Der Mörder von Höngg läuft in Basel frei herum

Vor zehn Jahren hat L.W. eine 16-Jährige erschossen. Heute trifft er sich wieder mit Frauen – das Gesetz lässt es zu.

Nachts um vier: L.W. streift durch die Strassen von Binningen.

Nachts um vier: L.W. streift durch die Strassen von Binningen.

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Auf der Tonaufnahme sind zuerst Schritte zu hören. Marianne* hat aus Angst auf dem Handy den roten Knopf für «Record» gedrückt und geht auf den Mann zu, der ein paar Meter entfernt vor ihr steht. «Was machst du hier?», fragt sie. Keine Reaktion. Nochmals die gleiche Frage, diesmal energischer. «Was machst du hier, um Viertel vor vier in der Nacht?»

Weil ihr die Szene unheimlich ist, macht Marianne noch ein Foto von dem Mann. Darauf ist der «chilenisch» aussehende Mann zu sehen, kurze schwarze Haare, dunkle Jacke. «Ich warte auf den Zug», antwortet er.

«In Binningen, beim Kronenplatz?! Ich habe dir gesagt, dass ich mit dir keinen Kontakt mehr haben will.»

«Ich mache ja nichts», sagt der Mann ausweichend.

«Und die vorherige Nacht bist du auch vor meiner Wohnung gestanden, um zwei Uhr nachts, und jetzt stehst du schon wieder vor meiner Tür.»

Der Mann schweigt.

Marianne: «Was machst du also?»

Er: «Ich gehe hin und her.»

Marianne: «Warum hast du mich die ganze Zeit angelogen?»

Wieder Schweigen. Dann: «Es tut mir leid.»

Marianne: «Hast du Wahnvorstellungen?»

Er: «Ja.»

Therapie statt Gefängnis

Diese Szene spielte sich vor rund einem Monat ab. Es ist das Ende einer knapp viermonatigen Bekanntschaft, bei der Marianne Stück für Stück entdecken musste, dass der Mann, mit dem sie sich eingelassen hatte, nicht der war, der er vorgab zu sein – sondern der Mörder vom Hönggerberg. Sein Name: L.W.

Rückblende: Am 23. November 2007, vor genau zehn Jahren, erschoss L.W. die ihm unbekannte 16-jährige Coiffeuse-Lehrtochter Francesca an der Bushaltestelle Hönggerberg. L.W. war an diesem Tag aus der Armee entlassen worden und hatte mit seinem Sturmgewehr und einer gestohlenen Patrone wie ein Scharfschütze aus 80 Metern Distanz den Todesschuss abgegeben. Warum gerade auf Francesca, weiss bis heute niemand.

2009 verurteilte das Zürcher Obergericht L.W. wegen Mordes. Der Staatsanwalt sagte damals, L.W. habe die Tat mit einer «aussergewöhnlichen Gefühlskälte» begangen, einer «Geringschätzigkeit des Lebens sondergleichen» und einer «besonders ausgeprägten Hinterhältigkeit». Für seine Tat erhielt der in Chile geborene und vorbestrafte Schweizer 17 Jahre Gefängnis, die in eine therapeutische Massnahme gemäss Artikel 59 des Strafgesetzbuches umgewandelt wurden. Während des gesamten Prozesses konnte L.W. nie erklären, was sein Motiv gewesen war und warum er geschossen hat. «Ich kann die Tat nicht erklären», hatte L.W. vor den Richtern nur gesagt.

Marianne lernte L.W. im Juni in Binningen kennen. Sie wusste nicht, wen sie wirklich vor sich hatte. Er meldete sich für die Teilnahme an der Aktivitätengruppe, die sie ins Leben gerufen hatte. L.W. sei ein sympathischer Mann gewesen, doch bald habe sie herausgefunden, dass irgendwas mit ihm nicht stimmte, erzählt Marianne. «Er konnte sich mit mir nicht verabreden, wie wir wollten. Da gestand er mir, dass er im Gefängnis sei und Rücksicht auf den Freigang nehmen müsse», so Marianne.

Den wahren Grund seiner Haftstrafe aber verschleierte L.W. Er erzählte etwas von einer Schlägerei, in die er in einer Disco geraten sei, weil ein anderer seine langjährige Freundin aufdringlich angemacht habe. Er habe sich nur gewehrt, zu heftig, dafür sei er verurteilt worden. Nun sei er wieder Single und wolle ein neues Leben anfangen, denn seine Freundin sei gestorben – L.W. präsentiert eine Todesanzeige. Alles wirkt echt. Doch etwas machte Marianne misstrauisch. Sie begann über die Frau in der Todesanzeige zu recherchieren und fand heraus: Die Frau lebte noch, und L.W. kannte sie gar nicht. Die Todesanzeige war eine pure Erfindung, um Marianne zu täuschen.

Fast gleichzeitig machte ein Bekannter von Marianne sie darauf aufmerksam, dass L.W. nicht der sei, für den er sich ausgab – sondern der Mörder von Höngg. Er hatte im Internet recherchiert und war auf die zahlreichen Medienberichte gestossen. «Von da an wusste ich nicht mehr, was ich ihm glauben konnte und was nicht, und ich wurde sehr misstrauisch», erzählt Marianne.

Trotzdem ging sie mit ihm zur Gefängnisleitung des Klosterfiechten in Basel, in dem L.W. einen offenen Vollzug geniesst. Dort musste sie dafür bürgen, dass L.W. bei ihr ist, wenn er nicht im Gefängnis einsitzt. Das heisst: Montags, dienstags und mittwochs konnte er nach draussen, donnerstags musste er drinnen sein. Das Wochenende – von Freitag bis Sonntag – verbrachte er draussen. «Es gab keine Fussfesseln, keine Überwachung, gar nichts. Sie fragten nicht einmal danach, was er tat oder er gab einfach etwas an, was nicht stimmte, und war dann bei mir», so Marianne.

Sie erzählt, L.W. arbeite in Zürich, wohne in Basel und baue sich hier jetzt auch einen Kollegenkreis auf; so sei er auch aktiv im Internet. Er sei offenen Gruppen beigetreten, wo sich Männer und Frauen kennen lernen können. Marianne bezweifelt, dass seine neuen Freunde und die Frauen, für die er sich interessiert, wissen, was er für ein Vorleben er hat.

Marianne hatte bei der Leitung des Klosterfiechten interveniert, als L.W. plötzlich nachts vor ihrer Tür gestanden war. Dort habe man ihr nicht glauben wollen, sagt Marianne. Sie stellt sich die Frage, ob ein solcher Mann einfach auf die Gesellschaft losgelassen werden könne. Vor allem die Antwort, dass er unter Wahnvorstellungen leide, hinterlässt bei Marianne ein Unbehagen.

Nachdem Marianne L.W. vor ihrer Wohnung beobachtet hatte, rief sie die Baselbieter Polizei an. Diese habe gesagt, sie könne nichts tun, solange der Mann kein Delikt begangen habe oder keine gerichtliche Wegweisungsverfügung bestehe.

Gesellschaft schützen

Dass L.W. sich nach zehn Jahren in Basel im offenen Strafvollzug befindet, verdankt er einer Einschätzung aus dem Jahr 2014, sieben Jahre nach dem Mord. Gemäss «Tages-Anzeiger» beurteilte damals der Gerichtspsychiater die Rückfallgefahr für ein Tötungsdelikt als «moderat», für Gewaltdelikte als «moderat bis deutlich» und für Gewaltdelikte als «deutlich».

Während des Prozesses attestierte ein Gerichtspsychiater L.W. eine «dissoziale und narzisstische Persönlichkeitsstörung» – solche Störungen seien sehr schwierig zu behandeln, sagt Marc Graf, Direktor der Forensisch-Psychiatrischen Klinik Basel. «Von Heilung kann in solchen Fällen kaum je gesprochen werden. In der forensischen Psychiatrie ist eine Behandlung mit dem Ziel, dass Rückfälle ausgeschlossen werden können, nicht möglich», so Graf.

Dass L.W. bereits im kommenden Jahr mit weiteren Vollzugslockerungen rechnen darf und womöglich nur noch Fussfesseln tragen muss, ist dank einer Lücke im Strafgesetzbuch möglich: Eine Massnahme nach Artikel 59, wie sie L.W. erhielt, dauert in der Regel fünf Jahre, kann jedoch verlängert werden. «Im Einzelfall kann dies dazu führen, dass eine Person, die einen Mord begangen hat, nach zehn Jahren wieder entlassen wird», sagt Rebecca de Silva, Sprecherin des Amts für Justizvollzug des Kantons Zürich. «Die in solchen Einzelfällen wahrgenommene Diskrepanz zwischen Delikt und Strafdauer ist das Ergebnis der aktuell gültigen Gesetzgebung.»

In der Schweiz gelte das Prinzip des Stufenvollzugs, was bedeute, dass in Anbetracht eines absehbaren Entlassungstermins die Vollzugsbedingungen früh genug stufenweise gelockert werden müssten, um den Straftäter auf ein deliktfreies Leben ausserhalb des Vollzugs vorzubereiten, so de Silva. «Deliktrelevante Verstösse bei Vollzugslockerungen können zu einer Rückversetzung in ein geschlossenes Setting führen, wobei die Hürden hierfür vom Gesetzgeber sehr hoch angesetzt sind.»

Zum konkreten Fall von L.W. und ob die Erfahrungen, die Marianne mit dem Mann gemacht hat, irgendwelche Auswirkungen auf die ihm gewährte Freiheit haben, wollen die Behörden nichts sagen. Sie verweisen auf den gesetzlichen Auftrag, einen verurteilten Straftäter während der Strafverbüssung so gut wie möglich auf eine deliktfreie Zukunft in Freiheit vorzubereiten und gleichzeitig die Gesellschaft vor weiteren Straftaten zu schützen.

Dass das eine heikle Gratwanderung sein kann, zeigt der Fall von Fabrice Anthamatten im Kanton Genf: Der Serienvergewaltiger galt als so weit therapiert und wiedereingliederungsfähig, dass ihm Freigang mit einer Sozialarbeiterin und ein Messer gewährt wurden, angeblich zum Auskratzen der Hufe von Therapiepferden. Mit diesem Messer tötete Anthamatten die Frau, nachdem er sie vergewaltigt hatte.

* Name von der Redaktion geändert (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.11.2017, 07:31 Uhr

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