Für die Landessprachen an den Primarschulen

Professorin Christine Le Pape Racine möchte nicht, dass sich die Schweiz nur noch auf Englisch verständigt. Die französische Sprache stehe auch für einen Zusammenhalt des Landes.

Französisch bleibt: Hat Nidwalden mit dem Nein zur Abschaffung die Trendwende eingeläutet?

Französisch bleibt: Hat Nidwalden mit dem Nein zur Abschaffung die Trendwende eingeläutet? Bild: Keystone

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BaZ: Mit der Volksabstimmung im Kanton Nidwalden wurde der Trend gegen Frühfranzösisch in der Primarschule gestoppt. Haben Sie sich darüber gefreut?
Christine Le Pape Racine: Ja sicher. Ich habe vor der Abstimmung vermutet, dass es positiv herauskommen könnte.

Als Professorin für Französischdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz sind Sie an der Ausbildung von Lehrkräften beteiligt, die nachher in drei von vier Nordwestschweizer Kantonen Kinder ab der dritten Klasse in Französisch unterrichten. Ist dieser frühe Zeitpunkt richtig?
Sinnvoll wäre es noch früher zu beginnen. Ich sehe dies aber realpolitisch: Die dritte Klasse ist ein guter Zeitpunkt. Er ergibt sich auch aus der historischen Entwicklung und den finanziellen Möglichkeiten der Kantone. Zudem wird in der 1. und 2. Klasse die Einführung ins Lesen und Schreiben in der Schulsprache Deutsch nicht durch eine zusätzliche Sprache belastet.

Französisch kann doch auch noch später erlernt werden.
Da muss entgegnet werden, dass Kinder früher in Kontakt mit unserer Landeskultur kommen und dies ihre ganze Persönlichkeit prägt. Wenn sich Schweizerinnen und Schweizer auf Englisch verständigen, fehlt ihnen der Zugang zur anderen Kultur, zum Beispiel zum Liedgut, zu den Traditionen, zu unserer Literatur. Zudem können über Französischkenntnisse die anderen romanischen Sprachen wie etwa Italienisch leichter verstanden werden.

Weshalb verspricht ein möglichst früher Zeitpunkt Erfolg?
Entwicklungspsychologische Voraussetzungen der Kinder sprechen dafür. Sie haben etwa bis zum Alter von zehn Jahren bessere Hörvoraussetzungen für die Aussprache.

Spielt die Integration des Kindergartens in die Volksschule oder generell die Verschulung des Kindergartens dabei eine Rolle?
Die heutigen Kinder sind nicht die gleichen Kinder wie vor 20 Jahren. Sie kommen schon sehr früh mit dem Computer und dem Internet in Kontakt. Viele Kinder können auch bereits lesen, bevor sie zur Schule gehen. Kinder, die schon früh vieles lernen wollen und wissbegierig sind, sollten nicht gebremst werden.

Welche Rolle spielt es, dass in der dritten Klasse mit Französisch oder in der Romandie mit Deutsch eine Sprache eingeführt wird, die als schwierig gilt?
Was heisst schwierig? Französisch kennt zwar mehr Formen als etwa Englisch. Am Anfang ist mehr Einsatz nötig, mehr Ausdauer, um zum Erfolg zu kommen. Doch wenn gewisse Grundkenntnisse erreicht sind, wird es einfacher. Beim Englisch ist dies umgekehrt. Englisch hat den Vorteil, dass die Sprache im Alltag heute präsenter ist, besonders in der Ostschweiz. Viele unterschätzen aber, dass Englisch ab einem gewissen Niveau sehr schwierig wird. Wenn der Unterricht und die Ziele dem Alter angepasst werden, spielt die Schwierigkeit der Sprache keine Rolle.

Nicht wenige Lehrkräfte kritisieren, dass Französisch ab der 3. Klasse nur mit zwei bis drei Lektionen auf der Stundentafel figuriert. Teilen sie diese Kritik?
Nein. Die Kritiker gehen davon aus, dass Französisch nur gerade in diesen zwei oder drei Lektionen stattfindet. Das sollte aber nicht so sein. Wir gehen von der Mehrsprachigkeits-Didaktik aus. Die neuen Lehrmittel sind darauf ausgelegt, dass man Verbindungen zwischen den Sprachen herstellt, und dass diese Sprachen auch ausserhalb der Sprachlektionen eingesetzt werden. Im Kanton Aargau gab es zum Beispiel das Pilotprojekt Ilôts immersifs, bei dem in verschiedenen Fächern vom Kindergarten an bis in die Oberstufe während anfänglich nur fünf Minuten auf Französisch umgeschaltet wurde, mit einfachen, anschaulichen Sprachmitteln, ohne Leistungsdruck, spielerisch.

Wie haben die Schülerinnen und Schüler darauf reagiert?
Sehr gut. Auch Nicht-Spitzenschüler reagierten begeistert. Alle Schülerinnen und Schüler sollten zudem während der Volksschulzeit auch ins Welschland geschickt werden. Im Wissen darum, dass sie später in der Romandie einen Ernstfall erleben, bereiten sie sich entsprechend gut darauf vor.

Dies setzt doch voraus, dass die Lehrerinnen und Lehrer entsprechende Französisch-Kenntnisse haben.
Ja, heute unterrichten an der Primarschule in der Regel Lehrerinnen und Lehrer, die ein Sprachzertifikat nachweisen. Diese unterrichten als Allrounder mehrere Fächer, und können deshalb auch bei solchen Projekten mitmachen. Generell ist zu sagen, dass in den letzten 20 Jahren in der Fremdsprachendidaktik grosse Fortschritte erzielt wurden.

Weshalb spielt es eine Rolle, dass der Französischunterricht bereits auf der Stufe der Primarschule geschieht?
In der Primarschule erreicht man noch alle Schülerinnen und Schüler in der gleichen Klasse. Alle kommen in den Genuss dieses Bildungsguts. Es ist ein demokratisches Recht aller, Französisch zu lernen, denn bei Beginn an der Oberstufe haben nicht mehr alle Lernenden die gleichen Rechte, vor allem die schwächeren Lernenden nicht. Zusätzlich kommen sie damit früher in Kontakt mit einer anderen Kultur. Alle Kinder erhalten in der Primarschule eine Grundlage, auf der sie später aufbauen können, wenn sie dies wollen und müssen. Alle können so mitreden. Wer keine Ahnung von Französisch hat, wird und fühlt sich in Gruppengesprächen mit anderen ausgeschlossen.

Wie beurteilen Sie die Situation der Lehrkräfte in den vier Nordwestschweizer Kantonen? Es gibt ja erst sehr wenige mit der neuen Ausbildung. Sind die Kantone gut aufgestellt?
Ja, denn alle Lehrpersonen, die an der Primarschule eine Fremdsprache unterrichten, müssen grundsätzlich ein Sprachzertifikat nachweisen. Der Kanton Aargau hat in die Englischausbildung der Lehrpersonen für die Primarstufe Millionen investiert. Für Französisch wurden bisher 50 Personen ausgebildet. In den Passepartout-Kantonen – dazu gehören Basel-Stadt, Baselland und Solothurn –, wo mit Französisch begonnen wird, erhalten die Lehrerinnen und Lehrer zusätzlich obligatorisch zwölf Tage didaktische Weiterbildung. Die Ausbildung ist sehr wichtig. Bei der Vorverlegung von Französisch in den 1990er-Jahren in die 5. Klasse mussten die Lehrerinnen und Lehrer die Sprachkompetenz nicht nachweisen, was bis heute in den Kantonen der Ost- und Zentralschweiz noch nicht nachgeholt wurde.

Neben positiven gibt es auch negative Rückmeldungen von Lehrerinnen und Lehrern zum Unterricht in den Frühfremdsprachen. Welches sind die Ursachen, dass es nicht funktioniert?
Da gibt es verschiedene. Es kann sein, dass eine Lehrerin oder ein Lehrer zu wenig gut ausgebildet ist oder dass sie Probleme hat mit einer generell schwierigen, unmotivierten Klasse. Es ist zu beachten, dass die heutigen Sechstklässler in Baselland, Basel-Stadt oder Solothurn im ersten Durchgang sind, die nach dem neuen Konzept unterrichtet werden – insgesamt sind es 80 000 Kinder in sechs Kantonen. In den weiteren Durchgängen kann die Lehrperson ihren Unterricht gemäss ihren Erfahrungen optimieren. Es gibt zudem aktuell weitere anspruchsvolle Reformen. Unsere Lehrpersonen sind engagiert und versuchen das Beste aus der Situation zu machen.

Haben diese Schüler eine Art Versuchskaninchen-Rolle übernommen?
Nein, so ist es nicht. Die neuen Lehrmittel wurden und werden immer noch zwei Jahre im Voraus in 30 Klassen in drei Kantonen getestet und die Rückmeldungen berücksichtigt. Oft wird rückgemeldet, dass die Stofffülle zu gross sei. Es ist einmalig, dass neue Lehrmittel bereits im Voraus derart aufwendig in der Praxis getestet werden. Aktuell werden die Lehrmittel für die Oberstufe produziert, die Einführung wird erst im Jahr 2018 abgeschlossen sein.

Sind nicht auch besondere Schwierigkeiten zu erwarten, wenn Primarklassen vorwiegend aus fremdsprachigen Kindern zusammengesetzt sind?
Es gibt immer mehr fremdsprachige Kinder in den Schulklassen – auch in Zukunft, denn inzwischen ist in der Schweiz jede zweite Ehe binational. Eine mehrsprachige Schule ist Realität. Kinder mit einer fremden Muttersprache haben es vor allem in der Deutschschweiz schwer, weil sie Dialekt und Standardsprache lernen müssen. Mangelnde Deutschkenntnisse wirken sich in allen Fächern aus. Doch Resultate belegen, dass Kinder mit einer anderen Muttersprache in Französisch oder Englisch nicht schlechter abschliessen als Deutschschweizer. In Französisch beginnen Kinder mit fremder Muttersprache genauso bei null wie die Deutschschweizer. Wichtiger als die Muttersprache ist die Unterstützung durch die Eltern und die Bildungsnähe des Elternhauses.

Die Kantone konnten sich bekanntlich nicht auf die Reihenfolge der Fremdsprachen in der Schule einigen. Welche Rolle spielt die Reihenfolge?
Dass in einigen Kantonen mit Englisch begonnen wird, ist nun mal so. Diese Verantwortung trägt der frühere Zürcher Regierungsrat Ernst Buschor. Die Konferenz der Erziehungsdirektoren hat die Frage den Kantonen offen gelassen. Ich finde, wir sollten die Reform nun zu Ende führen und die Lehrerinnen und Lehrer gemäss den Forderungen des Schweizerischen Lehrerverbands weiter unterstützen. Erst ab 2018 kann seriös Bilanz gezogen werden.

Verstehen wir Sie richtig: Die uneinheit­liche Situation macht Sie zwar nicht glücklich, aber schon wieder Änderungen vornehmen möchten Sie nicht?
Das ist richtig. Ich war überhaupt nicht glücklich, als Herr Buschor Englisch so schnell einführte. Möglicherweise stellen wir fest, dass dereinst am Ende der Schulzeit die erworbenen Kompetenzen in den einzelnen Fremdsprachen ähnlich sind.

Kämpfen Sie mit dem Engagement für Französisch auch um den Zusammenhalt des Landes.
Ja, das ist ein wichtiges Argument.

Welches sind die Ziele der funktionalen Mehrsprachigkeit?
Die funktionale Mehrsprachigkeit steht im Kontrast zur perfekten Mehrsprachigkeit, wie sie früher für eine Elite angestrebt wurde. Funktional bedeutet, dass man sich in einer andern Sprache im Alltag und Beruf verständigen kann, auch mit Fehlern. Perfektion auf der Volksschulstufe zu erreichen, ist schlicht nicht möglich. Fehler muss man beim Üben machen können, sie dann analysieren und aus ihnen lernen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 05.04.2015, 14:12 Uhr

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