Die Flucht vor dem Alleinsein

Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer (SP) hat stets eine klare Meinung, und die vertritt sie, geschehe was wolle. Nun kämpft sie um ihre politische Existenz.

Ecken und Kanten: Susanne Leutenegger Oberholzer (SP) sagt immer, was sie denkt.

Ecken und Kanten: Susanne Leutenegger Oberholzer (SP) sagt immer, was sie denkt. Bild: Henry Muchenberger

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Sie hält ihren frisch geborenen Grossneffen in den Armen. Sanft küsst sie ihn auf die Schläfe. Dieser zärtliche und sehr private Moment ist in einem Bild festgehalten, das auf der Homepage von Susanne Leutenegger Oberholzer zu finden ist. Es lässt nur ansatzweise erahnen, wie gerne die SP-Nationalrätin aus dem Baselbiet selber Kinder gehabt hätte. Mancher spricht auch «vom Drama ihres Lebens». Die 65-Jährige ist seit geraumer Zeit geschieden. Sie lebt allein in ihrer Wohnung in Augst, die sie selber als Refugium bezeichnet, in das sie sich zurückzieht, um sich zu erholen, um zu lesen oder um für Freunde zu kochen.

Von Freunden spricht SLO oft – wie sie sich selber abkürzt und wie sie in Politkreisen genannt wird. Am glücklichsten sei sie, so schreibt sie auf ihrer Homepage, mit Freunden und viel ­Sonnenschein irgendwo im Süden, fernab vom Alltag, beim Nichtstun. Und wäre sie auf eine einsame Insel verbannt und dürfte weder Partner noch Familie mitnehmen, hätte sie am liebsten ihre Freunde als Begleitung. Auch sagt sie, es gebe im Leben noch anderes als Politik. Wirklich glauben will man ihr das aber nicht. Politik ist ihr Leben. Mit aller Kraft klammert sie sich an ihr Nationalratsmandat, kniet sich voll rein. Mehr denn je. Als müsste sie allen, aber vor allem sich selber beweisen, dass die Ära SLO noch nicht vorbei ist. Als hätte sie Angst vor der Zeit danach, vor dem Alleinsein.

Intrigen und Machtkampf

Die jüngsten Ereignisse im Nationalrat dürften diese Angst verstärkt haben. Ihre fraktionsinterne Wahl zur Vize­präsidentin der einflussreichen Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK) wurde von vielen Neben­geräuschen begleitet. Sie sprach von ­Intrigen, Konkurrenten und einem Machtkampf zwischen dem linken und dem rechten Parteiflügel, angezettelt von Fraktionschef Andy Tschümperlin. Dieser hatte auf eigene Faust die 54-jährige Luzerner Konsumentenschützerin Prisca Heimo-Birrer für das WAK-­Präsidium vorgeschlagen.

Trotz allem setzte sich SLO am Ende durch und freute sich über den Sieg. Ähnlich wie im Juni, als sie im Steuerstreit mit den USA den Bundesrat zwang, Details zur umstrittenen Lex USA zu verraten. Oder als sie ein Jahr zuvor bei der Beratung des Gegenvorschlags zur Abzocker-Initiative praktisch im Alleingang die Einführung der Bonussteuer durchbrachte. Als sie am Telefon über ihren Wahlerfolg sprach, klang ihre Stimme anders als sonst, weicher. Gerührt nahm sie die Gratulation entgegen. Glücklich darüber, für ihre Erfahrung und ihren Einsatz belohnt worden zu sein.

Unsinn und ein Affront

Ihre Freude war nur von kurzer Dauer. Wieder war es Tschümperlin, der den Unmut der Politlady provozierte. In der Sendung des Schweizer Fernsehens «10vor10» sagte der SP-Fraktionschef nur zwei Tage später, Bundes­parlamentarier sollten mit 65 Jahren Jüngeren Platz machen. Die Aussage des Schwyzers löste parteiintern eine Welle der Entrüstung aus. Es sei ein «Unsinn» und ein «Affront gegenüber der älteren Bevölkerung der Schweiz», sagte Leutenegger Oberholzer verärgert. Mehr wollte sie dazu nicht sagen. Auf eine Interview-Anfrage antwortete sie: «Für mich ist die ganze ‹Tschümperlin-Affäre›, wie Sie sie nennen, erledigt.» Auch Tschümperlin schwieg nach der parteiinternen Schelte zum Thema.

Doch ist der SP-Fraktionschef weder der Einzige noch der Erste, welcher der streitbaren Politikerin ihr Alter unter die Nase reibt. In ihrer Kantonalpartei sind einige der Meinung, dass die Zeit reif sei für einen Rücktritt. Vor allem diejenigen, die gerne selber in Bern politisieren würden. Die Baselbieter Juso fordern gar eine Amtszeitbeschränkung von 16 Jahren. Um das WAK-Präsidium antreten zu können, das 2015 der SP-Fraktion turnusgemäss zusteht, müsste Leutenegger Oberholzer bei den Gesamterneuerungswahlen nochmals kandidieren und wäre dann 67 Jahre alt. Sie politisiert bereits seit 1999 für die Sozialdemokraten im Nationalrat. Zuvor sass sie schon von 1987 bis 1991 für die Poch im Bundesparlament.

Aufmüpfige Politikerin

SLO kränken die Diskussionen über ihr Alter, ihre lange Amtszeit und ihre Art. Dass ihr Eifer, Wissen und Engagement zum Vorwurf gemacht werden, kann sie nicht verstehen. Wieso soll es ein Fehler sein, aktiv zu sein? Und dies auch mit 65. «Das kann jeder andere auch tun, wenn er es möchte.» Oder um es mit den Worten ihres Basler Parteikollegen Helmut Hubacher zu sagen: «Mich ärgern vielmehr diejenigen, die nichts tun.» Der inzwischen 87-Jährige sass während 34 Jahren im Nationalrat.

Hubacher erinnert sich an eine Episode aus seiner Zeit als Präsident der SP Schweiz (1975–1990). Damals war Leutenegger Oberholzer noch Mitglied der Poch. Ohne Einladung erschien sie zu einer Pressekonferenz der SP Schweiz zum Thema Umwelt. Sie nahm vorne Platz, und als er sie darauf hinwies, dass sich die Veranstaltung ausschliesslich an SP-Mitglieder richte, liess sie sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie interessiere sich für das Thema, da sei es doch egal, welcher Partei sie angehöre. «So ist Susanne eben.» Manche mögen diese als aufmüpfig empfinden. Doch gute Politiker seien meistens unbequem und nur selten beliebt.

In Bundesbern gibt es kaum jemanden, der so viel arbeitet wie die gebürtige Bündnerin. Sie sei eine «Chrampferin», sind sich Gegner wie auch Freunde einig. Während der Session besetzt sie in der Wandelhalle während der gesamten Dauer ein Pult, an dem sie, wenn sie nicht gerade im Ratssaal sitzt, fast pausenlos arbeitet – und dabei nur ungern gestört wird. Wird sie von einem Journalisten angesprochen, schaut sie kurz auf – die Brille immer auf der Nasenspitze – und winkt dann ab. Sie sei gerade ziemlich im Stress, habe keine Zeit, sagt sie kurz angebunden und vertieft sich dann wieder in ihre Arbeit.

Schaffen, schaffen, schaffen

Wie wichtig arbeiten ist, erfuhr Susanne Leutenegger Oberholzer schon als Kind in ihrer Heimat Chur. Für ihren protestantischen Vater habe es nur eines gegeben: schaffen, schaffen, schaffen. Er wollte sie nicht studieren lassen, weil es nicht dem traditionellen Rollenverständnis entsprach. Zu ihrer Mutter, bei der sie nach der Trennung ihrer Eltern wohnte, schien sie ein anderes Verhältnis zu haben. Sie sei eine gescheite, risikofreudige und charmante Frau gewesen – selbstbewusst und selbstbestimmt. Die Mutter führte nach der Trennung eine Boutique in Chur. Nach der Matur verliess SLO Chur, um in Basel Volkswirtschaft zu studieren. Später absolvierte sie ein Studium der Rechtswissenschaften und legte 1999 das Advokaturexamen ab.

Mit Fleiss und Ehrgeiz hat sich die Sozialdemokratin auch in der nationalen Politik einen Namen gemacht. Über ihren Einfluss in Bern sind sich zwar nicht alle einig. Die einen sagen, ihr Einfluss spiegle sich in ihrem letzten Wahlresultat wider – sie erreichte auf der Baselbieter SP-Liste den zweiten Platz hinter dem jüngeren Energiepolitiker Eric Nussbaumer. Die anderen behaupten wiederum, sie sei in der Fraktion wegen der wichtigen Wirtschaftsthemen, die sie belege, und ihres immensen Know-hows sehr einflussreich und nur schwer ersetzbar. Tatsache ist, dass SLO zu den bekanntesten und erfolgreichsten Politikern der Region gehört. Und wären die Genossen ehrlich, würden sie zugeben, dass es unter den möglichen Nachfolgern niemanden gibt, der ihr das Wasser reichen kann. Ganz abgesehen davon, ob man sie sympathisch findet oder für eine Nervensäge hält.

Mit einer klaren Meinung

Als Nervensäge wird sie auch von denjenigen bezeichnet, die sie schätzen und sympathisch finden. Wenn SLO etwas genauso gut kann wie hart arbeiten und debattieren, dann ist das nerven. Sie hat eine klare Meinung, und die vertritt sie, geschehe was wolle. Dabei macht sie keinen Unterschied zwischen politischen Gegnern und Gleichgesinnten. Sie sagt, was sie denkt. Am Neujahr twitterte sie: «Das TV-Programm von SRF wird matter und matter. Geht das 2013 so weiter, kann man sich die Billag-Gebühren glatt sparen.» Auch Journalisten bekommen regelmässig ihr Fett weg. Passt ihr ein Artikel nicht, kann sie an einem Tag mehrmals auf der Redaktion anrufen und ihrem Ärger Luft machen. Und wer ihren Zorn schon einmal zu spüren bekommen hat, weiss, was es bedeutet, sich klein und hilflos zu fühlen. So ein Sturm vergeht aber genauso rasch, wie er hereingebrochen ist.

Ende September erlitt sie einen Schwächeanfall. Von Helfern gestützt, verliess sie das Bundeshaus und liess sich in einer Notfallpraxis untersuchen. Gegen Mittag kehrte sie zurück. Ihr gehe es wunderbar, versicherte sie. Wie gut es ihr wirklich geht, darüber kann nur spekuliert werden. Schwäche zeigen, gehört nicht zu ihren Stärken. Sicher ist: Sie wird weiterkämpfen, 2015 vermutlich erneut für den Nationalrat kandidieren und so der drohenden Einsamkeit entfliehen. Für eine Weile. (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.12.2013, 10:08 Uhr

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