Frauen äussern Unverständnis über SLO-Worte

Die SP-Nationalrätin rät jungen Frauen, in der Wirtschaft Karriere zu machen, anstatt in die Politik zu gehen. Damit sorgt sie bei Politkolleginnen für Unverständnis.

Blick zurück: «Einer jungen Frau würde ich empfehlen, mit einer guten Ausbildung auf einen Job in der Wirtschaft zu setzen»: Susanne Leutenegger Oberholzer.

Blick zurück: «Einer jungen Frau würde ich empfehlen, mit einer guten Ausbildung auf einen Job in der Wirtschaft zu setzen»: Susanne Leutenegger Oberholzer. Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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«Einer jungen Frau würde ich heute empfehlen, mit einer guten Ausbildung auf einen Job in der Wirtschaft zu setzen, statt in die Politik zu gehen. Diese Aussagen von SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer (oft SLO genannt) im Sonntagsblick stossen auf Unverständnis unter Politfrauen. Die Reaktionen:

Patricia von Falkenstein (LDP)

«Dann soll sie sich doch nicht mehr als Nationalrätin aufstellen lassen», entfährt es der Basler Grossrätin Patricia von Falkenstein. Gerade sie, die eine flotte, erfolgreiche Karriere durchlaufen habe, sage nun so etwas. «Sie soll doch ihre Erfahrung an die jungen Frauen weitergeben.» Und überhaupt: Eine politische Karriere verlaufe ja normalerweise parallel zu der beruflichen. «Frauen müssen ja zuerst einen Beruf und einen Bekanntheitsgrad haben, damit sie gewählt werden», sagt sie. Zur Aussage von Leutenegger Oberholzer, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei im politischen Alltag schwierig, sagt sie: «Natürlich ist es anstrengend, doch das ist bei Männern ja nicht anders.»

Daniela Schneeberger (FDP)

Nationalrätin Daniela Schneeberger haben die Worte von Susanne Leutenegger Oberholzer enttäuscht. «Ich sehe das überhaupt nicht so, Politik macht nach wie vor Freude – auch jungen Frauen», sagt sie. Gerade Leuten­egger Oberholzer sei ja stets zuvorderst gestanden und habe junge Frauen zur Politik ermuntert – und das zu Recht. Klar müsse man gut organisiert sein, das merke sie auch mit ihrer Treuhand-Firma. Und einen breiten Rücken muss man in der Politik auch haben. «Doch gerade der Gegenwind in der Politik kann einen auch stärken – auch für die Karriere.»

Mirjam Ballmer (Grünes Bündnis)

«Susanne Leutenegger Oberholzer hat natürlich recht, dass die Politik teilweise rau ist und es jungen Frauen nicht leicht macht», sagt die Basler Grossrätin Mirjam Ballmer. Ich würde jungen Frauen deshalb aber nicht zu einer Wirtschaftskarriere raten.» Denn auch dort seien die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Karriere nach wie vor nicht so, wie sie sein müssten. Und das eine schliesse das andere nicht aus: «Wir brauchen überall junge Frauen, die für ihre Überzeugung und bessere Rahmenbedingungen kämpfen.»

Esther Maag (Grüne)

Viel Erfahrung in der Politik hat auch Esther Maag. Die frühere Land­rätin hat sich kürzlich der neuen Partei Grüne-Unabhängige angeschlossen. «Natürlich, alles unter einen Hut zu bringen, braucht Managementqualitäten», sagt die zweifache, alleinerziehende Mutter. Neben ihrer politischen Tätigkeit sitzt sie auch in zwei Unternehmensleitungen. Im Gegensatz zu den anderen befragten Frauen sieht sie denn auch tatsächlich einen Unterschied von Frauen- und Männerkarrieren. «Männer haben meistens jemanden zu Hause, der beziehungsweise die ihnen den Rücken frei hält.» Bei Frauen sei dies seltener der Fall. Trotzdem möchte sie den Weg der politischen Mitwirkung nicht missen: «Doch man muss sich sehr Sorge geben dabei – und Prioritäten setzen.»

Tanja Soland (SP)

Die Basler Grossrätin Tanja Soland sieht auch Vorteile für Frauen in der Politik. «Als Frau ist es zwar schwierig, nicht belächelt zu werden und trotzdem nicht gleich als verbissen zu gelten. Man kann den Fakt, dass es weniger Frauen als Männer gibt in politischen Ämtern, auch für sich nutzen», sagt sie. Beispielsweise werde sie persönlich wohl häufig von Medien angefragt, weil noch eine Frauenstimme gefragt sei. Dass es in der Wirtschaft leichter sei für Frauen, glaubt Soland nicht. «In der Politik muss man nicht so viele Sprossen erklimmen wie bei einer Berufskarriere. Man kann sich wählen lassen.» Soland hofft, dass sich junge Frauen von der Aussage von Leutenegger Oberholzer nicht abschrecken lassen. Dass gerade die SP-Nationalrätin, die politisch so viel erreicht habe, eine solche Aussage macht, finde sie schade.

Silvia Schenker (SP)

«Überrascht» hat der Rat zu Karriere statt Politik die basel-städtische Nationalrätin Silvia Schenker. Gerade, weil Leutenegger Oberholzer sich immer für Frauenförderung eingesetzt habe. Das Thema sei aber ein wichtiges – «und das nicht nur für Frauen». Auch Männer müssten viel organisieren, um Job und Politik unter einen Hut zu bringen. Für Sozialarbeiterin Schenker war es immer wichtig, beides zu haben. «Es ist nicht gut, wenn keine andere Option da ist und jemand quasi völlig abhängig vom politischen Amt ist. Schliesslich wird alle vier Jahre neu gewählt.» Bei jungen Nationalratskollegen und -kolleginnen frage sie sich schon manchmal, ob die auch ihre berufliche Zukunft nach dem Amt im Auge haben.

Myrta Stohler (SVP)

Die Baselbieter Landratspräsidentin Myrta Stohler ist ebenfalls erstaunt, dass gerade eine SP-Exponentin den Frauen ein Leben ohne Politik ans Herz legt. Stohler hat selbst im Alter von 40 Jahren angefangen zu politisieren und zieht eine ganz andere Bilanz. «Rückblickend denke ich, ich hätte gut auch früher damit beginnen können.» Die Frage «Job oder Amt» stelle sich jungen Frauen ausserdem noch gar nicht. «Da kann man ja von der Politik sowieso noch nicht leben. Nicht auf jede wartet auch ein Platz im Nationalrat.»

Samira Marti (Juso)

Eine andere Baselbieterin, die noch ganz am Anfang ihrer Politkarriere steht, ist Samira Marti. Die 21-jährige Frau aus dem Baselbiet findet es zwar teilweise schwer, Studium, Beruf und Politik unter einen Hut zu bringen. «Für mich wäre das aber nie ein Grund, mit Politisieren aufzuhören.» Dass Leuten­egger Oberholzer mit ihrer Aussage, das Thema aufgegriffen hat, finde sie aber gut. (Basler Zeitung)

Erstellt: 21.04.2015, 06:41 Uhr

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Susanne Leutenegger Oberholzer rät jungen Frauen, auf eine Karriere in der Wirtschaft zu setzen. Hat sie recht?

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