Ein ganz normaler junger Mann

Der kommende SP-Co-Präsident Adil Koller hat viel vor. Für Begriffe wie «steile Karriere» oder «Senkrechtstarter» hat der 21-Jährige aber nur ein müdes Lächeln übrig.

Ziemlich abgeklärt. Der 21-jährige Adil Koller hat zwar Respekt vor seiner neuen Aufgabe, traut sich aber auch einiges zu.

Ziemlich abgeklärt. Der 21-jährige Adil Koller hat zwar Respekt vor seiner neuen Aufgabe, traut sich aber auch einiges zu. Bild: Florian Bärtschiger

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Er ist 21 Jahre alt, hat pechschwarze Haare und einen bräunlichen Teint – wie ein Mann aus dem Mittelmeerraum. Doch Adil Koller kommt aus Münchenstein, und sein Familienname stammt aus dem Appenzellerland. Migrationshintergrund habe nur sein Vorname, schrieb der künftige Co-Präsident der SP Baselland einst in einer Kolumne auf Onlinereports im Zusammenhang mit seinem Erscheinungsbild. Denn diesen Vornamen verdankt er seinem leiblichen Vater, der aus Pakistan stammt. Adil ist Arabisch und bedeutet Gerechtigkeit.

Möglicherweise hat ihn sein Sinn für Gerechtigkeit – neben seiner Eloquenz – auch in die Politik gebracht. Er habe schon früh seine Primarlehrerin mit politischen Fragen gelöchert. Seine Mutter und sein Adoptivvater seien dagegen eher unpolitisch gewesen. «Die Lehrerin hat mich dann an eine Gemeindeversammlung mitgenommen.» Und dort habe ein Redner einen kompletten Stuss erzählt. Falsche Behauptungen und jede Form von Ungerechtigkeit aber gingen schon dem ganz jungen Adil auf die Nerven.

2008, im Alter von 14 Jahren, trat er den Juso Baselland bei. Seine Zeit im Vorstand von 2009 bis 2014 markiert die Entwicklung der Jungpartei vom Störenfried zur politischen Kraft mit zahlreichen Aktionen auf lokaler und kantonaler Ebene. Dazu gehören etwa die Petition zur vorgezogenen Sanierung des Gymnasiums Münchenstein, «Schule ohne Schutzhelm», die Petition gegen Adrian Ballmers Sparpaket, «Entlastungsprogramm 12/15», die Transparenz-Initiative «und viele Aktivitäten in der Gemeinde Münchenstein». Überhaupt gehört es zum Erfolgsrezept der Juso Baselland, dass die Jungpartei kommunal sehr gut verankert ist. «Ich habe nur deshalb bei den Landratswahlen ein so gutes Resultat erzielt, weil man mich in Münchenstein kennt», meint Adil Koller. Tatsächlich ist er im dortigen Wahlkreis mit 1304 Stimmen hinter den Bisherigen Hanni Huggel und Miriam Locher auf dem dritten Platz gelandet. Und es wäre keine Überraschung, wenn Huggel dem Jungpolitiker im Laufe der kommenden Legislaturperiode den Sitz überlassen würde.

Was heisst links?

Politisch steht der ehemalige Juso-Spitzenmann selbstverständlich links. Doch was bedeutet «links» für einen Sozialisten mit Jahrgang 1993, für den die Sowjetunion ebenso Geschichte ist wie der Vietnamkrieg oder die Anti-AKW-Bewegung? Seine Antwort lässt auf einen bemerkenswerten Pragmatismus schliessen: «Die jungen Linken sind realpolitisch geworden. Ihre Initiativen haben nicht die Weltrevolution zum Ziel.» Für ihn steht der Begriff Chancengleichheit im Vordergrund. «Ich kämpfe für eine Gesellschaft, in der sich die Leute unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlecht und sexueller Orientierung entfalten können.»

«Absolut essenziell» ist zudem für Adil Koller, der im zweiten Semester Wirtschaftswissenschaft und Soziologie studiert («eine spannende Kombination»), dass die Linke die wirtschaftlichen Zusammenhänge kennt. Dafür brauche es linke Ökonomen, auch wenn es diese an den Universitäten nicht so einfach hätten. «Denn dort wird klassische Ökonomie gelehrt.»

Nun soll also der Aktivist, Student und möglicherweise angehende Landrat am 18. April zusammen mit Regula Meschberger zum Co-Präsidenten der SP Baselland gewählt werden. In einem Alter, in welchem bei Kolleginnen und Kollegen Ausgang und Partys das Freizeitprogramm bestimmen. Für Adil Koller kein Widerspruch. «Das mache ich alles auch. Auch ich gehe am Wochenende mit meiner Freundin oder mit Freunden in den Ausgang. Ich bin schliesslich ein ganz normaler junger Mensch», sagt der 21-Jährige. Doch statt wie früher viel Zeit mit Fussballspielen beim FC Münchenstein zu verbringen, mache er eben jetzt mehr Politik. Diese sei so etwas wie ein «aufwendiges Hobby» geworden.

Perspektive bis 2016

Mit persönlichen politischen Ambitionen bringt er übrigens das Co-Präsidium überhaupt nicht in Zusammenhang. Und für Begriffe wie «steile Karriere» oder «Senkrechtstarter» hat Adil Koller nur ein müdes Lächeln übrig. Einen Nationalratssitz oder Ähnliches strebe er nicht an. Pläne über Jahre hinaus mache er ohnehin noch nicht, meint der dank seiner Westschweizer Mutter perfekt zweisprachige Jungpolitiker. Und eigentlich möchte er sein jugendliches Alter im Zusammenhang mit dem Co-Präsidium auch nicht in den Vordergrund gestellt haben. Wenn die SP mit Regula Meschberger und ihm ein Co-Präsidium wähle, dann zeige das höchstens, «dass die Partei etwas wagt». Seine persönliche Perspektive gehe im Moment denn auch nicht über den Frühling 2016 hinaus.

Bis zu diesem Zeitpunkt aber will er mit Regula Meschberger zusammen der Partei die zwei Nationalratssitze und die Wiederwahl Claude Janiaks in den Ständerat gesichert und die «riesige Reserve der 20- bis 30-Jährigen» angesprochen haben, um die SP in einem aufgestellten Zustand präsentieren zu können. Denn in einem Jahr finden die nächsten ordentlichen Vorstandswahlen statt. Und ob es dann wieder einen Präsidenten Adil Koller geben wird, sei derzeit völlig offen. «Das muss nicht so sein», erklärt er.

Dass bei dieser Herausforderung auch die Gefahr des Scheiterns, ja des Verheiztwerdens besteht, ist ihm bewusst. Er habe dies alles in zahlreichen Gesprächen erwogen. Tatsächlich ist es bei Adil Kollers Selbstverständnis und Selbstbewusstsein schwer vorstellbar, dass er die Aufgabe blauäugig angeht. Er sei sich im Klaren darüber, dass er als 21-Jähriger nicht einfach alleine SP-Präsident werden könne. «Aber zusammen mit Regula kann ich mir das sehr wohl vorstellen.» Und er habe bei seinen Gesprächen den Eindruck gewonnen, dass man in der Partei an die Kombination Meschberger-Koller glaube und dieser etwas zutraue. «Und das ehrt mich», sagt Adil Koller mit dieser gewissen Mischung aus Bescheidenheit und Selbstbewusstsein. (Basler Zeitung)

Erstellt: 14.04.2015, 11:08 Uhr

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