Dieses Programm macht Einbrechern das Leben schwerer

Die neue Computersoftware «Precobs» sagt der Baselbieter Polizei im Voraus, wo Diebe zuschlagen – offenbar mit Erfolg. Trotz Technik: Die Einbrecherjagd bleibt ein Katz-und-Maus-Spiel.

Rückgang der Einbrüche: Beat Krattiger, Leiter Sicherheit und Ordnung, spricht von einem Minus von 20 Prozent – nicht zuletzt wegen «Precobs».

Rückgang der Einbrüche: Beat Krattiger, Leiter Sicherheit und Ordnung, spricht von einem Minus von 20 Prozent – nicht zuletzt wegen «Precobs». Bild: Daniel Wahl

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Als Beat Krattiger, Leiter Sicherheit und Ordnung der Baselbieter Polizei, das neue Computerprogramm «Precobs» – diese digitale Kristallkugel, die Einbrüche prophetisch voraussagen soll – in Baselbieter Polizeikreisen vorstellte, soll ein Grinsen über die Gesichter gehuscht sein: «Kann man da auch Lottozahlen eingeben?», wurde er gefragt. Das Grinsen ist inzwischen verflogen und Krattiger in der Begründung für den Einsatz von «Precobs» selbst­sicher geworden: «Es ist verblüffend, wie oft ‹Precobs› recht hat und wir die Einbrecher dort antreffen, wo sie uns die Software prognostiziert. Im Einsatz ist das Programm bereits im Kanton Zürich – aber nur im dicht besiedelten Stadtgebiet. Ob «Precobs» auch im Baselbiet mit ländlichen Strukturen zuverlässig arbeitet, war für die Baselbieter Polizei diese Wintersaison zu klären.

«Precobs» funktioniert unspektakulär wie ein Börsen-Computerprogramm, das die Kursentwicklung voraussagt und entsprechende Aktienkäufe und verkäufe empfiehlt. Entsprechend alarmiert das System die Polizei und bezeichnet auf der Baselbieter Landkarte eine 300 Meter grosse Zone, in der demnächst ein Einbruch zu erwarten ist. Dann kann die Einsatzplanung gegen Einbrecher starten. Gefüttert wurde das Programm mit Zahlen aus den letzten fünf Jahren. Darunter fallen Daten wie die Art des Deliktguts, ob die Einbrecher ins Einfamilien- oder Mehrfamilienhaus eingestiegen sind, die Einbruchsadresse, die Art des Einbruchs (zum Beispiel ein Einbruch mit Geissfuss oder Schraubenzieher) sowie die Einbruchszeit.

Agieren statt reagieren

Zweitweise gibt «Precobs» im Baselbiet bis zu zwölf Alarmzonen gleichzeitig aus. «Dann gilt es durch Kriminalanalysten entsprechend Prioritäten auf die grössten Erfolgschancen zu setzen um die knappen Ressourcen erfolgreich einzusetzen», sagt Krattiger. In der Folge definiert die Polizei das Einsatzgebiet und baut das Einbrecher-Abwehrdispositiv auf. Je nach Art der zu erwartenden Einbrüche werden Kontrollen an Autobahnauffahrten und an neuralgischen Kreuzungen installiert.

Zivile Fahnder schwärmen in die Quartiere aus oder die Hundestaffel wird eingesetzt. Konsequent werden die Büros auf den Polizeiposten ab 15 Uhr geräumt; Krattiger bestellt seine Mannen in die Alarmzonen. Einige Dutzend Polizisten können gleichzeitig gegen die Einbrecher in Position gebracht werden. Und je nach Grösse und Umfang des Abwehrdispositivs könne man innert Stundenfrist auf die neue Bedrohungslage, die «Precobs» prognostiziert hat, reagieren und sich anpassen, sagt der Sicherheitsleiter.

Es bleibt ein Katz-und-Maus-Spiel

Zwei, drei solcher Grosskontrollen im Leimental im Grenzgebiet hatten spürbare Auswirkungen, wie Krattiger weiss. In jenen Nächten seien im Baselbiet kaum mehr Einbrüche verzeichnet worden. Doch Kriminaltouristen reagieren auf die neue Situation. So sind sie nach den Grosskontrollen über die Stadt Basel ins Baselbiet eingedrungen oder schickten eine Vorhut. Es bleibt trotz «Precobs» noch immer das altbekannte Katz-und-Maus-Spiel zwischen Räuber und Polizei.

1662 Kontrollen haben die Ordnungshüter in den letzten vier Monaten durchgeführt und 15 248 Mannstunden eingesetzt. Das zahlt sich aus. Wie die Polizei in der vergangenen Woche mitteilt hat, sind die Einbruchszahlen um 20 Prozent zurückgegangen. Welchen Anteil «Precobs» daran hat, lasse sich allerdings kaum ausweisen, «weil präventive Massnahmen kaum messbar sind», sagt Krattiger. Aber die Software hat sichtbare Nebenwirkungen – vor allem in der Denkweise der Polizei. Zum ersten Mal sei die Polizei in der Position, agieren statt nur reagieren zu können. Man denke darum «kundenorientiert» – und sei dort, wo viele Einbrüche verübt und viel Deliktgut zu holen sei. «Man hätte sich vielleicht schon früher bewuss- ter nach solchen Marketingprinzipien ausrichten sollen», meint Krattiger.

Auf die Frage, welcher Polizist in den letzten Monaten der beste Einbrecherjäger gewesen ist, sagt er wie aus der Pistole geschossen: «der Bürger». Die Bevölkerung habe viele qualifizierte Hinweise auf Einbrecher gegeben, zum Beispiel wenn fremde Leute verdächtig durchs Quartier schleichen. Diese ­Ressource wolle die Polizei künftig noch besser erschliessen, indem sie die Bevöl­kerung vermehrt sensibilisieren wolle. (Basler Zeitung)

Erstellt: 20.01.2015, 13:54 Uhr

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