiterhin nicht äussern. Generell könne er jedoch sagen: «In einer solchen Situation müssen alle Parteien bereit sein, miteinander zu sprechen.»

Doch genau daran scheint es zu hapern: «Reden war gar nicht mehr möglich. Ich habe ihm auch stark davon abgeraten ohne Anwalt zur Kesb zu gehen. Dort wird er nur zu seinem Nachteil indoktriniert», sagt Madörin. Er und Ghebremeskel setzen auf den juristischen Weg. «Wenn es sein muss, gehen wir bis nach Strassburg. Michael ist weder Alkoholiker, noch hat er seine Kinder irgendwie misshandelt. Er muss sie einfach zurückbekommen!» (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.10.2014, 09:52 Uhr

Chronologie einer Abwärtsspirale

Am 17. November 2012 erhängt sich die Eritreerin Zufan nach einem gescheiterten Ausschaffungsversuch in der Psychi­atrie Baselland.

Ihren Ehemann Michael Ghebremeskel hatte sie aus asyltaktischen Gründen verschwiegen. Die drei Buben werden in verschiedenen Pflegefamilien platziert. Einen Tag bevor sie sich umbringt, ruft sie ihren Ehemann verzweifelt an. Dieser reist sofort nach Liestal. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie Baselland beschreibt den Eritreer als einfühlsam und anpassungsfähig. Es wird empfohlen, dass die Kinder demnächst beim Vater platziert werden, falls er ein gesichertes Aufenthaltsrecht hat. Dieses erhält Ghebremeskel.

Doch die Fronten verhärten sich. Die Kesb, Ghebremeskel und sein Mitstreiter Ernst Madörin haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was für die sieben, sechs und vier Jahre alten Buben das Beste ist. Die Kesb will den Übergang von der Pflegefamilie zum Vater behutsam gestalten – einen Zeitrahmen gibt es nicht. Sie streicht heraus, dass die Kinder schon früher mehrmals über Monate vom Vater getrennt lebten. Die Kinder hätten nun bei den Pflegefamilien einen einigermassen sicheren Hort.

Vater will Sorgerecht erstreiten

Ghebremeskel hätte seine Kinder am liebsten sofort bei sich. Er fürchtet eine Entfremdung, wenn er sie nur an einem Nachmittag pro Woche sehen kann. Ghebremeskels Anwalt reicht für ihn Beschwerde um Beschwerde ein. Doch die Situation verbessert sich nicht. Die Buben sollen eine Vormundin erhalten, da Ghebremeskel noch immer mangelndes Vertrauen in die schweizerischen Institutionen zeige und eine Vormundschaft deshalb die angemessenste Lösung sei. Auch dagegen wehrt sich der Vater. Er will das Sorgerecht.

Obwohl Ghebremeskels biologische Vaterschaft mittlerweile belegt ist, darf er seine Kinder seit April gar nicht mehr besuchen. Die Kinder seien durch die Art und Weise der Wiederannäherung überfordert und reagierten mit Verhaltensauffälligkeiten und grossem Widerstand. Bei einer Weiterführung der Besuche im bisherigen Rahmen sei das Kindswohl der Kinder gefährdet, heisst es in einem Bericht der Kesb. Für Ernst Madörin ein klares Zeichen der Entfremdung, welche die Kesb zu verschulden habe.

Eine Beschwerde gegen diesen Entscheid wurde, mit dem Verweis auf das Wohl der Kinder, vom Kantonsgericht abgewiesen.

Dabei spiele es keine Rolle, ob die derzeitige Situation durch das Verhalten des leiblichen Vaters zustande gekommen sei oder nicht. Ghebremeskel hat die Verfügung über die Einsetzung einer Vormundin und die Sistierung des Besuchsrechtes vor Bundesgericht angefochten. Ernst Madörin hat Strafanzeige gegen den Präsidenten der Kesb Laufental wegen Amtsmissbrauchs eingereicht. Zudem hat er einen Flyer verteilt, indem er eine der Pflegefamilien als Räuberhöhle, den Leiter der Kesb als Lügner und Justizdirektor Isaac Reber als überlastet beschreibt. dis

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