«Dieser Entscheid hat Kopfschütteln ausgelöst»

Der frühere Crossair- und Swisschef André Dosé (53) ist gestern zum neuen Verwaltungsratspräsidenten der BLT gewählt worden. Das Nein der Stadt zum Tango-Tram versteht er nicht.

André Dosé, der neue BLT-Verwaltungsratspräsident, hätte gerne einen Bahnanschluss zum Flughafen.

André Dosé, der neue BLT-Verwaltungsratspräsident, hätte gerne einen Bahnanschluss zum Flughafen. Bild: Henry Muchenberger

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BaZ: Herr Dosé, Sie kommen aus der Luft und sind jetzt auf den Schienen gelandet. Können Sie die Erfahrungen aus Ihrer Zeit bei den Fluggesellschaften bei der BLT einbringen?

André Dosé: Bei der Crossair, bei der Swiss und zuletzt bei der Gulf Air konnte ich Erfahrungen sammeln, was Dienstleistung am Kunden, Strategie und Unternehmensführung betrifft. In beiden Bereichen gibt es Kriterien und Werte, die sich in jeder Firma anwenden lassen.

Aus Ihren Zeiten bei der Crossair und der Swiss sind Sie Turbulenzen gewöhnt. Mit Ihrem Amtsantritt als VR-Präsident müssen Sie sich gleich mit einem typischen Problem unserer Region auseinandersetzen: Partnerschaft. Was bedeutet das Nein der BVB zum Tango-Tram für Sie?

Es ist nicht an mir, Entscheidungen der BVB zu kommentieren. Natürlich ist es für die BLT enttäuschend, da wir zugunsten der gemeinsamen Beschaffung gewisse Kompromisse eingegangen sind, beispielsweise bei der Länge der Trams. Die BVB treffen ihre eigenen Entscheidungen. Noch nie wurde eine Tramausschreibung so detailliert und seriös durchgeführt. Dabei konnte ich meine Erfahrung bei der Beschaffung von Grosssystemen einfliessen lassen. Gewisse Kritikpunkte der BVB am Tango sind für mich nicht nachvollziehbar.

Können Sie die Basler Argumente nicht verstehen?

BVB und BLT haben die Strategie einer Neubeschaffung kurz nach dem Combino-Debakel gemeinsam festgelegt. Der BLT-Verwaltungsrat wollte damals nicht die gleichen negativen Erfahrungen machen und die Katze im Sack kaufen. Wir setzen bewusst auf ein Tram mit klassischer Drehgestelltechnik, das auch langfristig absolute Zuverlässigkeit garantiert. Dafür ist der Tango nicht zu 100 Prozent ein Niederflurtram. Er verfügt aber über acht Doppeltüren im Niederflurbereich. Der Tango war auch bezüglich Kosten-Nutzen gegenüber den anderen Konkurrenten die beste Wahl. Dass der Tango zudem in der Schweiz hergestellt wird und damit den Werkplatz Schweiz stützt, ist mit in den Entscheid eingeflossen. Für die Kunden der BLT ist der Tango ganz sicher das richtige Tram, für die BVB anscheinend nicht.

Fahren Sie selber gerne mit dem Tango?

Selbstverständlich. Das Tram sieht gut aus, ist attraktiv und modern. Es fährt sehr ruhig, das Raumgefühl ist gut: ein hervorragendes Produkt.

BVB und BLT sind ja eng verflochten miteinander. Sie müssen weiterhin zusammen kutschieren können. Inwieweit ist das Verhältnis künftig getrübt?

Der Entscheid hat tatsächlich einiges Kopfschütteln ausgelöst. Jahrelang haben die Beschaffungsteams intensiv zusammengearbeitet und die gemeinsame Beschaffung begrüsst. Die BVB haben nun einen anderen Entscheid getroffen. Die künftige Zusammenarbeit darf aber nicht darunter leiden, denn sie ist dringend notwendig und muss entemotionalisiert werden. Vielleicht muss man die Zusammenarbeit auf neue Beine stellen. Der Staatsvertrag zwischen den beiden Kantonen ist mit all seinen Abgrenzungen gegenüber den heutigen Bedürfnissen veraltet.

In welchen Bereichen veraltet?

Der Staatsvertrag reflektiert nicht mehr die heutige Situation. Viele neue Tramlinien werden projektiert, sei es grenzüberschreitend nach Frankreich oder Deutschland, sei es eine Verlängerung der Linie 14 nach Salina Raurica, sei es der Margarethenstich.

Wäre nicht eine Fusion von BVB und BLT am sinnvollsten?

Im Moment ist dies keine sinnvolle Lösung. Die Unternehmen sind sehr unterschiedlich und zudem müssten solche Diskussionen zuerst zwischen den beiden Kantonen geführt werden. Vom rein unternehmerischen Standpunkt her muss ich allerdings sagen, dass Fusionen selten die beste Lösung sind – in dieser Frage habe ich ja reichlich Erfahrung. Die BLT ist sehr effizient, konnte ihre Leistung stetig steigern und hat trotz starkem Ausbau des Angebots den Beitrag des Kantons reduziert. Das zeigt die Effizienz des Managements, und das müssen auch die Prioritäten in der Zukunft sein.

Effizienter als die BVB?

Bei den Zahlen, die wir vergleichen können, kann ich Ja sagen. Wir haben tiefere Kosten in fast allen Bereichen. Eine Fusion würde viele neue Probleme schaffen. Und es ist selten so, dass bei einer Fusion der Teure billiger wird, meist ist es umgekehrt. Zudem wäre es schwierig, zwei verschiedene Unternehmenskulturen zusammenzubringen. Und zwei Firmen beleben ja auch das Geschäft.

Ein Tram gemeinsam zu beschaffen aber würde bestimmt einfacher.

Das ist sicher so. Wir haben aber in der Vergangenheit immer sehr eng zusammengearbeitet, und das soll auch weiter so bleiben. Die Trambeschaffung sollte auch nicht überbewertet werden. Wir dürfen nicht in erster Linie an die Firmen BVB und BLT denken, sondern an die Kundinnen und Kunden des Tarifverbundes.

Manchmal hat man das Gefühl, der Ausbau des öffentlichen Tramverkehrs sei an seine Grenzen gelangt. Wo liessen sich denn noch Schienen bauen und wo würde es Sinn machen?

Die BLT-Linien sind noch nicht überall auf Doppelspur ausgebaut. Im hinteren Leimental konnten die wenigen Einsprachen gegen den Ausbau gütlich gelöst werden. Der Doppelspurausbau ist wichtig für die Taktverdichtung und auch für die Sicherheit des Betriebs.

Wie weit ist man bei der Planung für den Margarethenstich?

Da müssen Baselland und Basel-Stadt noch intensiv zusammensitzen, sowohl auf Ebene der Verwaltungsräte wie auch auf Ebene Regierung. Wer macht was, wer fährt wo, in diesen Fragen herrschen noch unterschiedliche Meinungen vor.

Mehr als eine Idee ist der Margarethenstich also immer noch nicht?

Eine Direktverbindung zum Bahnhof ist nach wie vor ein grosses Bedürfnis unserer Fahrgäste. Wie die Lösung am besten, am einfachsten und komfortabelsten umgesetzt werden kann, das muss jetzt noch diskutiert werden. Da sind jetzt BVB und BLT gleichermassen gefordert.

Neben den Tramlinien in Richtung Stadt werden die Querverbindungen immer wichtiger.

Diese werden tatsächlich immer wichtiger. 2001 sind die Querverbindungen noch ausgebaut worden. Wird das Angebot erweitert, dann steigt auch die Nachfrage. Das habe ich im Flugverkehr immer wieder erlebt.

Die Buslinien sind also ein Erfolg, gibt es auch Probleme?

Wir kämpfen mit den überfüllten Strassen, oft fehlen eigene Busspuren, sodass die Busse zu den Stosszeiten im Verkehr stecken bleiben. Die Anschlüsse sind eng geplant. Steckt der Bus im Stau, wird es schwierig, den Anschluss zu garantieren. Hier besteht noch Handlungsbedarf. Das weiss der Kanton auch.

Gibt es noch schwarze Löcher im Tarifverbund, Regionen, die noch zu wenig von Bus oder Tram erschlossen sind?

Ein schwarzes Loch gibt es keines. Man darf nicht vergessen, dass ein Grundbedürfnis vorhanden sein muss, bevor man eine neue Tramlinie baut oder eine Buslinie einrichtet.

Grosse Würfe wird es beim öffentlichen Verkehr also in den kommenden Jahren keine geben.

Es wird um Verfeinerungen gehen. Die Taktverdichtung und der Doppelspurausbau sind sehr wichtig. Schon als Crossair- und Swisschef habe ich zudem dafür gekämpft, dass es einen Bahnanschluss zum Flughafen gibt. Diesen braucht es wirklich.

Ist das eines der persönlichen Ziele, das Sie sich als neuer Verwaltungsratspräsident der BLT gesteckt haben?

Mein wichtigstes Ziel ist es, dass die BLT weiterhin ein so tolles Unternehmen bleibt. Die BLT hat eine ausgezeichnete Unternehmenskultur, die Leute arbeiten gerne hier, sie identifizieren sich stark mit dem Unternehmen. Das muss gepflegt werden, das ist kein Selbstläufer. Zudem soll die BLT so effizient wir möglich arbeiten, um die öffentlichen Mittel so gut wie möglich einzusetzen...

...und Sie müssen die Wogen mit Basel-Stadt glätten?

Die Wogen zu glätten und die Emotionen rauszunehmen, das wird sicher eine meiner Rollen werden. Das heisst vielmehr, ich werde BLT-Chef Andreas Büttiker den Rücken für diese Aufgabe stärken. (Basler Zeitung)

Erstellt: 18.05.2010, 06:04 Uhr

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