Die wohl grössten und schnellsten Winzer des Elsass

Die Weinernte im Elsass ist in vollem Gang. Wir haben zwei herausragende Familienbetriebe besucht und sind einem Hünen von Kellermeister sowie einem Social-Media-Winzer mit dem Pfiff von Speedy Gonzales begegnet.

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Die Sonne lacht und die Wolken weinen an diesem Elsässer Herbsttag Anfang Oktober. Der Regenbogen lässt die Rebberge fast noch kitschiger erscheinen als die Touristenmeile von Riquewihr. Das bisschen Regen kann Maurice Barthelmé, Winzer der Domaine Albert Mann in Wettolsheim, nicht aus der Ruhe bringen. «Dieses Jahr ist das Elsass klimatisch die wohl beste Weingegend in Frankreich», erklärt der 52-jährige. Einmal mehr hat die natürliche Wolkensperre der Vogesen für viel Sonne und wenig Regen gesorgt – ganz anders als im Burgund oder im 80 Kilometer entfernten Baselbiet, wo 2012 bei den Ernte-Erträgen teilweise happige Einbussen verzeichnet werden müssen.

Mit grossen Schritten schreitet Barthelmé zwischen seinen biodynamisch gepflegten Reben hindurch, zupft hie und da ein Blatt vom Stamm, nascht von seinen Trauben. «Die könnte ich den ganzen Tag essen», sagt der Winzer lachend. Noch lieber trinkt er aber ihren vergorenen Saft – und damit ist er nicht alleine. Die Albert-Mann-Weine gehören zu den bekanntesten des Elsass und werden in die ganze Welt exportiert. Zusammen mit Bruder Jacky wurde Maurice Barthelmé 2011 vom wichtigsten französischen Weinmagazin als «Winzer des Jahres» ausgezeichnet – als erste Vertreter aus dem Elsass.

Die Basketball-Kellerei

Maurice Barthelmé zerquetscht eine Hand voll rosa-violett leuchtender Gewürztraminer-Beeren in seiner Faust, lässt den Traubensaft auf sein Refraktometer tropfen und liest das Mostgewicht ab. Der Winzer ist zufrieden, die Oechsle-Grade kündigen einen gehaltvollen Jahrgang an. «Der Gewürztraminer kann viel Alkohol haben, aber den spürt man fast nicht – so samtig ist der Wein», schwärmt Barthelmé von dieser Elsässer Spezialität. Daneben werden zwischen Mulhouse und Strasbourg auch Riesling, Pinot Blanc, Pinot Gris, Muskat und – als einzige Rotweinsorte – Pinot Noir kultiviert.

Seit vier Wochen wird bei Albert Mann geerntet – von Hand. Noch immer hängt rund die Hälfte der Trauben an den Rebstöcken. Aber Maurice Barthelmé hat Geduld. «Ich will nur die besten Trauben zu meinem Bruder bringen», erklärt er. Kurz darauf lernen wir Bruder Jacky kennen. Der 48-Jährige Kellermeister ist für die Weinbereitung zuständig. «Die Pinots sind super dieses Jahr», schwärmt der Zweimeter-Hüne. Als Kontrast zur Knochenarbeit im Keller spielt Jacky leidenschaftlich gerne Basketball. «So etwas können sich nur gute Winzer leisten», meint er lachend. Er ist nicht der einzige Riese im Haus. Zusammen mit seinem Sohn und Keller-Gehilfe Eric spielt Jacky in den Basketball-Teams von Kaysersberg. In Wettolsheim sind die vermutlich grössten Winzer des Elsass am Werk. Sie nutzen den Vorplatz der Kellerei gerne auch als Basketball-Platz.

Ein hyperaktiver Speedy Gonzales

Jetzt, während der Ernte, bleibt dafür aber keine Zeit. Die gärende Traubenmaische muss ständig kontrolliert und aufgemischt werden, zudem leckt ein Gärtank. Rasch verschwindet Jacky wieder im Keller. «Er ist der Sprinter, ich bin der Marathonläufer», erklärt Maurice, der seinen langen Atem bei der Arbeit im Rebberg gut gebrauchen kann. Von Wettolsheim aus geht es vorbei an Colmar in das 15 Kilometer entfernte Winzerdorf Riquewihr.

Wenn die Brüder Barthelmé Marathon-Mann und Sprinter sind, dann ist Etienne Hugel so etwas wie ein hyperaktiver Speedy Gonzales. Der 53-Jährige verkörpert die zwölfte Generation des bekannten Weinunternehmens Hugel & Fils. Der Direktor wirbelt wie ein Derwisch durch die Kellerei im Herzen von Riquewihr, erteilt hier Anweisungen, nascht dort eine Traube und trommelt nebenbei drei Generationen zum Familienbild zusammen. Vermutlich würde er obendrauf auch Jacky Barthelmé beim Basketball ausdribbeln wenn nötig. «Meine Kinder haben mir gesagt, ich soll den Journalisten stets versichern, dass ich nicht auf Kokain bin – aber so ist mein Naturell», erklärt Hugel, dessen Name übrigens «Hügel» ausgesprochen wird. Vor der Kellerei warten zwei Lastwagen mit Traubengut auf ihr Kommando. Der Sitz des Familienunternehmens liegt so zentral, dass die Lastwagen die Fussgängermeile blockieren und sich die Touristen stauen. Kein Einzelfall dieser Tage. Auch wenige hundert Meter weiter werden Lastwagen mit übervollen Traubenbottichen entladen. Wegen solchen Szenen kommen die Touristen mit Vorliebe im Herbst in pittoreske Winzerdorf. Über zwei Millionen sind es pro Jahr.

Wie Weine um die Welt reisen

Etienne Hugel steht am Fuss der Weinberge, die fast bis in den Ort hinein reichen, und strahlt mit der Sonne um die Wette. «Ich habe den besten Job der Welt.» Wenn er nicht gerade durch die eigenen Keller und Weinberge wirbelt, jettet der Tausendsassa als Botschafter des Familienunternehmens um die Welt. «Wein ist das beste Schmiermittel für soziale Beziehungen.» Hugel ist bis zu sechs Monate im Jahr auf Achse – mit Vorliebe in Asien wo er sich unter anderem um die wichtigen Märkte in Japan, Hongkong und Singapur kümmert. Hugels Weine werden inzwischen in 108 Ländern getrunken. Früher waren Winzer Landwirte mit fixer Stammkundschaft, heute sind sie nicht selten Unternehmer mit Kontakten auf der ganzen Welt. Davon kann auch Maurice Barthelmé ein Liedchen singen.

Während der Traubenlese erntet Hugel nicht nur die Früchte seiner Reben, sondern auch die seines Netzwerkens. Regelmässig besuchen ihn Weinfreunde aus Asien. Diese wollen erleben, wo die wilden Kerle wohnen, die sie zuvor lediglich aus dem Glas kannten. Auch diese Arbeit verrichtet Hugel mit Begeisterung – dies jedenfalls der Eindruck seiner Facebook-Statusmeldungen, mit denen er die Hugel-Fans während der Weinlese bombardiert. Auch Social-Media-Werkzeuge wie Twitter, Instagram und ein Blog zur Ernte gehören zu seinem täglichen Winzerleben. Der 53-Jährige ist diesbezüglich nicht nur eine Ausnahmeerscheinung im Elsass, sondern ein Pionier. Er gehörte gemäss Eigenaussage zu den hundert ersten Twitter-Nutzern in Frankreich und vor zehn Jahren installierte der Internet-Junkie eine Webcam in der Kellerei. Dass die Hugel Weine auf der ganzen Welt geschätzt werden, hat also garantiert nicht nur mit den Reisen des zackigen Winzers zu tun.

Der Krieg brachte Witwen und Rebland

«Schaffe, schaffe Häusle baue», witzelt Hugel im Viertelstundentakt. Schliesslich stamme er aus einer protestantischen Familie, da gibt's kein Verschnaufen. Er öffnet Türe seines Kleinwagens und lädt zur Spritzfahrt in die Weinberge. In Rekordzeit umrunden wir das Dorf. Hugel fährt wie er redet: rasant und impulsiv. An der FIA World Rallye Championship, die am ersten Oktober-Wochenende in den Rebbergen um Riquewihr stattfand (siehe Video!), fährt er aber nicht mit. Hugel zeigt die Grand Cru Lagen Sporen und Schoenenbourg und erzählt von der Zeit, in der viele Winzerfamilien den Grundstein ihrer Traditionsunternehmen legten. Das war Mitte des 17. Jahrhunderts, der Dreissigjährige Krieg hatte soeben sein Ende gefunden, die Bevölkerung von Riquewihr war auf rund 50 Nasen zusammengeschrumpft und es gab viele Witwen und viel Rebland zu erobern.

Heute besitzt die Familie Hugel rund 30 Hektar Reben. Dazu kommt der zugekaufte Ertrag von weiteren 100 Hektar. Von ihnen stammt ein Grossteil der bisher eingefahrenen Ernte. Die Trauben der eigenen Lagen werden hingegen noch so lange wie möglich hängen gelassen. Hugel gehört im Elsass zu den Pionieren der sogenannten Vendange Tardive, der Spätlese. Das Ergebnis sind mächtige, süsse und langlebige Tropfen. «Die Elsässer Weine werden dank unseres guten Klimas sehr gut dieses Jahr», meint Hugel, «trotzdem wird der 2012er allgemein einen schweren Stand haben – wegen dem schlechten Jahrgang im Burgund». Er dürfte die Ausgangslage sportlich nehmen. Das Leid der Einen ist schliesslich die Chance des Anderen. Wenn die Burgunder Chardonnays – das Nonplusultra unter den französischen Weissen – dieses Jahr etwas rarer Ausfallen, dürfte Etienne Hugel seinem Ziel noch ein wenig näher kommen: Wie die Brüder Barthelmé der Domaine Albert Mann will nämlich auch Hugel allen beweisen, dass die besten und aromatischsten Weissweine der Welt aus dem Elsass kommen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.10.2012, 10:47 Uhr

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Infos zu den Winzern

Die Domaine Albert Mann aus Wettolsheim und Hugel & Fils aus Riquewihr gehören zu den traditionsreichsten und bekanntesten Weinherstellern des Elsass. Neben eigenen Lagen verarbeiten beide Unternehmen auch Trauben aus zweiter Hand. Ihr Repertoire umfasst wie bei allen Elsässer Winzern in erster Linie aromatische Weissweine der Sorten Gewürztraminer, Riesling, Muskat, Pinot Blanc und Pinot Gris. Die nach Burgunder Vorbild ausgebauten, einzigen roten Tropfen stammen aus der Pinot Noir Traube und kommen voller Finessen daher.

Vom Grand Cru für etwas über 40 Franken bis zum einfachen Alltagswein für 14 Franken haben die beiden Familienbetriebe alles zu bieten. In Basel gibt es die Weine von Albert Mann bei Siebe Dupf, jene von Hugel & Fils werden bei Mövenpick verkauft. Die Winzerdörfer Wettolsheim und Riquewihr liegen neben Colmar und sind von Basel aus in weniger als einer Stunde zu erreichen.
www.albertmann.com
www.hugel.com

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