«Ich glaubte dem Arzt, dass mein Sohn tot war»

Die spanische Kindermafia raubte Roser und Theo Häfliger aus Aesch vor 35 Jahren ein Kind. Bis heute sind sie auf der Suche nach ihrem Ivan.

«Wir werden nicht aufgeben.» Theo und Roser Häfliger mit einem Bild ihrer drei Kinder Jan Nahuel, Saskia und Sheila. Alle hoffen auf ein Wiedersehen mit ihrem verlorenen Sohn und Bruder Ivan.

«Wir werden nicht aufgeben.» Theo und Roser Häfliger mit einem Bild ihrer drei Kinder Jan Nahuel, Saskia und Sheila. Alle hoffen auf ein Wiedersehen mit ihrem verlorenen Sohn und Bruder Ivan. Bild: Maria Stratmann

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Vor vier Jahren brachte er den Stein ins Rollen. Ein gewisser Antonio Barroso aus Spanien erfuhr von seinem engen Freund, dass seine Eltern nicht seine biologischen Eltern seien. Sie hätten ihn für 200 000 Peseten von einer Nonne gekauft. Eine DNA-Analyse bestätigte das Geständnis. Barroso wurde seiner leiblichen Mutter beraubt.

Der Ursprung liegt in der Zeit des Franco-Regimes. Damals wurden die Kinder der politischen Gegner geraubt, um sie einem Ideologisierungsprogramm zu unterziehen. Oftmals waren es Kinder von inhaftierten Müttern, die Väter wurden deportiert und umgebracht. Was damals als Massnahme gegen den Kommunismus gedacht war, entwickelte sich nach der Diktatur zu einem lukrativen Geschäft: Einige Schätzungen gehen von bis zu 300 000 geraubten Kindern aus. Die Kirche und Ärzte waren dabei Vermittler oder selbst aktive Betreiber des Kinderhandels. Dieser dauerte bis in die 1990er-Jahre an. Roser und Theo Häfliger aus Aesch wurden 1977 selbst Opfer. Roser Häfliger erzählt die Tragödie:

«Wir lebten im April 1977 im Sudan. Mein Mann arbeitete in einem Entwicklungshilfsprojekt der deutschen Regierung. Auch unsere älteste Tochter, Saskia, wurde dort geboren. Auf einem Familienausflug in Kenia liess ich mich von einem Arzt untersuchen. Ich fühlte mich unwohl. Er sagte mir, dass ich schwanger sei. Ich wollte mein zweites Kind nicht im Sudan gebären, weil dort die Umstände der Geburt sehr schwierig waren. Also entschloss ich mich, mit meiner Tochter zu meinen Eltern nach Barcelona, in meine Heimatstadt, zu fliegen. Mein Mann plante, vor der Geburt nachzureisen. Die Schwangerschaft verlief so weit normal.

Dann kamen viel zu früh die Geburtswehen. Ich ging notfallmässig allein in die Privatklinik Clinica del Pilar. Es war mitten in der Nacht. Ich hatte ein ganz komisches Gefühl. Die Entbindungshalle war dunkel. Ausser mir und dem Arzt, Dr. Rodés, inzwischen verstorben, war niemand anwesend. Mein Baby hat gleich geweint, als ich es geboren habe. Der Arzt legte es auf einen Tisch neben dem Gebärstuhl und wollte mich weiterpflegen. Ich habe ihn dann sofort aufgefordert, sich zuerst um mein Kind zu kümmern. Es sei nicht lebensfähig, antwortete er mir. Ich bestand darauf, weil sich mein Kind ja bewegte und wie ein gesundes Baby schrie. Er blieb stur. Dann sterben ich und mein Kind halt zusammen, habe ich ihm gesagt. Ich habe ihn nicht weiter untersuchen lassen, bis er mir mein Kind zurückgab. Durch unseren Körperkontakt konnte ich mein Kind trösten, es beruhigen. Eine Nonne betrat den Raum und wollte mein Kind, meinen Sohn, unverzüglich taufen. Ich sagte ihr den Namen Ivan Häfliger Lanaspa. Ab diesem Zeitpunkt kann ich mich an nichts mehr erinnern.

Schicksal einfach akzeptiert

Als ich am nächsten Morgen zu mir kam, war ich in einem Zimmer der Privatklinik. Ich verlangte sofort nach meinem Sohn. Man hat mir mitgeteilt, dass er in das Kinderspital San Joan de Deu gebracht wurde, weil sie in der Geburtsklinik angeblich keinen Brutkasten zur Verfügung gehabt hätten. Einen Tag später informierten mich dann die Nonnen, dass Ivan an einer Lungenkomplikation gestorben sei. Beerdigt wurde mein Sohn angeblich auf dem Friedhof San Boi in Barcelona. Ich war damals so gutgläubig. Ich habe dem Arzt vertraut. Ich meine: Wer denkt schon daran, dass sein Kind bei einer teuren und renommierten Privatklinik nicht in guten Händen sei? Zudem bin ich gläubig und es war eine katholische Klinik. Da macht man sich keine weiteren Gedanken. Darum habe ich auch nicht mehr nachgefragt.

Danach wollte ich aber den Arzt anzeigen, weil er meiner Meinung nach seine Pflichten vernachlässigt hat. Mein Mann konnte mich dann überzeugen, dass dies Ivan auch nicht wieder lebendig machen und ein langwieriger Prozess nur die Wunden immer wieder aufreissen würde. So liessen wir von der Anzeige ab. Wir haben unser Schicksal einfach akzeptiert. Nach einem kurzen Aufenthalt in der Schweiz reisten wir zum nächsten Auslandseinsatz in Ägypten, im Glauben, dass Ivan tot war. Ich habe ihn 35 Jahre lang in meine Gebete eingeschlossen.

Recherchen bestätigen den Verdacht

Vor einem Jahr sahen wir im spanischen Fernsehen eine Reportage über Kindesraub. Die Geschichten waren unserer sehr ähnlich. Speziell die Aussage einer betroffenen Mutter brachte mich dann ins Grübeln. Sie sagte, sie hätte ihr Kind nie tot gesehen. Auch ich habe Ivan nie tot gesehen, schoss es mir durch den Kopf. Ich begann in Barcelona zu recherchieren. Wir besuchten auch die Geburtsklinik Clinica del Pilar. Dort wurde uns mitgeteilt, dass die Dokumente nicht bis heute aufbewahrt worden sind. Danach gingen wir auf das Zivilstandsamt, um die Geburtsurkunde einzusehen oder, wenn er tatsächlich gestorben ist, den Totenschein. Auch dort gab es keine Hinweise auf Ivan. Nichts war registriert.

Anschliessend besuchten wir das Kinderspital, wohin Ivan angeblich verlegt wurde. Sie haben mir mitgeteilt, dass Ivan in diesem Spital nie angekommen sei. Hingegen bestätigten sie uns, dass Saskia im gleichen Zeitraum behandelt wurde. Für die angebliche Beerdigung und die Taufe, über welche sonst Buch geführt werden, gab es jedoch keine schriftlichen Belege.

Nach und nach wurde uns klar, dass auch unser Sohn gestohlen worden sein muss. Man erzählt, dies sei nur armen Familien passiert. Aber da ich in der Nacht der Geburt alleine war, wurde ich wahrscheinlich zu einem leichten Opfer.

Nun ist es wirklich eine schwierige Situation. Ivan, oder wie er jetzt heisst, hat sein eigenes Leben. Ich habe ihn zwar geboren, doch für ihn ist seine Mutter eine andere. So schmerzhaft das auch für mich ist. Wenn er Verdacht schöpft, aber nicht das Bedürfnis hat, uns zu suchen, dann akzeptieren wir das. Jedoch ist die Ungewissheit, ob er lebt oder inzwischen gestorben ist, kaum zu ertragen. Wir hoffen einfach, dass es ihm gut geht. Aber natürlich ist es der grösste Wunsch der ganzen Familie, ihn zu finden und kennenzulernen. Wir sind froh um jegliche Hinweise.»

Klage als Hoffnungsschimmer

Die Anzeigen der Opfer waren bisher wirkungslos. Und der Staat weigert sich stets, dieses Verbrechen anzuerkennen. Zudem unternimmt er kaum etwas, diese Fälle aufzuklären. Im Gegenteil: Der Richter Baltasar Garzón wurde für unbefugt erklärt, die Gräueltaten der Diktatur zu untersuchen. Er wurde wegen Amtsmissbrauch seiner Funktionen am Nationalen Obergericht enthoben. Zwei Jahre zuvor sah er die Fälle von Kindesraub als unverjährbar an. «Diese Machtlosigkeit macht mich wütend», sagt Theo Häfliger. «Und traurig», ergänzt ihn seine Frau. «Wir wissen auch nicht genau, was wir von der Schweiz aus unternehmen können», so Theo Häfliger. Ivan hätte die Schweizer Staatsbürgerschaft. Darum hoffe er auch auf die Schweizer Behörden.

Nun sind die Häfligers der Stiftung Anadir beigetreten, die von Antonio Barroso gegründet wurde. Sie haben sich auch in deren DNA-Datenbank registrieren lassen. Die Stiftung startete im Frühjahr einen neuen Versuch, Gerechtigkeit zu erlangen. Sie reichte eine Sammelklage mit 261 dokumentierten Fällen ein. Nun wird das Gericht untersuchen müssen, wie sich der während der Franco-Zeit entwickelte Kindesraub auch in der demokratischen Neuzeit als Kindermafia erhalten konnte. (Basler Zeitung)

Erstellt: 27.03.2012, 14:15 Uhr

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